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»[…] fast ein Handbuch zu finden«. Zum ›double bind‹ der Hermeneutik Heinrich Bosses und Friedrich Kittlers um 1980

  • Erhard Schüttpelz
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Die neuere germanistische Wissenschaftsgeschichtsschreibung unterscheidet sich von der älteren durch ihren Respekt vor der Fremdheit des Vergangenen. Und wenn, wie es mir erlaubt zu sein scheint, die erwähnten Arbeiten wenigstens in ihrer Gesamtheit als Repräsentanten des Faches genommen werden, dann hat das derzeitige Verhältnis der deutschen Literaturwissenschaft zu ihrer Geschichte gewisse Züge eines Verhältnisses angenommen, wie es zwischen der modernen Ethnologie und ihrem ›Gegenstand‹ besteht: die Wissenschaftsgeschichte stellt sich dar als das Feld von früheren Varianten des gegenwärtigen Eigenen, die sich bisweilen verwandt oder seltsam bekannt ausnehmen, immer aber fremd und nicht selten auch befremdlich. […] Da die gegenwärtige Literaturwissenschaft mit Hilfe der Wissenschaftsgeschichtsschreibung sich selbst wenigstens in einigen Aspekten im Spiegel ihrer Vergangenheit als deren Gespenst erscheint, wird dieser Effekt jedenfalls nicht ohne Umschweife ›Selbstvergewisserung‹ heißen können.1

Ich bleibe im folgenden bei der Frage einer ›Eigen-Ethnographie‹, die durch Literaturwissenschaft und Wissenschaftsforschung betrieben oder postuliert wird, und ich bleibe bei einigen ethnologischen Gespenstern, die — so unwahrscheinlich das vielleicht klingen wird — germanistische Seminare heimgesucht haben und noch heimsuchen werden. Wenn eine Wissenschaftsgeschichtsschreibung im Respekt vor der Fremdheit des Vergangenen beginnt, wie vergangen muß dieses dann sein? Genügt auch ein soeben Vergangenes für ihren »Effekt«, jene jüngste Vergangenheit, die verstorbene Zwillingsschwester der Gegenwart?

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Authors and Affiliations

  • Erhard Schüttpelz

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