Advertisement

Philologische Modernisierung in der Restauration. Literaturwissenschaft in den 1950er Jahren: Peter Szondi

  • Stefan Scherer
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Zu den stärksten Homogenitätsannahmen, die die disziplinäre Einheit der germanistischen Literaturwissenschaft in den 1950er Jahren jenseits ihrer institutionellen Überschaubarkeit1 konstituieren, gehört die unangefochtene Dominanz der sogenannten werkimmanenten Interpretation. Anerkannt ist der Befund, daß ihr die politische Abstinenz und eine enthistorisierende Werte-Rhetorik in der Feier der Humanität, die sich ergriffen in das begriffene Werk einfühlt, zum Erfolg in den 1950er Jahren verholfen hat, obwohl Programmatik und Praxis vor die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückreichen. Die weltanschauliche Neutralität verschränkt sich mit der gesamtgesellschaftlichen Entpolitisierung der 1950er Jahre, die auch die Germanistik nach ihrer Selbstanschließung an den Nationalsozialismus im »Zeichen einer ›humanistischen Restauration‹« mitvollzieht.2 Die Restaurationsthese, von der linkskatholischen Publizistik Dirks’ und Kogons Anfang der 1950er Jahre als Diskurselement implantiert, erweist sich dann Mitte der 1960er Jahre als erfolgreicher Mechanismus, die Adenauerzeit und damit die Nachkriegszeit selbst final zu verabschieden. In der Literaturwissenschaft erfolgt der Strukturwandel, der sich zur gleichen Zeit auch in den anderen Disziplinen der sogenannten Geisteswissenschaften beobachten läßt,3 durch die diskursive Verschränkung von Methoden- und Funktionenreflexion, Ideologiekritik und Kritik der werkimmanenten Interpretation, die seit dem Münchner Germanistentag von 1966 forschungspolitisch auch im Sinne einer Institutionalisierung der disziplinären Selbstreflexion wirksam wird.4

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literaturverzeichnis

  1. 1.
    Vgl. Peter Weingart u. a.: Die sog. Geisteswissenschaften: Außenansichten. Die Entwicklung der Geisteswissenschaften in der BRD 1954–1987. Frankfurt a.M. 1991, S. 298.Google Scholar
  2. 2.
    Wilhelm Voßkamp: »Literaturwissenschaft als Geisteswissenschaft. Thesen zur Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg«. In: Wolfgang Prinz/Peter Weingart (Hrsg.): Die sog. Geisteswissenschaften: Innenansichten. Frankfurt a.M. 1990, S. 240–247, hier S. 242. Zum neuen Selbstbewußtsein und zur »neuerlich angestrebten institutionellen Macht« der deutschen Literaturwissenschaft im »restaurativen und antimodernen geistigen Klima« um 1950 vgl.Google Scholar
  3. Klaus R. Scherpe: »Die Moderne sollte vermieden werden. Westdeutsche Literaturwissenschaft 1945–1950«. In: Die rekonstruierte Moderne. Studien zur deutschen Literatur nach 1945. Köln u. a. 1992, S. 1–22, hier S. 8.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Rainer Kolk: »Fachgeschichtsforschung als historische Selbstreflexion in der Germanistik«. In: Johannes Janota (Hrsg.): Kultureller Wandel und die Germanistik in der Bundesrepublik. Vorträge des Augsburger Germanistentags 1991. Tübingen 1993. Bd. 2, S. 217–226; Holger Dainat: »›… die Dinge selbst in Bewegung setzen‹. Fachentwicklung und Selbstreflexion in der bundesrepublikanischen Germanistik seit den sechziger Jahren«. In: Janota, S. 207–216;Google Scholar
  5. Hartmut Gaul-Ferenschild: National-völkisch-konservative Germanistik. Kritische Wissenschaftsgeschichte in personengeschichtlicher Darstellung. (Literatur und Wirklichkeit 27). Bonn 1993, S. 60f.Google Scholar
  6. 5.
