Advertisement

Kritische Philologie heute

  • Christoph König
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Die Kritische Philologie1 verbindet einen ethischen mit einem ästhetischen Gedanken: Ihr gilt als schön, was partikular ist, und die Partikularität schafft der Dichter, indem er das Gegebene übernimmt und sich davon befreit. Wie er abweicht, läßt sich mit dem klaren Verstand erkennen, der die Kritik auszeichnen soll. Weder ist das Besondere vom Allgemeinen als Begriff ableitbar, noch als numinos zu denken, wie gern in der Benjamin-Exegese praktiziert, denn es bleibt allen zugänglich. So muß die Rationalität der Kritik zugleich partikular und universal sein. Doch die Leser und Interpreten stehen in Räumen mit ihren Regeln und ihrer Geschichte, über deren Begrenztheit man gern hinwegtäuscht, so daß jeweils als allgemein gilt, was doch nur in diesen Räumen verbindlich ist, sei es in der Kultur, der Wissenschaft, der Politik oder der Literatur selbst. In deren Gravitation kann der Interpret geraten. Die Literaturwissenschaft auf den Spuren Martin Heideggers ist dafür ein Beispiel bis heute. Dann wird nicht nur das Partikulare ins Allgemeine gezogen, sondern das Allgemeine erhebt vergeblich diesen Anspruch.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literaturverzeichnis

