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Verborgene Kalküle Pierre Bourdieus ›Reflexive Anthropologie‹, Erecs und Iweins Habitus und die Conditio humana des Interpreten

  • Gerhard Wolf
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Die Mediävistik hat den Körper entdeckt.1 Sie trägt damit einer Entwicklung in den historischen Kulturwissenschaften Rechnung, bei vormodernen Gesellschaften die sinn- und gemeinschaftsstiftenden Elemente in den Ausdrucksformen einer nicht-cartesianischen Ontologie zu suchen. Ihr Forschungsinteresse verschiebt sich von den Strukturen auf die Praxis, von der Überlieferung auf die Form der Kommunikation, die Ritualität und den Gebrauch nicht-sprachlicher Zeichen. Im Rückgriff auf die Ergebnisse der historischen Anthropologie und der Ethnologie wird dabei dem Körper eine ›Realpräsenz‹ zugeschrieben, er erscheint als Quelle der Erinnerung und Produzent eines eigenen Lebenssinns, der mitunter quer zur Rationalität steht. Tendenziell führen derartige Theorien, die man einer ›grünen Mediävistik‹ zuschlagen kann, allerdings zu einer Idealisierung und Autonomisierung des Körpers auf Kosten seiner historischen und sozialen Bedingtheiten und sind damit nur eine Umkehrung der bisherigen Verabsolutierung des Geistes oder der Gesellschaft. Außerdem ist nicht zu übersehen, dass derartige Ansätze die objektivistischen Theorien der Geistes- oder Mentalitätsgeschichte im Grunde auf die Körperthematik übertragen und das Leitparadigma der scholastischen Rhetorik durch das der höfischen Körperkontrolle ersetzt worden ist.

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Literatur

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2001

Authors and Affiliations

  • Gerhard Wolf
    • 1
  1. 1.BayreuthDeutschland

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