Advertisement

Von Gundolf zu Kantorowicz. Eine Fallstudie zum disziplinären Umgang mit Innovation

  • Rainer Kolk
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

In den gegenwärtigen Debatten über zukünftige Aufgaben und Ziele der Hochschulen wird nicht selten die Forderung nach einer Generalrevision vorgetragen. Nicht um halbherzige Reformen dürfe es gehen, um zaghaftes Laborieren an altbekannten Symptomen, wo doch die deutsche Universität ihrer Struktur nach defizitär, ›verfault‹ sei. Zumindest in ihrer prinzipiellen Stoßrichtung, die sich mit Detailkorrekturen nicht begnügt, sind solche Postulate nicht neu, sondern begegnen mit ähnlich polemischen Untertönen in den kulturwissenschaftlichen Selbstreflexionsdebatten am Beginn unseres Jahrhunderts. Dabei haben zumal Wissenschaftler des George-Kreises solche konfliktträchtigen Pointierungen geliefert und sich nicht zuletzt hiermit einen Namen auch außerhalb ihrer Disziplinen gemacht.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literaturverzeichnis

  1. 1.
    Vgl. Klaus Weimar: Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. München 1989;Google Scholar
  2. Jürgen Fohrmann/Wilhelm Voßkamp (Hrsg.): Wissenschaftsgeschichte der Germanistik im 19. Jahrhundert. Stuttgart/Weimar 1994.Google Scholar
  3. 2.
    Vgl. Rainer Kolk: Berlin oder Leipzig? Eine Studie zur sozialen Organisation der Germanistik im »Nibelungenstreit«. (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 30). Tübingen 1990.CrossRefGoogle Scholar
  4. 3.
    Vgl. Karl Robert Mandelkow: Goethe in Deutschland. Rezeptionsgeschichte eines Klassikers. 1:1773–1918. München 1980, bes. S. 205ff.;Google Scholar
  5. Hans-Martin Kruckis: »Ein potenziertes Abbild der Menschheit«. Biographischer Diskurs und Etablierung der Neugermanistik in der Goethe-Biographik bis Gundolf. (Probleme der Dichtung 24). Heidelberg 1995, insbes. S. 228–237.Google Scholar
  6. 4.
    Vgl. grundsätzlich Rainer Kolk: Literarische Gruppenbildung. Am Beispiel des George-Kreises 1890–1945. (Communicatio 17). Tübingen 1998.CrossRefGoogle Scholar
  7. 8.
    Zu Berufungen vgl. Kolk (Anm. 4), zu biographischen Details vgl. Carola Groppe: Die Macht der Bildung. Das deutsche Bürgertum und der George-Kreis 1890–1933. (Bochumer Schriften zur Bildungsforschung 3). Köln u. a. 1997. Ich vernachlässige Zugehörigkeitsprobleme, beispielsweise werden gelegentlich Norbert von Hellingrath und Ernst Bertram zum Kreis gerechnet.Google Scholar
  8. 9.
    Rudolf Eucken: Geistige Strömungen der Gegenwart. 4. Aufl. Leipzig 1909, S. VIf. (Zitate aus dem dort abgedruckten Vorwort zur 3. Aufl. 1904).Google Scholar
  9. 10.
    Vgl. als Übersicht Uwe Spörl: Gottlose Mystik in der deutschen Literatur um die Jahrhundertwende. Paderborn u.a. 1997.Google Scholar
  10. 11.
    Vgl. Rüdiger vom Bruch u. a. (Hrsg.): Kultur und Kulturwissenschaften um 1900. Krise der Moderne und Glaube an die Wissenschaft. Stuttgart 1989, S. 11 (das Zitat in der Einleitung der Herausgeber);Google Scholar
  11. Wolfgang J. Mommsen: Bürgerliche Kultur und künstlerische Avantgarde. Kultur und Politik im deutschen Kaiserreich 1870 bis 1918. Frankfurt a. M./Berlin 1994.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. Holger Dainat: »Deutsche Literaturwissenschaft zwischen den Weltkriegen«. In: Zs.für Germanistik NF 1 (1991), S. 600–608.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Klaus Lichtblau: Kulturkrise und Soziologie um die Jahrhundertwende. Zur Genealogie der Kultursoziologie in Deutschland. Frankfurt a. M. 1996.Google Scholar
