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»Es werde Licht!«

Die Blindheit als Schatten der Aufklärung bei Diderot und Hölderlin
  • Peter Utz
Part of the Germanistische Symposien Berichtsbände book series (GERMSYMP)

Zusammenfassung

Gegenüber der Blindheit sind wir blind. Für uns Sehende bleibt der dunkle Innenraum des Blinden eine black box. Weder Mitleid noch Mythisierung vermögen in ihn einzudringen. Gerade die Epoche der Aufklärung, die sich dem Leitbegriff des Lichtes verschrieben hat, wird von diesem Widerstand der Blindheit besonders herausgefordert. So ist der Versuch, diskursiv in den dunklen Raum der Blindheit hineinzuleuchten, ein zentrales Projekt der Aufklärung, das bisher noch zuwenig gewürdigt worden ist. Nach dem Muster jenes Spiegels, mit dem der Augenarzt als gerichtetem Seh- und Lichtstrahl das Innere der Augenhöhle abtastet, versucht der physiologische und anthropologische Diskurs der Aufklärungszeit, zu den neuralgischen Punkten der Blindheit vorzudringen. Denn erst im Triumph des diskursiven Lichts über die Blindheit wäre die Aufklärung vollendet — das »Siècle des Lumières« will sein Licht auch und gerade jenen zurückgeben, denen es am offensichtlichsten fehlt. Dies erst wäre die Vollendung der Schöpfung, wie sie Alexander Pope 1730 in einem Epitaph auf Newton, den Lichtgott der Aufklärung, feiert: »Nature, and Nature’s Laws, lay hid in Night. / God said Let Newton be! and All was Light1

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Anmerkungen

  1. 4.
    Vgl. dazu John W. Davis: The Molyneux Problem. In: Journal of the History of Ideas XXI/3(1960), p. 392–408, und die ausführlichere Darstellung: Michael J. Morgan: Molyneux’s question: Vision, Touch and the Philosphy of Perception. Cambridge/ New York 1977, ferner Paulson (Anm. 3), Kap. 2, p. 21–38.CrossRefGoogle Scholar
  2. 5.
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  3. 12.
    Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Übers. v. Ulrich Köppen. Frankfurt a.M. 1974, S. 104f. Foucault identifiziert diese »klassische« Form der Imagination noch mit der Kraft der Erinnerung, während Diderot hier beides in Opposition setzt.Google Scholar
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  5. 30.
    Roland Mortier: Diderot in Deutschland 1750–1850. Stuttgart 1972, S. 313, spielt diesen Einfluß eher herunter; im Kommentar der Ausgabe von Wolfgang Pross wird er erstmals herausgestellt. Vgl. zudem auch Raymond Immerwahr: Diderot, Herder and the Dichotomy of touch and sight. In: Seminar 14 (1978), S. 84–96.Google Scholar
  6. 38.
    Jochen Schmidt: Hölderlins später Widerruf in den Oden »Chiron«, »Blödigkeit« und »Ganymed«. Tübingen 1978, S. 16ff. Erst im »Widerruf« durch die Ode »Chiron«, so Schmidt, werde die Unmittelbarkeit des »blinden Sängers« zum »Licht« reflektiert, hier erst vollziehe sich der Übergang vom »Dichter« zum »Philosophen«. Dem steht die Deutung Ryans entgegen, der die Gebrochenheit schon des »blinden Sängers« unterstreicht — vgl. Lawrence Ryan: Hölderlins »tragische Ode« ›Der blinde Sänger‹. In: Gedichte und Interpretationen 3, Klassik und Romantik. Hrsg. v. Wulf Segebrecht. Stuttgart 1984, S. 368–379.Google Scholar
  7. 50.
    Vgl. dazu Anselm Haverkamp: Laub voll Trauer. Hölderlins späte Allegorie. München 1991.Google Scholar
  8. 51.
    Paul Celan: Blume. In: Ders.: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Hrsg. v. Beda Allemann. Frankfurt a.M. 1983, Bd. 1, S. 164.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1994

Authors and Affiliations

  • Peter Utz
    • 1
  1. 1.LausanneSwitzerland

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