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Laurence Sterne »Tristram Shandy«

  • Herman Meyer

Zusammenfassung

So klar »Don Quijote« als Kunstgestalt der Welt vor Augen steht, so unklar und widerspruchsvoll ist das bei Laurence Sternes »Tristram Shandy« der Fall. Nicht weniger verwirrend als die „opinions“ des gentleman Tristram selber ist die bunte Vielzahl der Meinungen über diesen Roman. Ist »Tristram Shandy« wirklich ein Roman? Das eben ist die Frage, der man seit seinem Erscheinen bis auf heute immer wieder mit zagender Ratlosigkeit gegenübergestanden hat. Während eines halben Jahrhunderts hatte sich die Kunst des Romans in England reich entfaltet, in einer großartigen Entwicklung von Defoe und Swift zu Richardson, Smollett und Fielding – und dann kam Sterne und warf alle Errungenschaften über den Haufen: die feste und reich ausgestaltete Handlungsführung, die folgerichtige Charakterentwicklung, die wirklichkeitgesättigte Milieudarstellung und so weiter. Die Entwicklung von Defoe bis zu Fielding erscheint als eine mächtig anschwellende Woge, die sich dann in »Tristram Shandy« (1760/67) überschlägt und in einem tollen Wirbel von Schaumflocken auseinanderspritzt. Sterne als der Auflöser und Vernichter der „echten“ Romanform und sein Buch eine Improvisation von äußerster Formlosigkeit: das ist so ungefähr das Bild, auf das sich die Literaturkritik des 19. Jahrhunderts festlegte.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Hippolyte Taine »Histoire de la Littérature Française«, Vol. IV, S. 146 f. ; zitiert nach A. de Froe »Laurence Sterne and his Novels Studied in the Light of Modern Psychology«, Groningen 1925, S. 193.Google Scholar
  2. 3.
    Victor Shklovsky »Tristram Shendi. Sterna i teoriya romana«, Leningrad 1921.Google Scholar
  3. Das mir nicht zugängliche Werk wird hier zitiert nach dem Referat von Kenneth E. Harper »A Russian Critic and Tristram Shandy«, in: »Modern Philology« (The University of Chicago Press), Bd 52 (1954), S. 92–100, daselhst S. 94.Google Scholar
  4. 4.
    A. A. Mendilow »Time and the Novel«, London 1952, Kap. 12: »Time, Structure and Tristram Shandy«, bes. S. 169.Google Scholar
  5. 6.
    John Traugott »Tristram Shandy’s World. Sterne’s Philosophical Rhetoric«, University of California Press 1954, S. XIII.Google Scholar
  6. 8.
    vgl. D. W. Jefferson »Tristram Shandy and the Tradition of Learned Wit«, in: »Essays in Criticism« I, 1951, S. 225–248.Google Scholar
  7. 15.
    Paul Stapfer »Laurence Sterne, sa personne et ses ouvrages«, Paris 1882, Kap. 19.Google Scholar
  8. 16.
    Rodolf Maack »Laurence Sterne in seiner Zeit«, 1936, ist löblich bestrebt, die von Ferriar erhobene Anklage, daß Sterne ein Plagiator sei, zurückzuweisen (S. 97 ff.). Nur sieht er Sternes Verhältnis zu seinen Quellen mehr als ein denkerisches denn als ein erzählerisches Verhalten, und dadurch bleibt die Ehrenrettung schwächer als sie sein könnte. Wenn Maack schreibt : „Nirgends (!) suchte er in der Kunst die artistischen Werte, sondern überall den Ausdruck des Seelischen“ (S. 102), so scheint diese Alternative mir dem Gegenstand sehr unangemessen zu sein.Google Scholar
  9. 17.
    E. R. Curtius »Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter«, 1948, behandelt S. 88–90 knapp die Topik der Trostrede, deren Schrumpfungsform der Kondolenzbrief ist. Charakteristisch für die Consolatio ist die Aufzählung von vielen berühmten Personen, die trotz ihrer Macht auf Erden oder auch trotz ihres langen Lebens doch haben sterben müssen.Google Scholar
  10. 18.
    Robert Burton »The Anatomy of Melancholy«, Neuausgabe London 1883, II. 3. 5, S. 406 ff.Google Scholar
  11. 20.
    Burton. S. 6. Das erstere Bild hat Burton vielleicht von Erasmus entlehnt, der sich im Vorwort des »Enchiridion Militis Christiani« über die Scholastiker beklagt, die „in their Summae mix one thing with another and then mix them again, and who like quacks make and remake old out of new and new out of old, one of many, and many of one“. (Hier zitiert nach: W. Schwarz »Principles and Problems of Biblical Translation«, Cambridge 1955, S. 100 f.)Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1961

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  • Herman Meyer

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