  14. 14.
    Friedrich Gundolf: »Das Bild Georges«. In: Beiträge zur Literatur- und Geistesgeschichte. Ausg. und hrsg. von Viktor A. Schmitz und Fritz Martini. (Veröffentlichungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt 54). Heidelberg 1980, S. 121–149, hier S. 132.Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. Rainer Rosenberg: Zehn Kapitel zur Geschichte der Germanistik. Literaturgeschichtsschreibung. Berlin 1981, S. 182–253;Google Scholar
  16. Christoph König/Eberhard Lämmert (Hrsg.): Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 1910 bis 1925. Frankfurt a.M. 1993;Google Scholar
  17. Frank Trommler: »Geist oder Gestus? Ursprünge und Praxis der Geistesgeschichte in der Germanistik«. In: Petra Boden/Holger Dainat (Hrsg.): Atta Troll tanzt noch. Selbstbesichtigungen der literaturwissenschaftlichen Germanistik im 20. Jahrhundert. Berlin 1997, S. 59–80.Google Scholar
  18. 16.
    Rudolf Unger: »Philosophische Probleme in der neueren Literaturwissenschaft«. In: R. U.: Gesammelte Studien. Bd. 1: Aufsätze zur Prinzipienlehre der Literaturgeschichte. (Neue Forschung. Arbeiten zur Geistesgeschichte 1). Berlin 1929, S. 1–31, hier S. 5.Google Scholar
  19. 17.
    Emil Ermatinger: »Die deutsche Literaturwissenschaft in der geistigen Bewegung der Gegenwart«. In: Zs. für Deutschkunde 39 (1925), S. 241–261, hier S. 254.Google Scholar
  20. 19.
    Franz Schultz: Das Schicksal der deutschen Literaturgeschichte. Ein Gespräch. Frankfurt a.M. 1929, S. 21.Google Scholar
  21. 20.
    Vgl. die Einschätzung von Werner Mahrholz: Literargeschichte und Literarwissenschaft. (Lebendige Wissenschaft. Strömungen und Probleme der Gegenwart 1). Berlin 1923, S. 90.Google Scholar
  22. 21.
    Friedrich Gundolf: Vorbilder. In: Der George-Kreis. Eine Auswahl aus seinen Schriften. Hrsg. von Georg Peter Landmann. 2. Aufl. Stuttgart 1980, S. 173–186, hier S. 173.Google Scholar
  23. Zu inhaltlichen Fragen vgl. exemplarisch Gerhard Zöfel: Die Wirkung des Dichters. Mythologie und Hermeneutik in der Literaturwissenschaft um Stefan George. (Europäische Hochschulschriften, Reihe 1: Deutsche Sprache und Literatur 986). Frankfurt a.M. u.a. 1987;Google Scholar
  24. Kontexte diskutiert Edith Weiller: Max Weber und die literarische Moderne. Ambivalente Begegnungen zweier Kulturen. Stuttgart/Weimar 1994, S. 61–162.Google Scholar
  25. 22.
    So 1914 der Verfasser der im Kreis als Pionierleistung geschätzten Platon-Deutung, Heinrich Friedemann: Platon. Seine Gestalt. Mit einem Nachwort von Kurt Hildebrandt. 2. Aufl. Berlin 1931, S. 139.Google Scholar
  26. 23.
    Friedrich Wolters: Stefan George und die Blätter für die Kunst. Deutsche Geistes geschichte seit 1890. Berlin 1930, S. 487.Google Scholar
  27. 24.
    So die Qualifizierung Georges selbst; zitiert nach Edith Landmann: Gespräche mit Stefan George. Düsseldorf/München 1963, S. 23.Google Scholar
  28. 25.
    Vgl. Frank Jolies: »Zur Frage des Stils in den wissenschaftlichen Schriften des George-Kreises«. In: GLL 19 (1966), S. 287–291. — Diese Gegenüberstellung gibt das zeitgenössische Verständnis wieder, das den im folgenden erwähnten Reaktionen auf den Kreis zugrundeliegt; nicht erst Hayden Whites Untersuchungen zu den narrativen Strategien historiographischer Repräsentation haben verdeutlicht, welcher Konstruktionsleistung auch die angeblich schlichte Rede über ›die Sache selbst‹ bedarf,Google Scholar
