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Aufklärung über das Menschenhirn

Neue Wege der Neuroanatomie im späten 18. Jahrhundert
  • Michael Hagner
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Soemmerring, Reil, Gall — mit diesen drei Namen ist die Konstituierung der Neuroanatomie in Deutschland am Ende des 18. Jahrhunderts verbunden. Wie kam es dazu? Die lange Zeit übliche Antwort beschränkte sich auf die Vorstellung eines kontinuierlich anwachsenden empirischen Wissens, das sich ohne bzw. gegen die spekulativen Entwürfe zur Funktionsweise des Gehirns und die Theorien zur Interaktion von Seele und Gehirn Geltung verschaffen konnte. Der Preis für eine solche isolationistische Sichtweise besteht in der willkürlichen Auseinanderdividierung einheitlich gedachter Entwürfe. Wenn Soemmerrings Theorie vom Seelenorgan, Reils Anleihen bei der Naturphilosophie und Galls Organologie vielfach als spekulative Verirrungen dargestellt wurden, die man vernachlässigen dürfe, ohne ihre Bedeutung als Anatomen einzuschränken, so wäre dem entgegenzuhalten, daß sich die zunehmende Konzentration auf die Struktur des Gehirns vis-à-vis mit nicht-anatomischen Fragen und Konzepten entwickelte. Das Postulat eines inneren Zusammenhangs von Anatomie, Anthropologie, Physiologie und Psychologie war gleichsam das Rückgrat zur Etablierung eines einheitlichen Wissenscorpus, der das Bestreben nach einer möglichen Wissenschaft vom Menschen aufzugreifen versuchte. Dieses Programm scheiterte zweimal, nämlich am Ende der Aufklärung in Gestalt einer philosophischen Anatomie, und eine Generation später, am Ende der Romantik in Gestalt einer naturphilosophischen Physiologie.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Albrecht von Haller: De partibus corporis humani sensibilibus et irritabilibus. Commentarii Societatis Regiae Scientiarum Gottingensis 2 (1753), S. 114–158.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Sergio Moravia: From Homme Machine to Homme Sensible. Changing Eighteenth-Century Models of Man’s Image. Journal of the History of Ideas 39 (1978), S. 45–60.CrossRefGoogle Scholar
  3. 3.
    Zu dieser Unterscheidung vgl. Werner Krauss: Zur Anthropologie des 18. Jahrhunderts. Die Frühgeschichte der Menschheit im Blickpunkt der Aufklärung. Berün 1987, S. 11.Google Scholar
  4. 4.
    Charles Bonnet: La palingénésie philosophique, ou idées sur l’état passé et sur l’état futur des êtres vivans. 2 Bde. Genf 1769, Bd. 1, S. 18, 27.Google Scholar
  5. 6.
    Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784–1791). In: Ders.: Werke. Hg. Hermann Kurz. Band 3. Leipzig 1884, S. 93–100.Google Scholar
  6. 8.
    Vgl. dazu Michael Hagner: Soemmerring, Rudolphi und die Anatomie des Seelenorgans. »Empirischer Skeptizismus« um 1800. Medizinhistorisches Journal 25 (1990), S. 211–233.Google Scholar
  7. 9.
    Samuel Thomas Soemmerring: Über das Organ der Seele. Königsberg 1796 [Nachdruck: Amsterdam 1966], S. 37.Google Scholar
  8. 10.
    Samuel Thomas Soemmerring: Über die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom Europäer. Mainz 1784, S. 16—21. Genaugenommen stellte er fest, daß Schwarze größere Hirnnerven hätten. Aufgrund der von ihm aufgestellten Regel, wonach die Hirngröße in Relation zur Größe der Hirnnerven festgelegt sei, folgte für Soemmerring, daß Schwarze kleinere Gehirne hätten.Google Scholar
  9. 13.
    Für eine Analyse von Soemmerrings Anthropologie vgl. Georg Lilienthal: Samuel Thomas Soemmerring und seine Vorstellungen über Rassenunterschiede. In: Mann, Gunter/Dumont, Franz (Hg.): Die Natur des Menschen: Probleme der Physischen Anthropologie und Rassenkunde (1750–1850). (= Soemmerring-Forschungen Bd. 6), Stuttgart/New York 1990, S. 31–55.Google Scholar
  10. 15.
