Advertisement

Kritischer Sinn und die Fähigkeit zum Vergessen. Das Verhältnis zu Texten bei Veränderungen von Struktur und Semantik der Gesellschaft

  • Elena Esposito
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Aus soziologischer Sicht (wie auch in der Perspektive anderer Wissenschaften) ist der Übergang zur Modernität mit einer Reihe äußerst bedeutsamer Veränderungen verbunden. Eine davon betrifft das Verhältnis zu Texten — sowohl auf der physischen Ebene (Darstellung, Zusammenstellung, Organisation der Schriften) als auch auf der Beobachtungsebene (Beziehungen zwischen Autor, Leser und Referent). Der Soziologie steht diese Frage zu, weil die hier zu erörternden Probleme — wie wir sehen werden — auf Veränderungen der Gesellschaftsstruktur und der Kommunikationsform zurückgeführt werden können: auf die Kommunikation eben, die von geschriebenen Texten vermittelt wird. Die Frage ist außerdem wegen einer Reihe von Veränderungen aktuell, die in jüngster Zeit die moderne Form des geschriebenen Textes betreffen. Eine neue Reflexivität mit fortschreitender Einbeziehung der Perspektive des Beobachters (des Autors oder Lesers) innerhalb des Textes setzt sich durch. Und — wie in vielen anderen Fällen — reflektieren und begleiten die Kommunikationstechnologien die semantischen Veränderungen: Hypertexte und telematische Kommunikation führen heute anscheinend zur Überwindung der modernen Unterscheidung von Buch und Text. Um diese Tendenzen zu verstehen, halte ich es für wichtig, zuerst die Umwandlungen und Voraussetzungen zu betrachten, die in der frühen Neuzeit (17./18. Jahrhundert) zum aktuellen Textbegriff geführt haben. Dann kann die Frage gestellt werden, wie und unter welchen Aspekten dieser Textbegriff heute revidiert werden muß.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literaturverzeichnis