  1. 1.
    Diese Bezeichnung ist noch nicht geläufig; sie verbindet — gegen eine philosophisch begründete Hermeneutik Hans-Georg Gadamers — die hermeneutisch-philosophisch reflektierte Philologie im weiteren Sinn, die sich von August Boeckh und Friedrich August Wolf herleitet — vgl. Wilfried Barner: »Zwischen Gravitation und Opposition. Philologie in der Epoche der Geistesgeschichte«. In: Christoph König/Eberhard Lämmert (Hrsg.): Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 1910 bis 1925. Frankfurt a.M. 1993, S. 201–231 —, mit der Kritischen Theorie Theodor W. Adornos. Den Maßstab setzen die Forschungen von Jean Bollack — vgl. J. B.: La Grèce de personne. Les mots sous le mythe. Paris 1997; auf die neuere deutsche Literatur gewendet: ders.: »Celan liest Benjamin« (1968). In: Mitteilungen. Marbacher Arbeitskreis für Geschichte der Germanistik. H. 13/14 (1998), S. 1–11; zur theoretischen Begründung vgl. auch Pierre Judet de La Combe: »Sur la relation entre interprétation et histoire des interprétations«. In: Revue Germanique internationale. H. 8: Théorie de la littérature. Hrsg. von Christoph König (1997), S. 9–29,Google Scholar
  2. und Christoph König: »Wissen, Werte, Institutionen«. In: Wilfried Barner/Ch. K. (Hrsg.): Zeitenwechsel. Germanistische Literaturwissenschaft vor und nach 1945. Frankfurt a.M. 1996, S. 361–384.Google Scholar
  3. 2.
    Jürgen Habermas: Erläuterungen zur Diskursethik. Frankfurt a. M. 1991.Google Scholar
  4. 3.
    Vgl. Peter Szondi: »Schleiermachers Hermeneutik heute« (1970). In: P. S.: Schriften. 2 Bde. Hrsg. von Jean Bollack mit Henriette Beese u. a. Frankfurt a. M. 1978, Bd. 1, S. 106–130.Google Scholar
  5. 6.
    Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. (Gesammelte Werke 1). 6., durchges. Aufl. Tübingen 1990, S. 270ff. und S. 387ff.;Google Scholar
  6. vgl. Gary B. Madison: The Hermeneutics of Postmodernity. Bloomington 1990.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Christoph König: »Berliner Gemeinplätze«. In: Protest! Literatur um 1968. (Marbacher Katolog 51). Marbach 1998, S. 87–180; Jürgen Link betont die Proliferation: »Die achtundsechziger Bewegungen waren […] authentische Kulturrevolutionen, insofern sie überall innerhalb der ›Intelligenz‹ […] ausgelöst wurden […] und jeweils in einer ersten Phase (die, abgesehen vor allem von Frankreich und Italien, häufig die einzige blieb) im wesentlichen in der ›Intelligenz‹ proliferierten. Damit meine ich aber nicht bloß ein empirisches soziales Faktum, sondern vor allem auch die Tatsache, daß diese Bewegungen zunächst und fundamental die Struktur der intellektuellen Arbeitsteilung infrage stellten (contester) — bis hin zur Infragestellung der Arbeitsteilung zwischen manueller und intellektueller Arbeit überhaupt« — J. L.: »Was es heißt, sich mit dem Normalismus anzulegen. Zu einem prekären Aspekt von ›68«. Vortrag zur Tagung »1968. Wissenschaftsgeschichte und politische Bewegung«, Berlin, 11.–13.6.1998, Vortragsmanuskript, S. 3. Klaus R. Scherpe fragt (auf derselben Tagung unter dem Titel: »Störfall ›68. Authentizität und Antiautorität«), wie aktionistische Störungen möglich wurden, und findet die Antwort im subjektiven Verlangen nach ›Authentizität‹: Mit ihrer Hilfe wurde ein eigener politischer Raum geschaffen, gegen Autorität und ihre ›Legitimation‹, in dem die Aktion entstand. — Chlodwig Poth zeichnete als ›Progressiven Alltag‹ die Versuche, im Privaten politisch authentisch zu leben; ein spätes Zeugnis gibt Sigrid Weigel im Vorwort zu ihrer Hamburger Dissertation von 1977 (Flugschriften 1848 in Berlin. Versuch zu einer politischen Literaturgeschichte deutscher Flugschriften in der Dialektik von bürgerlicher und nicht-bürgerlicher Öffentlichkeit), in dem sie manches rechtfertigt, darunter Archivbesuche und private Hilfe: »Tilman Kressel unterstützte mich im Durchhalten, indem er mich in Streßzeiten von allen leidigen Reproduktionsarbeiten befreite im Bewußtsein, daß zwar eine Umkehrung der Rollenaufteilung keine gesellschaftliche Perspektive zu ihrer Überwindung darstellt, wohl aber individuell und kurzfristig notwendig sein kann« (S. V). 8 »Der liberalen und kritischen Gesinnung der Intellektuellen in dem Jahrzehnt vor der Studentenbewegung kam der aufgeklärte, nonkonformistische, offene und experimentelle Charakter des Essays entgegen.« —Google Scholar
  8. Heinz Schlaffer: »Essay«. In: Klaus Weimar u. a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin/New York 1997, Bd. 1, S. 522–525, hier S. 325. Aus Heinz Schlaffer spricht gerade der Analogiegedanke der Kritik, den ich hier problematisiere: »Eine sozialgeschichtlich orientierte und politisch engagierte Germanistik mußte die subjektive, distanzierte Haltung des Essays als unergiebig und unerheblich für ihre Zwecke einschätzen.« (ebd.).Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. Klaus Garber: Rezeption und Rettung. Drei Studien zu Walter Benjamin. (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 22). Tübingen 1987; König (Anm. 7), S. 127–134.Google Scholar
  10. 10.
    Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Bd. 1, T. 2. Hrsg. von Rolf Tiedemann/Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt a. M. 1974, S. 701.Google Scholar