  29. vgl. die Überlegungen von Lutz Danneberg: »Darstellungsformen in Geistes- und Naturwissenschaften«. In: Peter Brenner (Hrsg.): Geist, Geld und Wissenschaft. Arbeits- und Darstellungsformen von Literaturwissenschaft. Frankfurt a. M. 1993, S. 99–137.Google Scholar
  30. 26.
    Vgl. grundsätzlich Rudolf Stichweh: »Die Autopoiesis der Wissenschaft«. In: R. St.: Wissenschaft, Universität, Professionen. Soziologische Analysen. Frankfurt a. M. 1994, S. 52–83, hier S. 65.Google Scholar
  31. 27.
    Anthony Grafton: Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote. München 1998, S. 203.Google Scholar
  32. 29.
    Hans Ruth: »Ein neuer Weg in der Literarhistorik«. In: Hellweg. Wochenschrift für deutsche Kunst 3 (1923), S. 728–730, hier S. 730.Google Scholar
  33. 30.
    Ernst Stadler: »Shakespeare und der deutsche Geist«. In: Das literarische Echo 14 (1911/12), Sp. 88–90, hier Sp. 89.Google Scholar
  34. 32.
    Zum Klassiker dieser Forschungshaltung vgl. Hans-Martin Kruckis: »Mikrologische Wahrheit. Die Neugermanistik des 19. Jahrhunderts und Heinrich Düntzer«. In: GRM 72 (1991), S. 270–283.Google Scholar
  35. 33.
    Helene Herrmann: »F. Gundolf, Shakespeare«. In: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 8 (1913), S. 466–489, hier S. 466f. (im Original teilweise gesperrt).Google Scholar
  36. 35.
    Hugo Bieber: »F. Gundolf, Goethe«. In: Zs. für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 14 (1920), S. 194–208, hier S. 198.Google Scholar
  37. 36.
    Josef Nadler: »Einzeldarstellung und Gesamtdarstellung. Bei Gelegenheit von Gundolfs ›Goethe‹«. In: Euphorion. Vierzehntes Ergänzungsheft (Gundolf-Heft). Leipzig/Wien 1921, S. 1–10, hier S. 1;Google Scholar
  38. vgl. zu dieser Publikation Wolfgang Adam: »Einhundert Jahre Euphorion. Wissenschaftsgeschichte im Spiegel einer germanistischen Fachzeitschrift«. In: Euphorion 88 (1994), S. 1–72, hier S. 21–24.Google Scholar
  39. 43.
    Albert Brackmann: »Kaiser Friedrich II. in ›mythischer Schau‹«. In: Historische Zeitschrift 140 (1929), S. 534–549, hier S. 534. — Zu biographischen Daten,Google Scholar
  40. besonders zum Briefwechsel um das von George betreute Buch vgl. Eckhart Grünewald: Ernst Kantorowicz und Stefan George. Beiträge zur Biographie des Historikers bis zum Jahre 1938 und zu seinem Jugendwerk »Kaiser Friedrich der Zweite«. (Frankfurter Historische Abhandlungen 25). Wiesbaden 1982, insbes. S. 57–101. Ulrich Raulff zieht Parallelen zu Gundolf,Google Scholar
  41. vgl. Friedrich Gundolf: Anfänge deutscher Geschichtsschreibung von Tschudi bis Winckelmann. Aufgrund nachgelassener Schriften Friedrich Gundolfs bearbeitet und hrsg. von Edgar Wind. Mit einem Nachwort von Ulrich Raulff. Frankfurt a. M. 1992, S. 142.Google Scholar
  42. 49.
    Ernst Howald: »Probleme der Literaturwissenschaft«. In: Neue Jahrbücher für Wissenschaft und Jugendbildung 4 (1928), S. 652–662, hier S. 660.Google Scholar
  43. 50.
    In seltener Präzision formuliert dies Conrad Erdmann in seiner Anzeige von Kantorowicz’ Staufer-Buch: »Denn gerade diese exakteste [quellenkritische] Methode, so aussichtsreich sie in gewisser Richtung ist, hat doch andererseits zu so weitgehenden Irrtümern geführt, wie sie bei etwas weniger Exaktheit und etwas mehr Einfühlung schwerlich hätten aufkommen können. [...] Wahre Exaktheit besteht auf geisteswissenschaftlichem Gebiet doch wohl vor allem darin, daß man über den erreichbaren oder erreichten Grad der Gewißheit Klarheit schafft.« In: Neues Archiv 49 (1930–1932), S. 585–587, hier S. 587.Google Scholar