    Wilfried Barner: »Literaturwissenschaft — eine Geschichtswissenschaft?«. In: W. B.: Pioniere, Schulen, Pluralismus. Studien zu Geschichte und Theorie der Literaturwissenschaft. Tübingen 1997, S. 365–397, hier S. 372; vgl. auch S. 381f.CrossRefGoogle Scholar
  7. 7.
    Zum sequentiellen Prozessieren von Kommunikationen, die auf einer Ausgangsunterscheidung basieren, vgl. Niklas Luhmann: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a.M. 1990, S. 236.Google Scholar
  8. 8.
    Klaus L. Berghahn: »Wortkunst ohne Geschichte. Zur werkimmanenten Methode der Germanistik nach 1945«. In: K. L. B./Beate Pinkerneil: Am Beispiel »Wilhelm Meister«. Einführung in die Wissenschaftsgeschichte der Germanistik. Königstein i. Ts. 1980. Bd. 1, S. 98–112.Google Scholar
  9. 9.
    »In der Bundesrepublik dagegen hat eine polemisch oder wissenschaftspolitisch gefärbte Kritik eine mögliche Fortentwicklung der werkimmanenten Methode behindert, wenn nicht unmöglich gemacht. Neues, in seinen Erkenntnischancen höher bewertetes Paradigma wurde die (vor allem historische) Kontextanalyse. Politische Argumente beiseite gelegt, scheint jedoch das Problem einer eigenen Disziplinarität durch die Anlehnung an die Historie weniger gelöst als mit der Erschließung neuer literarhistorischer Arbeitsfelder nur vertagt worden zu sein« — Lutz Ellrich/Nikolaus Wegmann: »Theorie als Verteidigung der Literatur? Eine Fallgeschichte: Paul de Man«. In: DVjs 64 (1990), S. 467–513, hier S. 476, Anm. 45.Google Scholar
  10. Eine Verschärfung der »in den 60er und 70er Jahren zu beobachtende[n] Spannung zwischen einer Literaturwissenschaft, die auf den Kunstcharakter der Texte setzt — also Ästhetik favorisiert — und einer Historisierung der Literatur (im Zeichen von Sozial- und Funktionsgeschichte)«, konstatiert Wilhelm Voßkamp: »Einheit in der Differenz. Zur Situation der Literaturwissenschaft in wissenschaftshistorischer Perspektive«. In: Ludwig Jäger (Hrsg.): Germanistik: Disziplinäre Identität und kulturelle Leistung. Vorträge des deutschen Germanistentages 1994. Weinheim 1995, S. 29–45, hier S. 35.Google Scholar
  11. 10.
    Peter J. Brenner: »Das Verschwinden des Eigensinns. Der Strukturwandel der Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft«. In: P. J. B.: (Hrsg.): Geist, Geld und Wissenschaft. Arbeits- und Darstellungsformen von Literaturwissenschaft. Frankfurt a. M. 1993, S. 21–65, hier S. 27.Google Scholar
  12. 11.
    Zur auffälligen »intellektuelle[n] Qualität dieser Studie« im Kontinuum der zeitgenössischen Philologie vgl. Wolfgang Adam: »Die Zeitschrift Euphorion in den Jahren 1950–1970«. In: Petra Boden/Rainer Rosenberg (Hrsg.): Deutsche Literaturwissenschaft 1945–1965. Fallstudien zu Institutionen, Diskursen, Personen. (Literaturforschung). Berlin 1997, S. 241–260, hier S. 248.Google Scholar
  13. 12.
    Lutz Danneberg: »Zur Theorie der werkimmanenten Interpretation«. In: Wilfried Barner/Christoph König (Hrsg.): Zeitenwechsel. Germanistische Literaturwissenschaft vor und nach 1945. Frankfurt a. M. 1996, S. 313–342;Google Scholar
  14. Julian Schütt: Germanistik und Politik. Schweizer Literaturwissenschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. Zürich 1996.Google Scholar
  15. 13.
