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In Gottesgeschichten verstrickt. Erzählen im christlich-religiösen Diskurs

  • Andreas Mauz
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Zusammenfassung

»Woran erkennen wir, diese Frage muß zuerst gestellt werden und beantwortet werden, daß es sich bei bestimmten sozialen Erscheinungen um Religion handelt?« So beginnt Niklas Luhmann seine Erwägungen über »Die Sinnform Religion«1, die rund 70 Seiten später in die bekannte These münden, dass der religionsspezifische Code in der Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz liege. »Man kann […] sagen, daß eine Kommunikation immer dann religiös ist, wenn sie Immanentes unter dem Gesichtspunkt der Transzendenz betrachtet.«2 Die genannte Unterscheidung ist somit eine, die auf der Seite der Immanenz gemacht wird. Die Welt wird aus der Immanenz in der Transzendenz ›verdoppelt‹ — und damit von außen beobachtbar. Aber auch Gott ist in dieser Perspektive im Wesentlichen ein »Beobachtergott«3. Er ist die »Kontingenzformel«, welche die Pa-radoxien, die der Immanenz/Transzendenz-Codierung folgen, »durch eine Identität«4 absorbiert. Dieses Gottesverständnis, diese Bestimmung von Religion, hat christlich-theologischerseits zu Rückfragen Anlass geboten. Denn nur zu offensichtlich sind in dieser soziologischen Außenbeschreibung des Religionssystems wesentliche Traditionselemente der normativen christlich-religiösen Selbstbeschreibung nicht unterzubringen. Luhmanns Gottesverständnis mag bestimmten mittelalterlichen Strömungen und insbesondere dem des Theismus des 17. und 18. Jahrhunderts entsprechen — die trinitätstheologische Reflexionstradition wird dadurch jedoch etwa vollständig übergangen.5 Und gerade sie wurde im 20. Jahrhundert offensiv aufgenommen, um der Krise des theistisch-metaphysischen Gottesbildes zu begegnen, das Luhmann durch seinen »unterscheidungslosen, allgegenwärtigen und allwissenden Beobachtergott«6 beerbt.

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  • Andreas Mauz

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