    Vgl. Peter McLaughlin: Soemmerring und Kant: Über das Organ der Seele und den Streit der Fakultäten. In: Mann, Gunter/Dumont, Franz (Hg.): Samuel Thomas Soemmerring und die Gelehrten der Goethe-Zeit. (= Soemmerring-Forschungen Bd. 1), Stuttgart/New York 1985, S. 191–201.Google Scholar
  11. 17.
    Samuel Thomas Soemmerring: Vom Baue des menschlichen Körpers. Th. 5, Abth. 1: Hirn- und Nervenlehre. 2. Aufl. Frankfurt a.M. 1800, S. 388.Google Scholar
  12. 18.
    Johann Christian Reil: Über das Gemeingefühl (1794). In: Ders.: Kleine Schriften wissenschaftlichen und gemeinnützigen Inhalts. Halle 1817, S. 34–112, hier: 105.Google Scholar
  13. 19.
    Johann Christian Reil: Ueber den Bau des Gehirns und der Nerven (1795). In: Ders.: Kleine Schriften wissenschaftlichen und gemeinnützigen Inhalts. Halle 1817, S. 113–132, hier: 130.Google Scholar
  14. 21.
    Vgl. Johann Christian Reil: Über die eigenthümlichen Verrichtungen des Seelenorgans (1795). In: Ders.: Gesammelte kleine physiologische Schriften. Bd. 2. Wien 1811, S. 1–158.Google Scholar
  15. 24.
    Johann Christian Reil: Ueber die Eigenschaften des Ganglien-Systems und sein Verhältnis zum Cerebral-System. In: Archiv für die Physiologie 7 (1807), S. 189–254, hier: 241.Google Scholar
  16. 25.
    Vgl. hierzu die Interpretation von Heinz Schott: Zum Begriff des Seelenorgans bei Johann Christian Reil (1759–1813). In: Mann, Gunter/Dumont, Franz (Hg.): Gehirn, Nerven, Seele. Anatomie und Physiologie im Umfeld S.Th. Soemmerrings. (= Soemmerring-Forschungen Bd. 3), Stuttgart/New York 1988, S. 183–210.Google Scholar
  17. 26.
    Johann Christian Reil: Ueber die Centricität der Organismen. In: Beyträge zur Beförderung einer Kurmethode auf psychischem Wege 2 (1812), S. 186–248, hier: 204.Google Scholar
  18. 29.
    Johann Christian Reil: An die Professoren Herrn Gren und Herrn Jakob in Halle. Archiv für die Physiologie 1, (1795), S. 3–7, hier: 5.Google Scholar
  19. 30.
    Erna Lesky: Gall und Herder. In: Clio Medica 2 (1967), S. 85–96; dies.: Structure and function in Gall. In: Bulletin of the History of Medicine 44 (1970), S. 297–314.Google Scholar
  20. 31.
    Franz Joseph Gall: Philosophisch-Medicinische Untersuchungen über Natur und Kunst im kranken und gesunden Zustande des Menschen. Band 1. Wien 1791, S. 27–28.Google Scholar
  21. 33.
    Vgl. Franz Joseph Gall: Des Herrn Dr. F. J. Gall Schreiben über seinen geendigten Prodromus über die Verrichtungen des Gehirns der Menschen und der Thiere, an Herrn Jos. Fr. von Retzer. In: Neuer Teutscher Merkur 12 (1798), S. 311–332, das ich zitiere nach Erna Lesky (Hg.): Franz Joseph Gall. Naturforscher und Anthropologe. Bern 1979, S. 47–59.Google Scholar
  22. 36.
    Franz Joseph Gall & Gaspar Spurzheim: Recherches sur le système nerveux en général, et sur celui du cerveau en particulier. Paris 1809, S. 273.Google Scholar
  23. 37.
    Vgl. dazu Sigrid Oehler-Klein: Die Schädellehre Franz Joseph Galls in Literatur und Kritik des 19. Jahrhunderts. (= Soemmerring-Forschungen 8). Stuttgart/New York 1990.Google Scholar
  24. 42.
    Vgl. hierzu Stephen Jay Gould: Der falsch vermessene Mensch. Frankfurt a.M. 1988.Google Scholar
  25. 43.
    Vgl. dazu vor allem Rudolf Stichweh: Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher Disziplinen — Physik in Deutschland 1740–1890. Frankfurt a.M. 1984, sowie die verschiedenen Beiträge in Kathryn M. Olesko (Hg.): Science in Germany. The Intersection of Institutional and Intellectual Issues. Osiris, 2. Serie, 5 (1989); Gert Schubring (Hg.): ›Einsamkeit und Freiheit‹ neu besichtigt. Universitätsreformen und Disziplinenbildung in Preussen als Modell für Wissenschaftspolitik im Europa des 19. Jahrhunderts. Stuttgart 1991.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1994

Authors and Affiliations

  • Michael Hagner
    • 1
  1. 1.GöttingenDeutschland

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