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Zur Poetik des Tagebuchs

Beobachtungen am Text eines Selbstbeobachters
  • Ursula Geitner
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Um 1780 glaubt man, vom Tagebuch Außergewöhnliches erwarten zu können. Anthropologisch-psychologisches Interesse entdeckt das Tagebuch als Instrument, welches den allenthalben gesuchten unmittelbaren Zugang zum Menschen, so wie er eigentlich ist, zu bahnen verspricht. Hochgestimmte Erwartungen dieser Art, wie Moritz sie in Lavaters Geheimem Tagebuch adäquat erfüllt sieht1, lösen sich jedoch schon bald, ganz unabhängig von literarischästhetischer Bewertung2, in Vorsicht, Skepsis und Kritik auf: Das Tagebuch verführt, so sieht es Moritz dann 1789, zu eitel-ambitionierter literarischer Präsentation und produziert damit, was es beseitigen, ›verhüllt‹, was es entschleiern, maskiert einen Autor, der als Mensch demaskiert werden sollte.3 Distanzierungen dieser Art beruhen, wie der folgende Beitrag zeigen will, auf Irritationen, die durch eine teils alarmierte, teils faszinierte Entdeckung schriftlich-literarischer Medialität ausgelöst werden. In dieser kritischen, die kontraproduktive, ›verschleiernde‹ Medialität des Bekenntnisses den Perspektive wird das Verhältnis von Mensch und Autor, Individuum und Text, Ausdruck und Schrift, Bekenntnis und Literatur, Originalität und Imitation problematisch; und es sind eben diese Probleme, denen sich schon Lavaters Tagebuch, ohne das Authentizitäts-Anliegen eines Moritz etwa bloß zu bebildern, mit Bezug auf das eigene, ›aktuelle‹ Schreiben zu stellen versucht. Der Aufweis dieser selbstreferentiellen Auseinandersetzung, die Lavaters Tagebuch führt, ermöglicht eine Lektüre seines Textes, welche dessen immer mitlaufende poetologische Reflexionen ernst nimmt und eröffnet darüber hinaus Aufschlüsse über einen um 1770 kurrenten Textbegriff, welcher vom Text-Verständnis des Tagebuchs, das zu eben dieser Zeit neu konstituiert wird, in entscheidenden Merkmalen bestimmt ist: von der Vision einer schlechthin individuellen, monologischen, intentional kontrollierten und stets gegenwärtigen Rede, die ein Gegenüber voraussetzt, das, einem hermeneutischen Wunsch Herders entsprechend, fähig ist, »ein Buch in eine Person, und tote Buchstaben in Sprache zu verwandeln« und damit zu ermöglichen, worauf es ankommt: »alsdenn hört man und denkt und fühlt mit dem Autor.«4

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Anmerkungen

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1994

Authors and Affiliations

  • Ursula Geitner
    • 1
  1. 1.KölnDeutschland

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