Advertisement

Vom Sänger zum Autor Konsequenzen der Schriftlichkeit des deutschen Minnesangs

  • Rüdiger Schnell
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Swaz ich nu niuwer maere sage, / des endarf mich nieman vrâgen: ich enbin niht vrô (Reinmar, MF 165,10f.). Ich denke underwîlen, / ob ich ir nâher waere, / waz ich ir wolte sagen (Friedrich von Hausen, MF 51,33–35).1 So beginnen zwei Lieder zweier berühmter Minnesänger: Beide setzen wie viele andere Minnelieder mit einem ›Ich‹ im ersten Vers ein.2 Wer aber ist es, der ›Ich‹ sagt: der Autor, der das Lied verfasst hat, oder der Sänger, der das Lied vorträgt, oder ein überpersonales ›Man‹ (in dem sich die Zuhörenden selbst wiederfinden können),3 oder ein Rollen-Ich, das eine ›Als-ob‹-Referenz fingiert, in Wirklichkeit also referenzlos bleibt?4 Mit diesen Fragen befinden wir uns mitten im sog. Referenzialisierungsproblem, das neuerdings die Minnesangforschung wie kein zweites beschäftigt:5 Referieren die Liedaussagen bzw. die Ich-Rollen in irgendeiner Weise auf den sozialen Kontext eines Liedvortrages bzw. auf die Personen, die an der Aufführung beteiligt sind oder sind die Aussagen des Text-Ichs referenzlos?6 Die Positionen der heutigen Minnesangforschung liegen z. T. weit auseinander.7 Doch sind sich alle Interpreten darin einig, dass über die tatsächlichen Rezeptionsvorgänge während einer Aufführung nur innerhalb eines Zirkelverfahrens spekuliert werden kann: Wir müssen die Aufführungssituation aus den literarischen Texten rekonstruieren, die überlieferten Texte aber von der Aufführungssituation her verstehen.8 Seit der Diskussion über mediale und konzeptionelle Mündlichkeit und Schriftlichkeit ist die Skepsis gegenüber Versuchen, aus bestimmten strukturellen Merkmalen eines Liedes auf Aufführungsbedingungen zu schließen, noch gestiegen.9

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 14.
    Vgl. z. B. Alfred Jeanroy, La poésie lyrique des troubadours, Toulouse 1934, Bd. 2, S. 282.Google Scholar
  2. 190.
    Jacqueline Cerquiglini, »Le lyrisme en mouvement«, Perspectives médiévales 6, 1980, S. 75–86, nennt die Didaktisierung als ein wesentliches Merkmal der Lyrik des 14./15.Jhs.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2001

Authors and Affiliations

  • Rüdiger Schnell
    • 1
  1. 1.BaselDeutschland

Personalised recommendations