    Emil Staiger: Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters. Untersuchungen zu Gedichten von Brentano, Goethe und Keller. (1939). 3. Aufl. Zürich 1963, S. 9. Zum ›sensationellen‹ Erfolg des 1943 berufenen neuen Ordinarius in Zürich im Zusammenhang des auf sein Programm zugeschnittenen Publikationsorgans Trivium (seit 1942/43) vgl. Schüt (Anm. 12), S. 129–135.Google Scholar
  16. Er verdankt sich Staigers politischem Lavieren unter den Bedingungen des Nationalsozialismus, das das Wissenschaftlichkeitspostulat gegen politische Selbstanbindungen in der Balance hält: die Genealogie der Werkimmanenz aus dem Geist politischer Indifferenz; vgl. dazu auch Peter J. Brenner: Das Problem der Interpretation. Eine Einführung in die Grundlagen der Literaturwissenschaft. (Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft 58). Tübingen 1998, S. 93f.CrossRefGoogle Scholar
  17. 17.
    Staiger (Anm. 13), S. 15. Anfang der 30er Jahre wurde das Werk auch von Benjamin, Löwenthal und Ziegenfuß in den Blick literatursoziologischer Analysen gerückt; vgl. Wilfried Barner: »Zwischen Gravitation und Opposition. Philologie in der Epoche der Geistesgeschichte«. In: Barner (Anm. 5), S. 177–204, hier S. 195; Wilhelm Voßkamp: »Literatursoziologie: Eine Alternative zur Geistesgeschichte? ›Sozialliterarische Methoden‹ in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts«. In: Christoph König/Eberhard Lämmert (Hrsg.): Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 1910 bis 1925. Frankfurt a. M 1993, S. 291–303, hier S. 298f., mit Hinweisen zu den begrenzten Wirkungsmöglichkeiten der Literatursoziologie in der geistesgeschichtlichen Phase mangels institutioneller Verankerung und zum Fehlen »einer Konzeption der (soziologischen) Werkiterpretation« (S. 300).Google Scholar
  18. 18.
    Zur Entstehung der geistesgeschichtlichen Literaturwissenschaft aus dem »Wechsel der Leitdisziplin von Philologie zu Philosophie« vgl. Holger Dainat: »Vom Nutzen und Nachteil, eine Geisteswissenschaft zu sein. Zur Karriere der Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften«. In: Brenner (Anm. 10), S. 66–98, hier S. 80. Der Wechsel verstärkt die »Binnendifferenzierung der Germanistik« (S. 81) und erhöht die Komplexität der Anforderungen. Die »Zurücknahme von Exaktheitsansprüchen« führt zur Entgrenzung von Kunst und Wissenschaft (S. 81) und bedient einen Sinn- und Orientierungsbedarf als »Ethikangebot« — Rainer Kolk: »Reflexionsformel und Ethikangebot. Zum Beitrag von Max Wehrli«. In: König/Lämmert (Anm. 17), S. 38–45, hier S. 41. Zu Gundolfs Verwandlung der Kluft zwischen Literatur und Wissenschaft in eine ›poetische Wissenschaft‹ vgl. Heinz Schlaffer: Poesie und Wissen. Die Entstehung des ästhetischen Bewußtseins und der philologischen Erkenntnis. Frankfurt a. M. 1990, S. 234f. Allgemein läßt sich für die geistesgeschichtliche Literaturwissenschaft sagen: »Hinter der ›Gestalt‹ aber und hinter dem ›Leben‹ traten die Werke problematisch zurück« — Barner (Anm. 5), S. 369.Google Scholar
  19. 20.
    Zur Auflösung von Zusammenhängen durch die Werkimmanenz, die für die Geistesgeschichte konstitutiv sind, vgl. Holger Dainat: »›wir müssen ja trotzdem weiter arbeiten‹. Die Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte vor und nach 1945«. In: Barner/König (Anm. 12), S. 76–100, hier S. 89. Vom »Gegenstandsbezirk eigener Art als Kernbezirk« der »Wissenschaft von […] der ›Schönen‹ Literatur«, deren »Erforschung ihre eigenste und innerste Aufgabe ist«, spricht Wolfgang Kayser: Das sprachliche Kunstwerk. Eine Einführung in die Literaturwissenschaft. (1948). 18. Aufl. Bern/München 1978, S. 24.Google Scholar
  20. 26.