  1. 1.
    Vgl. Michel Foucault: Les mots et les choses. Paris 1966 (ital. Übers. Le parole e le cose. Milano 1967), insbes. Kap. II.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Bern 1948, § XVI, 7.Google Scholar
  3. 3.
    Die komplementäre Position ist diejenige des auf die Thora zentrierten rabbinischen Judentums. Die Grundidee ist, daß die geschriebene Thora den Bauplan der Schöpfung beinhaltet. Wer das Buch richtig kennt und interpretiert, versteht dann auch die Welt. Das Geschriebene ist für die Rabbiner eine Erfahrungswelt mit höherer Valenz als die empirische Welt, vgl. Peter Schäfer: »Text, Auslegung und Kommentar im rabbinischen Judentum«. In: Jan Assmann/Burkhard Gladigow (Hrsg.): Text und Kommentar. Archäologie der Literarischen Kommunikation IV. München 1995, S. 163–186;Google Scholar
  4. Arnold Goldberg: »Formen und Funktionen von Schriftauslegung in der frührabbinischen Literatur«. In: Jan Assmann/Burkhard Gladigow (Hrsg.): Text und Kommentar. Archäologie der Literarischen Kommunikation IV. München 1995, S. 187–198.Google Scholar
  5. 4.
    Vgl. Elizabeth L. Eisenstein: The Printing Press as an Agent of Change. Communications and Cultural Transformations in Early-Modern Europe. Cambridge 1979, zit. nach der ital. Übers. La rivoluzione inavvertita: la stampa come fattore di mutamento. Bologna 1985, S. 523ff.Google Scholar
  6. 5.
    Aus soziologischer Sicht spricht man von Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems, vgl. Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1990.Google Scholar
  7. 6.
    Siehe dazu (anstatt vieler) Gianni Celati: Finzioni occidentali. (1975). 2. Aufl. Torino 1986.Google Scholar
  8. Einen Versuch, über die implizierten modalen Kategorien nachzudenken, findet man in Thomas G. Pavel: Fictional Worlds. Cambridge, Massachusetts 1986.Google Scholar
  9. 7.
    Vgl. Paolo Rossi: Clavis universalis. Arti mnemoniche e logica combinatoria da Lullo a Leibniz. Milano/Napoli 1960, insbes. S. 36ff.Google Scholar
  10. 8.
    Vgl. Antoine Faivre: L’ésotérisme. Paris 1992.Google Scholar
  11. 9.
    Ramus’ Innovation laut Ong, vgl. z.B. Walter J. Ong: »Ramist Method and the Commercial Mind«. In: Studies in the Renaissance 8 (1961), S. 155–172, hier S. 165.CrossRefGoogle Scholar
  12. 10.
    Es ist die Zeit der Proliferation der Paradoxien (vgl. z.B. Rosalie L. Colie: Paradoxia Epidemica. The Renaissance Tradition of Paradox. Princeton, New Jersey 1966), des widersprüchlichem Gebrauchs der gedruckten Texte für die Verbreitung der (grundsätzlich mündlichen) Formen der Rhetorik und der ›ars memoriae‹ — vgl. Lina Bolzoni: »Gedächtniskunst und allegorische Bilder. Theorie und Praxis der ars memoriae in Literatur und bildender Kunst Italiens zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert«. In: Aleida Assmann/Dietrich Harth (Hrsg.): Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung. Frankfurt a. M. 1991, S. 147–176, und dies.: La stanza della memoria. Modelli letterari e iconografici nell’ età della stampa. Torino 1995;Google Scholar
  13. Frances A. Yates: The Art of Memory. London 1966 (ital. Übs. L’arte della memoria. Torino 1993). Und es ist die Zeit der literarischen Formen zwischen ›romance‹ und modernem Roman mit dem ständigen Oszillieren des Beobachters von der Außenseite zur Innenseite des Textes (Rabelais, Cervantes).Google Scholar
  14. 11.
    Eine emanative Einstellung im Sinne Günthers — vgl. Gotthard Günther: »Logik, Zeit, Emanation und Evolution«. In: Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen Nr. 136, 1967, S. 7–47. Auch in: Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik. Bd. 3. Hamburg 1980, S. 95–135.Google Scholar
  15. 13.
    Vgl. Niklas Luhmann: »A Redescription of ›Romantic Art‹«. In: MLN 111 (1996), S. 506–522;CrossRefGoogle Scholar
  16. Elena Esposito: »Interaktion, Interaktivität und die Personalisierung der Massenmedien«. In: Soziale Systeme 2 (1995), S. 223–259.Google Scholar
  17. 14.
    In der folgenden Diskussion des Kulturbegriffs werden wir uns laufend beziehen auf Niklas Luhmann: »Kultur als historischer Begriff«. In: N. L.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Bd. 4. Frankfurt a.M. 1995, S. 31–54.Google Scholar
  18. 15.
    Vgl. Siegfried Wiedenhofer: »Erinnerte Tradition und tradierte Erinnerung in Humanismus und Reformation«. In: Aleida Assmann/Dietrich Harth (Hrsg.): Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung. Frankfurt a. M. 1991, S. 305–318, hier S. 307.Google Scholar
  19. 16.
    Gerade wenn die Gesellschaft eine einzige ›Weltgesellschaft‹ wird: »Die Welt wird dupliziert als ›von innen gesehen‹ und ›von außen gesehen‹, dupliziert obwohl und gerade weil sie offensichtlich nur einmal vorhanden ist« — Niklas Luhmann: »Die Ausdifferenzierung der Religion«. In: Gesellschaftsstruktur und Semantik: Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 3. Frankfurt a.M. 1989, S. 259–357, hier S. 313.Google Scholar
  20. 18.
    Noch heute sehr instruktiv ist diesbezüglich die Analyse in Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Neuwied 1962 — sowohl direkt (für die behandelten Fragen) als auch indirekt (als Beispiel einer Tendenz in der soziologischen Beschreibung historischer Konstellationen).Google Scholar
  21. 19.
    Vgl. Jaques Le Goff: Storia e memoria. Torino 1977–1982, S. 161.Google Scholar
  22. 20.
    Die ›memoria‹ ist allerdings (gerade infolge der Schrift) sehr früh abgeschafft worden, vgl. Roland Barthes: »L’ancienne Rhétorique«. In: Communications 16 (1970), S. 172–229, zit. nach der ital. Übers. La retorica antica. 3. Aufl. Milano 1996, S. 58ff.CrossRefGoogle Scholar
