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Zwischen pragmatischer Alltagsethik und ästhetischer Erziehung

Zur Anthropologie der moraltheoretischen und -praktischen Literatur der Aufklärung in Deutschland
  • Friedrich Vollhardt
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

»Know then thyself, presume not God to scan; / The proper study of Mankind is Man.« Eine zeitgenössische Illustration zu den berühmten Versen, mit denen Alexander Pope die zweite Epistel seines Essay on Man eröffnet, zeigt zwei in ein Gespräch vertiefte junge Männer. Einer der Gesprächspartner umfaßt ein Buch, das die Aufschrift HISTORY erkennen läßt; sein Gegenüber stützt sich auf einen Band, dessen Titel dem Betrachter unmittelbar in den Blick fällt: ETHICS. Zu ihren Füßen sitzen Putten, die Instrumente der Naturforschung im kindlichen Spiel um sich ausgebreitet haben.1 Eine deutliche Abstufung. Oder nur ein später Nachklang der Geringschätzung, mit der die Naturphilosophie im humanistischen Fächerkatalog bedacht wurde?2 Wie auch immer — für die vornehmsten Fragen der Anthropologie behaupten die studia humanitatis noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts ihre Geltung. Vor allem im Hinblick auf das instinktentbundene Handeln des Menschen, das als ein Gattungsmerkmal gilt, an das sich die Forderungen nach einer sittlichen Bildung der Persönlichkeit binden. Die Wissenschaften von der Natur, auch der humanen Physis, mögen vergleichbare Ziele verfolgen, ihr Nutzen ist jedenfalls ein anderer und für den Lebensvollzug offenbar von geringerer Bedeutung.

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Anmerkungen

  1. 2.
    Vgl. August Buck: Die Ethik im humanistischen Studienprogramm. In: Ders.: Studia humanitatis. Gesammelte Aufsätze 1973–1980. Hg. v. Bodo Guthmüller u.a. Wiesbaden 1981, S. 253–262, bes. S. 254f.Google Scholar
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    Wolfgang Kersting: Kann die Kritik der praktischen Vernunft populär sein? Über Kants Moralphilosophie und pragmatische Anthropologie. In: Studia Leibnitiana 15 (1983), S. 82–93, hier: 90. Vgl. auch Doris Bachmann-Medick: Die ästhetische Ordnung des Handelns. Moralphilosophie und Ästhetik in der Popularphilosophie des 18. Jahrhunderts. Stuttgart 1989, Kap. 1.2.Google Scholar
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    Vgl. Horst Denzer: Moralphilosophie und Naturrecht bei Samuel Pufendorf. Eine geistes- und wissenschaftsgeschichtliche Untersuchung zur Geburt des Naturrechts aus der Praktischen Philosophie (= Münchener Studien zur Politik, Bd. 22). München 1972, S. 95. Zum Problem der Übersetzung (»Geselligkeit«) vgl. Klaus Weimar: »Bürgerliches Trauerspiel«. Eine Begriffserklärung im Hinblick auf Lessing. In: DVjs 51 (1977), S. 208–221, bes. S. 215 Anm. 38.Google Scholar
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    Vgl. [Samuel Christian Hollmann:] Zufällige Gedanken über verschiedene wichtige Materien. Sechste und Letzte Sammlung. Frankfurt und Leipzig 1776, S. 10–30: Die Moralphilosophie, bes. S. 27f.Google Scholar
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    Vgl. Immanuel David Mauchart: Phänomene der menschlichen Seele. Eine Materialien=Sammlung zur künftigen Aufklärung in der Erfahrungs=Seelenlehre. Stuttgart 1789, S. 229–290; nur beiläufig werden die »Plichten gegen sich selbst« erwähnt (260).Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1994

Authors and Affiliations

  • Friedrich Vollhardt
    • 1
  1. 1.HamburgDeutschland

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