    Reinhold Grimm/Jost Hermand (Hrsg.): Methodenfragen der deutschen Literaturwissenschaft. (Wege der Forschung 290). Darmstadt 1973, S. XI.Google Scholar
  21. 27.
    Vgl. die Auswahl der Beiträge bei Grimm und Hermand (Anm. 26): Erich Trunz: »Literaturwissenschaft als Auslegung und als Geschichte der Dichtung« (1954);Google Scholar
  22. Hans-Egon Hass: »Literatur und Geschichte« (1958);Google Scholar
  23. Benno von Wiese: »Geistesgeschichte oder Interpretation?« (1963);Google Scholar
  24. Horst Rüdiger: »Zwischen Interpretation und Geistesgeschichte. Zur gegenwärtigen Situation der deutschen Literaturwissenschaft« (1964). (Rüdigers Aufsatz steht dann neben Szondis »Zur Erkenntnisproblematik in der Literaturwissenschaft« in Conradys vielbenutzter Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft von 1966 als repräsentativer Beitrag zur zeitgenössischen Selbstreflexion der Disziplin.) »Die Scheitelhöhe dieser methodischen Entwicklung«, schreibt Hans-Egon Hass 1958 zur Werkimmanenz, »scheint heute jedoch überschritten. […] Der Versuch, sich auf das Verhältnis von Literatur und Geschichte, d.h. auf die wesentliche Geschichtlichkeit der Literatur zu besinnen, darf als eine ›Forderung des Tages‹ angesehen werden« (S. 360).Google Scholar
  25. Eine Reihe weiterer Stimmen der Kritik an der Werkinterpretation seit Ende der 50er Jahre bei Martin Doehlemann: Germanisten in Schule und Hochschule. Geltungsanspruch und soziale Wirklichkeit. München 1975, S. 145ff.Google Scholar
  26. 30.
    Das Problem der Verbindung von »begrifflicher Abstraktion und werkgetreuer Lektüre des Kanons« habe die »Selbstreflexion der Philologie« kaum als »eigenes Phänomen« wahrgenommen — Ellrich/Wegmann (Anm. 9), S. 470. »Eine angemessene Reflexion auf die Ordnung des Fachs hätte demnach ›die (theoretischen) Voraussetzungen der Praxis aus der Praxis zu verstehen‹« (S. 472), deshalb auch keine philosophische Hermeneutik zu betreiben, die »an einer Philosophie des Kunstwerks« arbeitet und sich »mit den damit verbundenen Problemen des Wertes, der Normen und des Verstehens der literarischen Werke« beschäftigt (S. 471). Eben darin unterscheidet sich Szondis spätere literarische Hermeneutik von Gadamer — vgl. Jean Bollack: »Zukunft im Vergangenen. Peter Szondis materiale Hermeneutik«. In: DVjs 64 (1990), S. 371–390, hier S. 373ff.Google Scholar
  27. 31.