  11. 20.
    Vgl. Gert Mattenklott: Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang. (Studien zur Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft 1). Stuttgart 1968.Google Scholar
  12. 23.
    Vgl. Gert Mattenklott/Klaus R. Scherpe: »Aspekte einer sozialgeschichtlich fundierten Literaturgeschichte am Beispiel von Lessings Mitleidstheorie«. In: Walter Müller-Seidel (Hrsg.) Historizität in Sprach- und Literaturwissenschaft. Vorträge und Berichte der Stuttgarter Germanistentagung 1972. München 1974, S. 247–258.Google Scholar
  13. 24.
    Winfried Menninghaus: Schwellenkunde. Walter Benjamins Passage des Mythos. Frankfurt a.M. 1986; zu »Benjamin als Favorit der akademischen Dissertation« vgl. Garber (Anm. 9), S. 162–182; Mattenklott/Scherpe (Anm. 23) gehen von Gadamers Geschichtsphilosophie aus. Mattenklott deutet später Hofmannsthals politische Ästhetik nach dem Weltkrieg als Verrat an der ihm genuinen Esoterik, zu der er später wieder zurückkehrt — G. M.: »Der Begriff der kulturellen Räume bei Hofmannsthal«. In: Ursula Renner/Gisela Bärbel Schmid (Hrsg.): Hugo von Hofmannsthal. Freundschaften und Begegnungen mit deutschen Zeitgenossen. Würzburg 1991, S. 11–25.Google Scholar
  14. 26.
    Hans Magnus Enzensberger: »The writer and politics«. In: Times Literary Supplement, 28.9.1967.Google Scholar
  15. 28.
    Vgl. Ernst Osterkamp: »Klassik-Konzepte. Kontinuität und Diskontinuität bei Walther Rehm und Hans Pyritz«. In: Barner/König (Anm. 1), S. 150–170; vgl. Hartmut Titze: »Hochschulen«. In: Dieter Langewiesche/Heinz-Elmar Tenorth (Hrsg.): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd. 5: 1918–1945. Die Weimarer Republik und die nationalsozialistische Diktatur. München 1989, S. 209–240.Google Scholar
  16. 30.
    Peter Szondi: Über eine »Freie (d.h. freie) Universität«. Stellungnahmen eines Philologen. Aus dem Nachlaß hrsg. von Jean Bollack. Frankfurt a. M. 1973.Google Scholar
  17. 35.
    Theodor W. Adorno: »Zum Klassizismus von Goethes Iphigenie«. In: Th. W. A.: Noten zur Literatur. Frankfurt a.M. 1981, S. 495–514.Google Scholar
  18. 38.
    Michel Foucault: Il faut défendre la société. Cours au Collège de France. (1976). Paris 1997, S. 10.Google Scholar
  19. 42.
    Hugo von Hofmannsthal: Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe. Veranstaltet vom Freien Deutschen Hochstift, hrsg. von Rudolf Hirsch u. a., Dramen Bd. 14.1: Der Turm. Erste Fassung. Hrsg. von Werner Bellmann. Frankfurt a.M. 1990, gilt als »erste Fassung« (zur Überlieferung vgl. ebd., S. 143 und S. 178–201); im Oktober 1925 erschien im Münchner Verlag der Bremer Presse die (stark gekürzte) Buchausgabe (»zweite Fassung«). Als »dritte Fassung« gilt die Veröffentlichung 1927 bei S. Fischer in Berlin; sie wurde für die Erstaufführungen benutzt (daher die übliche Bezeichung »Bühnenfassung«). Vgl. zum folgenden: Christoph König: Hofmannsthal unter den Philologen. Zum Verhältnis von Dichtung und Wissenschaft in der Kultur der Moderne. Habilitationsschrift, Humboldt-Universität zu Berlin 1997 (Publikation in Vorbereitung).Google Scholar
  20. 44.
    Gerhart Pickerodt: Hofmannsthals Dramen. Kritik ihres historischen Gehalts. (Studien zur Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft 3). Stuttgart 1968; die Dissertation entstand bei Peter Szondi — vgl. Szondi: Briefe (Anm. 27), S. 177–179.Google Scholar
  21. 47.
    Vgl. auch Bernd Peschken: »Zur Entwicklungsgeschichte von Hofmannsthals ›Turm‹, mit ideologiekritischer Absicht«. In: Germanisch-Romanische Monatsschrift 19 (1969), S. 152–178. Peschkens Ideologiekritik zielt ähnlich gegen die von Hofmannsthal inszenierte Innerlichkeit, die sich selbst genügt (aufgrund der Fehldeutung des Handschriftenbefunds erkennt er nicht die Bemühungen Hofmannsthals, in der Kinderkönigfassung Subjekt und Welt dramaturgisch zu verbinden). »Die geschlossene Innerlichkeit, die durch die Turmexistenz Sigismunds als verhängnisvoll und quälerisch bezeichnet worden war, wird jetzt [in der Trochäenfassung von 1902/04], wo Sigismund sich selbst abschließt, sich zur Ganzheit erklärt und das mystische Königreich realisiert wähnt, zum höchsten Wert erhoben. Da damit freilich das Problem der Verhältnislosigkeit von Innerlichkeit und Welt nicht gelöst ist, findet Hofmannsthal 1925 den Ausweg, Welt und Gesellschaft schuldig zu sprechen: Sigismund wird zum Märtyrer der Innerlichkeit gestempelt. In der Fassung von 1927 wird dieser Ausweg mit Entschiedenheit weitergegangen« (S. 160).Google Scholar
  22. 49.
    Konrad Burdach: »Sinn und Ursprung der Worte Renaissance und Reformation«. In: Sitzungsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften. Gesammtsitzung am 23.6.1910. Berlin 1910, S. 594–646.Google Scholar
  23. 52.
    Vgl. Peter Szondi: Das lyrische Drama des Fin de siècle. Studienausgabe der Vorlesungen. Hrsg. von Henriette Beese. Frankfurt a.M. 1975, Bd. 4, S. 17.Google Scholar
  24. 53.
    Vgl. Christoph König: »Wissensvorstellungen in Goethes Faust II«. In: Euphorion 93 (1999) H. 2, S. 227–249.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2000

Authors and Affiliations

  • Christoph König

There are no affiliations available

Personalised recommendations