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Miguel de Cervantes »Don Quijote«

  • Herman Meyer

Zusammenfassung

Cervantes’ »Don Quijote«1 zeichnet sich nicht weniger als Rabelais’ Romanwerk durch unerschöpflichen Reichtum der Erfindung und Vielfalt in der Ausführung aus. Der große Unterschied, und man darf sogar sagen: der große Fortschritt über Rabelais hinaus besteht aber darin, daß dieser Roman bei aller Vielheitlichkeit doch zugleich ein imposant einheitliches, bei aller Verspieltheit ein im besten Sinne einfaches Werk ist. Simplex sigillum veri: Mit Recht rühmt man ihm die natürliche Konsequenz und die kräftige Geradlinigkeit der Logik nach, mit der sich aus der einfachen anfänglichen Gegebenheit des Hidalgo, der über dem Lesen seiner verschrobenen Ritterromane den Kopf verliert, die ganze weitere erzählerische Erfindung ergibt. Diese geradlinige Konsequenz hängt natürlich irgendwie mit der Einheitlichkeit des Gehalts zusammen, der sich in den polar einander zugeordneten Gestalten des Hidalgo und seines Knappen verkörpert. Dieser Gehalt ist aber nicht nur einheitlich, sondern zugleich auch vielschichtig. Hier gilt es, zwischen der bewußten Ideologie und dem Gehalt im weiteren Sinne zu unterscheiden. Erstere ist aggressiv-satirisch und zeitgebunden, sie richtet sich gegen eine bestimmte Zeiterscheinung, nämlich gegen die hohle Verlogenheit der Ritterromane, die im Gefolge des Amadis-Romans von Garcí Ordóñez de Montalvo (1508) ein Jahrhundert lang ihr wucherndes Wesen getrieben hatten.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Zitiert wird mit Band- und Seitenzahl die Übersetzung von Ludwig Braunfels »Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha«, Neuausgabe Straßburg 1905, 4 Bände. – Der Verf. ist leider selber des Spanischen nicht genug kundig, um »Don Quijote« in der Originalsprache lesen zu können. Zu seiner Freude und Beruhigung fand er in Frau Dr. Mia I. Gerhardt, Verfasserin der ausgezeichneten Studie »Don Quijote, La vie et les livres« (»Mededelingen der Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen, Afdeling Letterkunde«, Nieuwe Reeks, deel 18, Nr 2, Amsterdam 1955) eine sachkundige Leserin, die dies Kapitel kritisch las und billigte.Google Scholar
  2. Zu den in den Anmerkungen verzeichneten Titeln der benutzten Sekundärliteratur ist noch hinzuzufügen die sehr anregende Studie von Leo Spitzer »Linguistic Perspectivism in the Don Quijote«, in: »Linguistics and Literary History«, 1948, S. 41–73.Google Scholar
  3. Vgl. auch die in thematischer und methodischer Hinsicht mit dem hier Vorgelegten sehr verwandte Studie von Käte Hamburger »Don Quijote und die Struktur des epischen Humors« (in: »Festgabe für Eduard Berend«, 1959, S. 191 bis 209), die mir erst nach Abschluß des Manuskripts zugänglich wurde.Google Scholar
  4. 2.
    Freilich ist Cervantes’ Meinung und Haltung den Ritterbüchern gegenüber komplexer Art. Über diese Komplexität sehr lehrreich: Salvador de Madariaga »Don Quixote, An Introductory Essay in Psychology«, 2. Aufl., Oxford 1948, das Kapitel »Cervantes and Chivalry Books« (S. 11–37), besonders durch die fruchtbare Unterscheidung von Cervantes’ literarischer Kritik und schöpferischem Künstlertum. Die These, daß der Kampf gegen die Ritterromane vom Anfang an höchstens ein unwichtiges Nebenmotiv gewesen sei und daß sogar „Cervantes’ first idea must have been that of writing a model Chivalry Book“ (S. 37) scheint mir freilich nicht überzeugend. Besonders bleibt es mir unverständlich, daß der Verf. aus der m. E. völlig einsinnigen Diatribe des Domherrn gegen die Ritterromane (I, 47, gegen Ende) ein deutliches Lob der Ritterromane heraushört.Google Scholar
  5. 4.
    vgl. hierzu die tiefschürfende Analyse von Helmut Hatzfeld »Don Quijote als Wortkunstwerk«, 1927, bes. S. 1 ff. und 222 ff.,Google Scholar
  6. und die treffliche Zusammenfassung von demselben Verf. in: Viktor Klemperer, Helmut Hatzfeld und Fritz Neubert »Die romanischen Literaturen von der Renaissance bis zur französischen Revolution« (in der Reihe: »Handbuch der Literaturwissenschaft«, hrsg. von Oskar Walzel), 1924, S. 175 ff.Google Scholar
  7. 7.
    Die ganze Episode geht auf das parodistische Werk »L’Entremés de los Romances« (1597) zurück; vgl. Paul Hazard »Don Quichotte de Cervantes«, Paris o. J. (um 1938) S. 119 ff.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1961

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  • Herman Meyer

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