    Zu den »korrelativen Techniken« »Interpretation« und »Formalisierung« als den »beiden großen Formen der Analyse unseres Zeitalters« — glaubt die eine »an den Sinn« in der »Vergangenheit«, hat die andere in der »Gegenwart […] den Signifikanten« entdeckt — vgl. Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt a. M. 1974, S. 364; vgl. optimistisch zu den Möglichkeiten ihrer Vermittlung Uwe Japp: Hermeneutik. Der theoretische Diskurs, die Literatur und die Konstruktion ihres Zusammenhanges in den philologischen Wissenschaften. (Theorie und Geschichte der Literatur und der schönen Künste 47). München 1977, S. 117, 128, 134; mit Akzentuierung der Zwiespältigkeit zwischen »Wissenschaft und Verteidigung der Literatur« -Ellrich/Wegmann (Anm. 9), S. 513.Google Scholar
  28. Ein Kooperationsmodell gegenüber der problematischen Synthese, demzufolge die Interpretation auf der Analyse basiert, entwickelt Oliver Jahraus: »Der Diskurs der Literatur im Diskurs der Wissenschaft oder Literaturwissenschaft als Interessenkollision von Leser und Wissenschaftler«. In: WW 43 (1993), S. 645–658; ders.: »Analyse und Interpretation. Zu Grenzen und Grenzüberschreitungen im struktural-literaturwissenschaftlichen Theoriekonzept«. In: IASL 19 (1994) H. 2, S. 1–51.Google Scholar
  29. 32.
    Wilfried Barner: »Das Besondere des Allgemeinen. Zur Lage der Allgemeinen Literaturwissenschaft aus der Sicht eines ›Neugermanisten‹«. In: Barner (Anm. 5), S. 297–309, hier S. 300. Heute zählt die Theorie des modernen Dramas zu den kanonischen Werken der Literaturwissenschaft — vgl. Carsten Zelle: Kurze Bücherkunde für Literaturwissenschaftler. Tübingen/Basel 1998, S. 31.Google Scholar
  30. 33.
    Dies haben zuletzt die Rezensionen anläßlich der Briefe gezeigt; vgl. ausführlich Eberhard Lämmert: »Peter Szondi. Ein Rückblick zu seinem 65. Geburtstag«. In: Poetica 26 (1994), S. 1–30.Google Scholar
  31. Eine Gesamtwürdigung bei Thomas Sparr: »Peter Szondi«. In: Bulletin des Leo Baeck Instituts 78 (1987), S. 59–69.Google Scholar
  32. Die Beiträge zu Szondis literaturwissenschaftlicher Position interessieren sich vorwiegend für seine literarische Hermeneutik und Probleme seiner Celan-Deutung — vgl. Mayotte Bollack (Hrsg.): L’acte critique. Un colloque sur l’oeuvre de Peter Szondi (Paris, 21–23 juin 1979). (Cahiers de Philologie 5). Lille 1985;Google Scholar
  33. ins Amerikanische übersetzt und herausgegeben von Michael Hays als »The criticism of Peter Szondi«, in: Boundary 2 (1983), S. 1–190.Google Scholar
  34. 35.
    In der Germanistik setzt diese sich wegen der Wirkung von Staigers Grundbegriffen der Poetik erst Mitte der 1960er Jahre durch (vgl. Klaus W. Hempfer: Gattungstheorie. Information und Synthese. München 1973, S. 74).Google Scholar
  35. 36.
    Zur Abweichung von der marxistischen Orthodoxie im Rückbezug auf den »junge[n] Lukács«, der seinen Einsichten »bald danach für ein Leben lang untreu werden sollte«, vgl. Peter Szondi: Das lyrische Drama des Fin de siècle. Studienausgabe der Vorlesungen. Bd. 4. Hrsg. von Henriette Beese. 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1991, S. 25; vgl. dazu auch Szondis Brief an Nagel vom 14.11.1954, der seiner Weigerung Ausdruck verleiht, »jeden Satz über die Selbstentfremdung […] in einen über die Produktionsverhältnisse hinüberzuleiten« (Briefe, S. 53). Später wurde Szondi als Formalist und von der konservativen Germanistik als Linker angesehen; er verspreche aber, wie er Herbert Singer am 6.1.970 zu einem geplanten Treffen bei ›Alewyns Tafelrunde‹ spöttisch mitteilt, »ohne rote Fahne« zu erscheinen (S. 283).Google Scholar
  36. Zur westdeutschen Kritik der 1950er Jahre an Lukács’ Marxismus, etwa Oppels Warnung im Euphorion 49 (1955), vgl. Adam (Anm. 11), S. 254; im Zusammenhang der Abgrenzung von der DDR-Literaturwissenschaft Petra Boden: »›Es geht ums Ganze!‹ Vergleichende Beobachtungen zur germanistischen Literaturwissenschaft in beiden deutschen Staaten 1945–1989«. In: Euphorion 91 (1997), S. 247–275, hier S. 250f.Google Scholar
  37. 38.