  44. 51.
    Vgl. Mahrholz (Anm. 20), S. 101; Walther Linden: »Der methodische Stand der neueren Literaturgeschichte«. In: Neue Jahrbücher für Wissenschaft und Jugendbildung 3 (1927), S. 48–59, hier S. 52. In wissenschaftssoziologischer Perspektive kommt dieser Bezeichnung eher heuristischer Wert zu, denn die geläufigen Kriterien für die Konstitution einer wissenschaftlichen Schule‹ (überragende Forscherpersönlichkeit, eigenständiges und systematisch reproduzierbares methodologisches Konzept, starke soziale und kognitive Kohärenz, Rekrutierung von entsprechend sozialisiertem Nachwuchs, Positionierung in organisatorischen Strukturen von Disziplinen) werden allenfalls partiell erfüllt.Google Scholar
  45. Vgl. als neuere Sammlung von Fallstudien Ernst Schmutzer (Hrsg.): Wissenschaft und Schulenbildung. (Alma Mater Jenensis. Studien zur Hochschul- und Wissenschaftsgeschichte 7). Jena 1991.Google Scholar
  46. 52.
    Vgl. zur dualen Professorenrolle (disziplinäre Zugehörigkeit — lokal definierte Hochschulverpflichtungen) Rudolf Stichweh: Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher Disziplinen. Physik in Deutschland 1740–1890. Frankfurt a.M. 1984, S. 90.Google Scholar
  47. 54.
    Vgl. die Argumentationsrichtung Ernst Kantorowicz’, der die von der »George-Schule« unternommene Berufung auf den »Genius der Nation« gegen den angeblichen Kosmopolitismus der etablierten historischen Forschung ausspielt — »Grenzen, Möglichkeiten und Aufgaben der Darstellung mittelalterlicher Geschichte«. Mitgeteilt von Eckhart Grünewald: »Sanctus amor patriae dat animum — ein Wahlspruch des George-Kreises? Ernst Kantorowicz auf dem Historikertag zu Halle a.d. Saale im Jahr 1930. (Mit Edition)«. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 50 (1994), S. 89–125, hier S. 104–125, die Zitate S. 125.Google Scholar
  48. Hierzu Otto Gerhard Oexle: »Das Mittelalter als Waffe. Ernst H. Kantorowicz‹ ›Kaiser Friedrich der Zweite‹ in den politischen Kontroversen der Weimarer Republik«. In: O.G.O.: Geschichtswissenschaft im Zeichen des Historismus. Studien zu Problemgeschichten der Moderne. (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 116). Göttingen 1996, S. 163–215, insbes. S. 200–206.Google Scholar
  49. 57.
    Vgl. Wolfgang Eckart: »›Die wachsende Nervosität unserer Zeit‹. Medizin und Kultur um 1900 am Beispiel einer Modekrankheit«. In: Gangolf Hübinger u.a. (Hrsg.): Kultur und Kulturwissenschaften um 1900.II.Idealismus und Positivismus. Stuttgart 1997, S. 207–226.Google Scholar
  50. 58.
    Zu diesen »Maximierungsannahmen« vgl. Lutz Danneberg: »Zur Theorie der werkimmanenten Interpretation«. In: Wilfried Barner/Christoph König (Hrsg.): Zeitenwechsel. Germanistische Literaturwissenschaft vor und nach 1945. Frankfurt a. M. 1996, S. 313–342, hier S. 316.Google Scholar
  51. Zur Aufwertung der Gegenstandsebene vgl. jetzt Holger Dainat: »›Dieser ästhetische Kosmopolitismus ist aus für uns‹. Weimarer Klassik in der Weimarer Republik«. In: Lothar Ehrlich/Jürgen John (Hrsg.): Weimar 1930. Politik und Kultur im Vorfeld der NS-Diktatur. Köln u.a. 1998, S. 99–121, hier S. 118f.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2000

Authors and Affiliations

  • Rainer Kolk

There are no affiliations available

Personalised recommendations