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Die Einbildungskraft im Wechsel der Diskurse

Annotationen zu Adam Bernd, Karl Philipp Moritz und Jean Paul
  • Götz Müller
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Als Karl Philipp Moritz im Sommer 1792 das Manuskript der »Unsichtbaren Loge« las, das ihm ein Unbekannter mit der Bitte um Veröffentlichung zugeschickt hatte, glaubte er an ein Pseudonym, hinter dem sich einer der Großen verstekke. »Wo wohnen Sie? Wie heißen Sie? Wer sind Sie? — Ihr Werk ist ein Juwel; es haftet mir, bis sein Urheber sich mir näher offenbart!« Moritz vermittelte sofort den Druck des Romans durch seinen künftigen Schwager, den Verleger Matzdorf in Berlin. Richter antwortete am 29. Juni 1792: »O Th[euerster], welche Freude macht mir Ihr Beifal und die Aehnlichkeit, die meine Seele vielleicht mit Ihrer hat! Sie solten den thonigten bäotischen Boden kennen, in den mich das Schiksal gepflanzt und gedrükt« ; die von beiden Seiten betonte Seelenverwandtschaft hatte biographische Wurzeln. Beide Autoren entstammten ärmlichsten Verhältnissen, beide erkämpften ihre Autorschaft gegen außerordentüche Widerstände. Als der neunundzwanzigjährige Winkelschulmeister Richter von Moritz erlöst wurde, war er der Verzweiflung über die Erfolglosigkeit seiner schriftstellerischen Bemühungen nahe. Moritz starb ein Jahr darauf am 26. Juni 1793. Dem Bruder bekannte Jean Paul, daß er die Emanuels Sterben im »Hesperus« geschrieben habe, »damit Er es lese«. Der im selben Satz erwähnte Vernichtungstraum im 38. Kapitel weist — wie Jean Pauls »Experimentalnihilismus« überhaupt — Parallelen zu den Chaos-Entwürfen und den makabren Spielen auf, die Moritz im »Anton Reiser« und sein Bruder in einem Brief beschreiben.1

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Anmerkungen

  1. 2.
    Vgl. Werner Gerabek: Naturphilosophie und Dichtung bei Jean Paul: das Problem des Commercium mentis et corporis (= Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, Nr. 202). Stuttgart 1988. Derselbe: Jean Paul und die Physiognomik. In: Sudhoffs Archiv 73 (1989), S. 1–11. Gunnar Och: Der Körper als Zeichen. Zur Bedeutung des mimischgestischen und physiognomischen Ausdrucks im Werk Jean Pauls (= Erlanger Studien, Bd. 62). Erlangen 1985. Götz Müller: Jean Pauls Ästhetik und Naturphilosophie. Tübingen 1983. Ders.: Jean Pauls Ästhetik im Kontext der Frühromantik und des deutschen Idealismus. In: Walter Jaeschke und Helmut Holzhey (Hg.): Früher Idealismus und Frühromantik. Der Streit um die Grundlagen der Ästhetik (1795–1805) (= Philosophisch-literarische Streitsachen, Bd. 1). Hamburg 1990, S. 159–173, hier besonders: 165–169.Google Scholar
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    Vgl. allgemein zu diesem Thema: Karl Pestalozzi: Physiognomische Methodik. In: Adrien Finck und Gertrud Gréciano (Hg.): Germanistik aus interkultureller Perspektive (= Collection Recherches Germaniques, no. 1). Straßburg 1988, S. 137–153. Gerhard Neumann: »Rede, damit ich dich sehe«. Das neuzeitliche Ich und der physiognomische Blick. In: Ulrich Fülleborn und Manfred Engel (Hg.): Das neuzeitliche Ich in der Literatur des 18. und des 20. Jahrhunderts. Zur Dialektik der Moderne. München 1988, S. 71–107, 107–108. Richard Gray: Die Geburt des Genies aus dem Geiste der Aufklärung. Semiotik und Aufklärungsideologie in der Physiognomik Johann Kaspar Lavaters. In: Poetica 23 (1991), S. 95–138.Google Scholar
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Authors and Affiliations

  • Götz Müller
    • 1
  1. 1.WürzburgDeutschland

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