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Erkennen und Empfinden

Anthropologische Achsendrehung und Wende zur Ästhetik bei Johann Georg Sulzer
  • Wolfgang Riedel
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Von einer »Achsendrehung im Begriff des Menschen« sprach Georg Simmel im Blick auf Schopenhauers Willenslehre. Erstmals in der Geschichte der Philosophie habe sie die Vernunft aus ihrer anthropologischen Zentralstellung gerückt und an ihrer Statt die »dunkle Begehrlichkeit« und »Ruhelosigkeit des Wollens«, das lust- und qualvolle Streben nach Dasein und Fortpflanzung zur Mitte des Menschen erklärt, mit einem Wort, die Triebnatur als »Wesensgrund« seines Daseins begriffen. Auch eine kopernikanische Wende! Simmel erkennt in Schopenhauers Metaphysik der Biologie die Wende zur Lebensphilosophie und in der von ihr vollzogenen »Vernichtung des Vernunftcharakters« des menschlichen Seins eine Epochenscheide der abendländischen Anthropologie.1 Große Worte ohne Zweifel. An ihnen ist jedoch soviel richtig, daß seit Schopenhauer der Dezentrierungen der Vernunft kein Ende ist (worin sich nicht zuletzt die Tatsache spiegelt, daß seit dem neunzehnten Jahrhundert die Biologie — sei es als Evolutionstheorie, Sinnesphysiologie, Trieblehre, Ethologie, Genetik oder Autopoiesistheorie — als Leitdisziplin im Ensemble der Wissenschaften vom Menschen fungiert). Simmeis Optik hat sich bis heute behauptet. Hinter Freud und Nietzsche ist Schopenhauer die am weitesten zurückgeschobene Horizontkulisse des gegenwärtigen anthropologischen Denkens, so es sich, auch in seinen geisteswissenschaftlichen Rezeptionsformen, als ein Denken des Menschen am Leitfaden des Leibes begreift. Psychologische und anthropologische Theorien vor dieser Zeitschwelle erstrahlen im Licht der Teilhabe an gegenwärtigen Diskursen; im Dunkel dahinter liegt das Andere: die Wüsten des falschen Bewußtseins und die Wildnisse der Torheit.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Georg Simmel: Schopenhauer und Nietzsche (1907). Hamburg 1990, S. 81ff.Google Scholar
  2. 3.
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Authors and Affiliations

  • Wolfgang Riedel
    • 1
  1. 1.BerlinDeutschland

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