    Die Bedeutung Adornos für die Literaturwissenschaft der 1950er Jahre ist, soweit ich sehe, noch nicht systematisch untersucht; Hinweise vor allem bei Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte. Theoretische Entwicklung. Politische Bedeutung. München 1986, S. 566–589; vgl. auch: Konstellationen. Literatur um 1955. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar. Marbach 1995, S. 16.Google Scholar
  38. 39.
    Der im Herbst 1950 in Amsterdam sowie in Freiburg gehaltene und 1951 im Neophilologus publizierte Vortrag »Die Kunst der Interpretation«, Programmschrift und Selbstreflexion der »immanente[n] Deutung«, die sich als »wissenschaftliche Richtung […] erst seit zehn bis fünfzehn Jahren durchgesetzt« habe — Emil Staiger: Die Kunst der Interpretation. Studien zur deutschen Literaturgeschichte. München 1971, S. 7 -, führt diese Kunst an Mörikes Gedicht »Auf eine Lampe« vor. 1951 sendet der RIAS Berlin Adornos »Rede über Lyrik und Gesellschaft«, die nach mehrmaliger Überarbeitung 1957 in den Akzenten erschien und den im Titel formulierten Zusammenhang unter anderem an Mörikes Gedicht »Auf einer Wanderung« konkretisiert. Daß Adorno mit dieser Gedichtwahl auf Staiger abzielt, darf man vermuten, bedenkt man die subkutane Reaktion auf seinen Lieblingsfeind Heidegger, dessen Briefwechsel mit Staiger anläßlich der Kunst der Interpretation bereits 1951 im Trivium gesondert publiziert wurde.Google Scholar
  39. 40.
    Vgl. Scherpe (Anm. 2), S. 11; zur »Selbstzufriedenheit und Harmonie« der Ansätze »disziplinärer Selbstreflexion« nach 1945 vgl. auch Marcus Gärtner: Kontinuität und Wandel in der neueren deutschen Literaturwissenschaft nach 1945. Bielefeld 1997, S. 289.Google Scholar
  40. 41.
    Theodor W. Adorno: »Rede über Lyrik und Gesellschaft«. In: Th. W. A.: Noten zur Literatur. Gesammelte Schriften. Hrsg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt a.M. 1997. Bd. 11, S. 49–68, hier S. 50.Google Scholar
  41. 42.
    Zur Immanenz des Verfahrens vgl. auch Theodor W. Adorno: Philosophie der neuen Musik. Gesammelte Schriften. Hrsg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M. 1997. Bd. 12, S. 34.Google Scholar
  42. 44.
    Peter Szondi: Theorie des modernen Dramas 1880–1950. Frankfurt a. M. 1963, S. 10.Google Scholar
  43. 48.
    Zum unsystematischen, weil prozessual auf die literarischen Veränderungen reagierenden Status von Szondis philologischer Theorie vgl. die Diskussion im Anschluß an Michael Hays: »Drama and Dramatic Theory: Peter Szondi and the Modern Theater«. In: Hays (Anm. 33), S. 69–91, hier S. 89; zum Spannungsverhältnis von »Systematik und Geschichtlichkeit« vgl. Peter Szondi: »Gattungspoetik im 19. und 20. Jahrhundert«. In: P. S.: Poetik und Geschichtsphilosophie II. Von der normativen zur spekulativen Gattungspoetik. Schellings Gattungspoetik. Studienausgabe der Vorlesungen. Bd. 3. Hrsg. von Wolfgang Fietkau. Frankfurt a.M. 1974, S. 311–316, hier S. 312.Google Scholar
  44. 52.