  23. 21.
    Dazu — mit viel Material — Mary J. Carruthers: The Book of Memory. A Study of Memory in Medieval Culture. Cambridge 1990. Die Relevanz der Unterscheidung ›mnèmè/hypomnesis‹ schon bei Plato wird angesprochen in Jacques Derrida: »La Pharmacie de Platon«. In: Tel Quel Nr. 32 und 33, 1968, dazu Platon: Phèdre. Hrsg. von Luc Brisson. Paris 1989, S. 255–401Google Scholar
  24. 22.
    Vgl. Harald Weinrich: Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens. München 1997; Yates (Anm. 10), zit. nach der ital. Übers., S. 87.Google Scholar
  25. 23.
    Vgl. Terence Cave: »The Mimesis of Reading in the Renaissance«. In: John D. Lyons/Stephen G. Nichols (Eds.): MIMESIS. From Mirror to Method. Augustine to Descartes. Hannover, New Hampshire 1984, S. 149–165.Google Scholar
  26. 27.
    Mit der Renaissance ändert sich auch der Sinn der Unterscheidung von natürlichem und künstlichem Gedächtnis — vgl. Joan Marie Lechner: Renaissance Concepts of the Commonplaces. New York 1962. Im klassischen Verständnis war das natürliche Gedächtnis das eingeborene, während das künstliche Gedächtnis durch Übung und Memorisierungstechniken verstärkt wurde. Um 1500 gehört dagegen zum natürlichen Gedächtnis alles, was sich im menschlichen Kopf ereignet, während das künstliche Gedächtnis sich der Bücher bedient. Deshalb das paradoxale Revival des Interesses für die ›ars memoriae‹, die man mit Hilfe der Texte zu stärken versucht: gerade, als der Buchdruck den klassischen Gedächtnisbegriff endgültig obsolet werden läßt — vgl. Bolzoni 1995 (Anm. 10), insbes. S. XX.Google Scholar
  27. 29.
    Vgl. Walter J. Ong: Ramus. Method and the Decay of Dialogue. From the Art of Discourse to the Art of Reason. (1958). 2. Aufl. New York 1979, S. 89.Google Scholar
  28. 30.
    Vgl. Ivan Illich: »Von der Prägung des Er-Innerns durch das Schriftbild. Überlegungen zur Arche Noah des Hugo von St. Victor«. In: Aleida Assmann/Dietrich Harth (Hrsg.): Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung. Frankfurt a. M. 1991, S. 45–56, hier S. 55; Eisenstein (Anm. 4), S. 105ff., zit. nach der ital. Übers.; Carruthers (Anm. 21), Kap. 3.Google Scholar
  29. 32.
    Wayne C. Booth (The Rhetoric of Fiction. Chicago/London 1961) unterscheidet in Bezug auf den modernen Roman zwischen ›showing‹ und ›telling‹.Google Scholar
  30. 33.
    Vgl. Roger Chartier: L’ordre des livres. Lecteurs, auteurs, bibliothèques en Europe entre XIV et XVIII siècle. Aix-en-Provence 1992, zit. nach der ital. Übers. L’ordine dei libri. Milano 1994, S. 25.Google Scholar
  31. 34.
    Ein viel diskutiertes Thema; siehe etwa die klassische Monographie von Ian Watt: The Rise of the Novel. London 1957, und — stärker auf die Selbständigkeit der fiktionalen Welt bezogenGoogle Scholar
  32. Lennard J. Davis: Factual Fictions. The Origins of the English Novel. New York 1983. Ein anderer Aspekt ist die Entstehung der formellen Schriften, die von Leibniz systematisiert werden. Zu diesem Punkt, der hier nicht vertieft wird,Google Scholar
  33. siehe Sybille Krämer: Symbolische Maschinen. Die Geschichte der Formalisierung in historischem Abriß. Darmstadt 1988, und dies.: »Schrift und Episteme am Beispiel Descartes«. In: Peter Koch/S. K. (Hrsg.): Schrift, Medien, Kognition. Tübingen 1997, S. 105–126.Google Scholar
  34. 36.
    So seit Leibniz — vgl. Ingetrud Pape: »Von den ›möglichen Welten‹ zur ›Welt des Möglichen‹. Leibniz im modernen Verständnis«. In: Studia Leibniziana Supplementa. Akten des internationalen Leibnizkongresses Hannover 14.–19. November 1966. Wiesbaden 1968. Eine neuere Reflexion zu diesen Themen findet man in Pavel (Anm. 6).Google Scholar
  35. 40.
    Eingeschlossen die in den Debatten zur Oralität und Alphabetisierung viel diskutierten formularen Kompositionstechniken: siehe z.B. Albert B. Lord: The Singer of Tales. (1960). 2. Aufl. Cambridge, Massachusetts 1964;Google Scholar
  36. Eric Havelock: Preface to Plato. Cambridge, Massachusetts 1963;Google Scholar
  37. Paul Zumthor: Introduction à la poésie orale. Paris 1983.Google Scholar
  38. 41.
    Vgl. Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien. Opladen 1996, insbes. S. 105.CrossRefGoogle Scholar
  39. 42.
    Zu den Hypertexten siehe George S. Landow: Hypertext. The Convergence of Contemporary Critical Theory and Technology. Baltimore 1992;Google Scholar
  40. Mike Sandbothe: »Interaktivität — Hypertextualität — Transversalität. Eine medienphilosophische Analyse des Internet«. In: Stefan Münker/Alexander Roesler (Hrsg.): Mythos Internet. Frankfurt a. M. 1997, S. 56–82;Google Scholar
  41. Jay David Bolter: »Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens«. In: Stefan Münker/Alexander Roesler (Hrsg.): Mythos Internet. Frankfurt a.M. 1997, S 37–55.Google Scholar
  42. 43.
    Vgl. Elena Esposito: »Illusion und Virtualität. Kommunikative Veränderungen der Fiktion«. In: Werner Rammert (Hrsg.): Soziologie und künstliche Intelligenz. Frankfurt a.M. 1995, S. 187–210.Google Scholar
  43. 44.
    Dieses Thema ist ausführlicher behandelt worden in Elena Esposito: »Observing Interpretation: A Sociological View of Hermeneutics«. In: MLN 111 (1996), S. 593–619.CrossRefGoogle Scholar
  44. 45.
    Zu diesem Thema und zu den Eigentümlichkeiten der Idee von ›realer Zeit‹ siehe Elena Esposito: »The Hypertrophy of Simultaneity in Telematic Communication«. In: Thesis Eleven 51 (1997), S. 17–36.CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2000

Authors and Affiliations

  • Elena Esposito

There are no affiliations available

Personalised recommendations