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Die Spur des Körpers

Zur Kartographie des Unbewußten in der französischen Frühaufklärung
  • Rudolf Behrens
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Die Entdeckungsgeschichte des Unbewußten setzt einem Konsens gemäß um 1800 — mit Schellings System des transscendentalen Idealismus — ein und kann ihrerseits auf eine ausgeprägte Vorgeschichte zurückblicken.1 Am Ende dieser Vorgeschichte der Vorgeschichte ist es die Anthropologie Kants (1798), die in dem Kapitel »Von den Vorstellungen, die wir haben, ohne uns ihrer bewußt zu sein« (§5) ein Fazit aus einer säkularen Diskussion über die Bedeutung unbewußter aber deutlicher Perzeptionen zieht. Es ist ein Fazit, demgemäß »das Feld dunkler Vorstellungen das größte im Menschen [ist]«.2 Gleichzeitig mit diesem erstaunlichen Eingeständnis des in der Lebenspraxis obsiegenden »Spiel[s] dunkler Vorstellungen«, die der Verstand vergeblich als »Täuschung« zu durchschauen vermöge, aktiviert Kant eine geographische Metaphorik, die eine zweifache zeitliche Perspektivierung einschließt. Sie ist zugleich eine Bestandsaufnahme mangelhaften menschlichen Selbstbewußtseins im Zeichen vollzogener Aufklärung, und sie birgt auf die Zukunft hin eine explorative Dimension in sich. Die Tatsache nämlich, daß »auf der großen Karte unseres Gemüts nur wenige Stellen illuminiert sind«, könne »uns Bewunderung über unser eigenes Wesen einflößen«.3 Denn, so sinngemäß Kant, würde nur »eine höhere Macht« ein fiat lux über diesen unerreichbaren Teil des menschlichen Gemüts aussprechen, so würde ihm »gleichsam eine halbe Welt […] vor Augen liegen«.

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Anmerkungen

  1. 1.
    John H. Parry: The Age of Reconnaissance, Ldn 1963, S. 326; s.a. Urs Bitterli: Die ›Wilden‹ und die ›Zivilisierten‹, Mchn 1976, S. 28–35.Google Scholar
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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1994

Authors and Affiliations

  • Rudolf Behrens
    • 1
  1. 1.BochumDeutschland

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