    Bei Szondi und Adorno kommt die üblicherweise als methodengeschichtliche Bifurkation beschriebene Unterscheidung zwischen immanenter Analyse und Erschließung des gesellschaftlichen Gehalts der Literatur zusammen — vgl. Christoph Menke: »Literatur und Gesellschaft. Zu einigen methodischen Aspekten von Adornos Beckettinterpretation«. In: Hendrik Birus (Hrsg.): Germanistik und Komparatistik. DFG-Symposion 1993. (Germanistische Symposien. Berichtsbände XVI). Stuttgart/Weimar 1995, 328–343, hier S. 328.Google Scholar
  45. 57.
    Aus formalistischer Perspektive ergibt sich dabei der aporetische Zwiespalt zwischen Determination von oben und Determination von unten — vgl. Stefan Speck: Von Sklovskij zu de Man. Zur Aktualität formalistischer Literaturtheorie. München 1997.Google Scholar
  46. 59.
    Vgl. ebd., S. 381; siehe dazu Thomas Sparr: »Poetik nach dem Strukturalismus: Derrida, de Man, Szondi«. In: Zeitschrift für Semiotik 15 (1993), S. 253–268, hier S. 264; zu den Aporien aus der Indifferenz der Sprache des Gedichts gegen die reale Erfahrung der Todeslager vgl. auch Lämmert (Anm. 33). S. 28ff.Google Scholar
  47. 64.
    Dies sieht bereits die Besprechung Claude David: »Qu’il est rare de trouver un livre, où, dès la première page, on a le sentiment que l’auteur a ›quelque chose à dire‹! […] Peter Szondi se réclame de Staiger, de Lukács et d’Adorno. Son livre ne trahit pas ces maîtres prestigieux« — Claude David: [Rez. Theorie des modernen Dramas]. In: Etudes Germaniques 13 (1958), S. 77f.Google Scholar
  48. 68.
    Peter Szondi: »Zur Erkenntnisproblematik in der Literaturwissenschaft«. In: Neue Rundschau 73 (1962), S. 146–165.Google Scholar
  49. 69.
    Zu Szondis »Dichotomisierung philologischen und historischen Wissens« und der daraus abgeleiteten Abgrenzung der Literaturwissenschaft von der Geschichtswissenschaft als Positivismus (in Verkennung ihrer Textualität) vgl. Norbert Altenhofer: »Geselliges Betragen — Kunst — Auslegung. Anmerkungen zu Peter Szondis Schleiermacher-Interpretation und zur Frage einer materialen Hermeneutik«. In: Ulrich Nassen (Hrsg.): Studien zur Entwicklung einer materialen Hermeneutik. (Kritische Information 85). München 1979, S. 165–211, hier S. 201.Google Scholar
  50. 77.
    Szondi: Über eine ›Freie (d. h. freie) Universität‹. Stellungnahmen eines Philologen. Frankfurt a.M. 1973, S. 56.Google Scholar
  51. 83.
    Vgl. dazu Ulrich Charpa: »Philologischer Fortschritt«. In: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie 17 (1986), S. 229–255.CrossRefGoogle Scholar
  52. 88.
    Arthur Schnitzler: Tagebuch 1903–1908. Hrsg. von Werner Welzig. Wien 1991, S. 195. Vgl. dazu meinen Versuch, die Entstehung der literarischen Moderne aus den Erfahrungen jüdischer Autoren unter den Bedingungen des politischen Antisemitismus im Wien der Jahrhundertwende zu begründen: »Judentum, Ästhetizismus und literarische Moderne. Zu einem Zusammenhang beim frühen Beer-Hofmann«. In: Dieter Borchmeyer (Hrsg.): Richard Beer-Hofmann. ›Zwischen Ästhetizismus und Judentum‹. Sammelband der Beiträge vom Öffentlichen Symposion in der Akademie der Wissenschaften Heidelberg am 25. und 26.10.1995‹. Paderborn 1996, S. 9–31.Google Scholar
  53. 89.
