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Die Notstandsgesetzgebung im ästhetischen Staat

Anthropologische Aporien in Schillers philosophischen Schriften
  • Carsten Zelle
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Daß der Mensch frei ist, aber sterblich — die Einsicht in diesen unglücklichen Widerspruch, der der Mensch zur Gänze ist, profiliert Schillers anthropologische Diagnose und erklärt den Impuls, der seine philosophischen Schriften der neunziger Jahre bewegt. Indem sie den Versuch unternehmen, diese Wunde zu schließen, reißen sie sie stets wieder auf. Wenn diese Schriften den »eigentlichen Kulminationspunkt der anthropologischen Ästhetik in Deutschland«1 bilden, so nicht deswegen, weil in ihnen die widersprüchliche anthropologische Dimension des Menschen ›versöhnt‹ würde, wie es die verbreitete, an

NA = Friedrich Schiller: Werke. Nationalausgabe. Begr. Julius Petersen. Weimar 1943ff. [nicht abgeschlossen]. Zit.: NA Bd., S.

ÄE = Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Briefe an den Augustenburger, Ankündigung der ›Horen‹, und letzte, verbesserte Fassung. Hg. Wolfhart Henckmann. München 1967. Zit.: Nr. Brief, ÄE S.

Hanser = Friedrich Schiller: Sämtliche Werke. Hg. Gerhard Fricke, Herbert G. Göpfert. 5 Bde. 7. Aufl. [11958/59]. München 1984. Zit: Hanser Bd., S.

Körner = Briefwechsel zwischen Schiller und Körner. Hg. Klaus L. Berghahn. München 1973.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Lothar Bornscheuer: Zum Bedarf an einem anthropologiegeschichtlichen Interpretationshorizont. In: Germanistik — Forschungsstand und Perspektiven. Vorträge des Deutschen Germanistentages 1984. Hg. Georg Stötzel. 2. Teil: Ältere Deutsche Literatur/Neuere Deutsche Literatur. Berlin, New York 1985, S. 420–438, hier: 432. Vgl. Elizabeth M. Wilkinson, L. A. Willoughby: ›The Whole Man‹ in Schiller’s Theory of Culture and Society. On the Virtue of a Plurality of Models. In: Essays in German Language, Culture and Society. Ed. Siegbert S. Prawer. London 1969, S. 177–210. Meine Vorlage geht auf Überlegungen zurück, die ich zuerst in Vorträgen zum Thema »›Anmut und Würde‹. Schillers doppelte Ästhetik in seinen philosophischen Schriften der neunziger Jahre« an der Faculteit der Letteren an der Rijksuniversiteit te Utrecht (29. Nov. 1990), am Instytut Filologii Germanskiej an der Uniwersitet Wroclawski (22. Febr. 1991) sowie am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität-GHS-Essen (27. Juni 1991) vorgestellt habe. Ich danke Jatti Enklaar-Lagendijk, Norbert Honsza sowie Horst Albert Glaser für ihre freundlichen Einladungen.Google Scholar
  2. 2.
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    Johann Wilhelm Süvern: Über Schillers Wallenstein in Hinsicht auf die griechische Tragödie. Berlin 1800, S. 16, 161 und 157. Das Buch befindet sich noch heute in Schillers Bibliothek, weist jedoch keinerlei Randbemerkungen, Anstreichungen oder ähnliches auf (Frau Ch. Tezky, Leiterin des Schillermuseums Weimar, briefliche Auskunft vom 20. Nov. 1990).Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1994

Authors and Affiliations

  • Carsten Zelle
    • 1
  1. 1.SiegenDeutschland

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