    Walter Benjamin: »Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft«. In: W. B.: Gesammelte Schriften. Bd. 3. Hrsg. von Hella Tiedemann-Bartels. Frankfurt a. M. 1972. S. 283–290, hier S. 289.Google Scholar
  54. 92.
    Vgl. Arnold Sywottek: »Wege in die 50er Jahre«. In: Axel Schildt/A. S. (Hrsg.): Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre. (Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung. Reihe: Politik und Gesellschaftsgeschichte 33). Bonn 1993, S. 13–39, hier S. 35. Zu einer differenzierten Einschätzung der literarischen Verhältnisse der 1950er Jahre kommt mittlerweile auch die Literaturwissenschaft mit dem aufschlußreichen Befund, daß diese im Vergleich zu anderen Disziplinen noch am hartnäckigsten an der Restaurationsthese festhalte — vgl.Google Scholar
  55. Helmuth Kiesel: »Die Restaurationsthese als Problem für die Literaturgeschichtsschreibung«. In: Walter Erhart/Dirk Niefanger (Hrsg.): Zwei Wendezeiten. Blicke auf die deutsche Literatur 1945 und 1989. Tübingen 1997, S. 13–45, hier S. 37; auch Stefan Scherer: »Literarische Modernisierung in der Restauration.Google Scholar
  56. Martin Walsers Ehen in Philippsburg«. In: Hansgeorg Schmidt-Bergmann (Hrsg.): Zwischen Kontinuität und Rekonstruktion. Kulturtransfer zwischen Deutschland und Italien nach 1945. (Reihe der Villa Vigoni 12). Tübingen 1998, S.115–134.Google Scholar
  57. 94.
    Diese schlägt sich spätestens um 1960 in soziologischen Gegenwartsdiagnosen wie Habermas’ Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962) nieder, vermittelt wiederum durch vorgängige Erfahrungen mit dem westlichen Lebensstil in Amerika, die sich auch in Büchern zurückkehrender Exilanten wie Adornos Minima Moralia (1951) artikulieren. Zur Generation der die Nachkriegszeit prägenden Soziologen der 1920er Jahrgänge und zur Empirisierung und ›Amerikanisierung‹ der gegenwartsbezogenen Soziologie in den 1950er Jahren vgl. Heinz Bude: »Die Soziologen der Bundesrepublik«. In: Merkur 46 (1992), S. 569–580.Google Scholar
  58. 96.
    Vgl. das bekannte Schema von Harald Fricke: »Wieviele ›Methoden‹ braucht die Literaturwissenschaft? Zur Konkurrenz wissenschaftlicher Standards in einem unwissenschaftlichen Fach«. In: Literatur und Literaturwissenschaft. Beiträge zu Grundfragen einer verunsicherten Disziplin. (Explicatio). Paderborn u.a. 1991, S. 169–187, hier S. 176 — aufgenommen von Zelle (Anm. 32), S. 41. Zwar kreuzen sich bei dieser graphischen Darstellung die verschiedenen Faktoren ›Autor‹, ›Leser‹, ›Sprache‹ und ›Andere Texte‹ im zentral positionierten ›Text‹. Dessen Historizität selbst aber kommt, weil er methodisch auf die Werkimmanenz Staigers zurückbezogen wird, systematisch nicht vor.Google Scholar
  59. 98.
    Vgl. Lutz Danneberg/Hans-Harald Müller: »Verwissenschaftlichung der Literaturwissenschaft. Ansprüche, Strategien, Resultate«. In: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie 10 (1979), S. 162–191, hier S. 190.CrossRefGoogle Scholar
  60. 99.
    Vgl. Heinz Schlaffer: »Ursprung, Ende und Fortgang der Interpretation«. In: Georg Stötzel (Hrsg.): Germanistik — Forschungsstand und Perspektiven. Vorträge des Deutschen Germanistentages 1984. Berlin/New York 1985. Bd. 2, S. 385–397, hier S. 392.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2000

Authors and Affiliations

  • Stefan Scherer

There are no affiliations available

Personalised recommendations