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Gewinn maximieren, Gleichgewicht modellieren. Erzählen im ökonomischen Diskurs

  • Bernhard Kleeberg
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Zusammenfassung

»If theory does not fit reality — too bad for reality!« — Allerorten stößt man auf diese bekannte Ironisierung des Wirklichkeitsbezugs der Ökonomietheorie. Doch einer weiten Reihe nicht nur historischer Positionen eignet das Selbstverständnis, dass die modernen Wirtschaftswissenschaften nicht-fiktionales Wissen mit klarer Wirklichkeitsreferenz produzierten. Das Wirklichkeitsfeld der modernen Ökonomie lässt sich dabei zunächst mit Adam Smith als die Sphäre des Marktes, des Kapitals und des Handels bezeichnen, die durch Arbeitsteilung sowie die Relationen von Gewinn und Verlust, Produktion und Konsumption oder Angebot und Nachfrage an Kontur gewinnt.1 Mit John Stuart Mill ändert sich die Referenz auf das Reale insofern, als dass es nun über die Definition des ökonomischen Menschen strukturiert wird. Die Opposition von »Lust und Unlust« wird Ausgangspunkt der Politischen Ökonomie als Wissenschaft — einer Wissenschaft, die sich anders als die zeitgenössischen Sozialwissenschaften zunächst nicht als Beobachtungswissenschaft, sondern als »abstract science« begreift: Als eine Wissenschaft, deren Gesetze keine direkte Wirklichkeitsreferenz besitzen, sondern in ihrer Anwendung auf die realen Zusammenhänge immer modifiziert werden müssen.2 Im Anschluss an Mill kommt mit der marginalistischen Revolution 1871–1874 und dem Beginn der Neoklassik die Differenz zwischen »Nutzen und Kosten« ins Spiel, die die Sphäre des Ökonomischen bis zum Neoliberalismus entscheidend bestimmt.3

Kommentierte Auswahlbibliographie

  1. Clift, Edward (Hg.): How Language Is Used to Do Business: Essays on the Rhetoric of Economics, New York 2008. — Gemeinsames Ziel der Aufsätze ist es, die Erkenntnisse der Rhetoric of Economics McCloskeys im Hinblick auf die Realitätseffekte ökonomischer Sprache zu untersuchen. Behandelt werden u.a. Rhetoriken der Wertschöpfung und der Angst, Just-so-stories und Metaphern des Marktes.Google Scholar
  2. Creager, Angela N. H./Lunbeck, Elizabeth/Wise, M. Norton (Hg.): Science without Laws. Model Systems, Cases, Exemplary Narratives, Durham und London 2007. — Dieser Sammelband beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Modellsystemen, Simulationen, Fallstudien und exemplarischen Erzählungen in den Geistes- und Naturwissenschaften. Von spezifischem Interesse für den Bereich der ökonomischen Theorie sind die Aufsätze von Mary Morgan zum spieltheoretischen Gefangenendilemma.Google Scholar
  3. McCloskey, Donald [seit 1995 Deirdre] N.: The Rhetoric of Economics, Brighton/Sussex 1985. — McCloskeys Untersuchung markiert den eigentlichen Beginn der Anwendung des analytischen Instrumentariums der Sprach- und Literaturwissenschaften auf die ökonomische Theoriebildung. Auch wenn ihre Terminologie später als teilweise ungenau kritisiert wurde, sind ihre wissenschaftstheoretischen Analysen zum Realitätsbezug insbesondere komplexer ökonometrischer Modelle, dem Verhältnis von ökonomischen Fakten und Fiktionen und dem rhetorischen Einsatz von Statistiken und Differentialgleichungen wegweisend. McCloskeys Kritik am Selbstverständnis der Wirtschaftswissenschaften wog deshalb besonders schwer, weil sie aus dem innersten Zirkel der Chicagoer Schule um Milton Friedman und Robert Fogel stammt.Google Scholar
  4. Morgan, Mary S.: »Economic Man as Model Man: Ideal Types, Idealization and Caricatures«, Journal of the History of Economic Thought 28 (2006), H.1, S. 1–27. — Morgans Aufsatz zeichnet die Geschichte des Homo oeconomicus von Adam Smith bis in die Gegenwart nach. Anhand wissenschaftshistorischer Analysen reduktionistischer, abstrakter, idealtypischer und universalisierter Bilder des ökonomischen Menschen wird dessen Bedeutung für ökonomische Theoriebildung und als Modell für ökonomische Narrationen herausgearbeitet.CrossRefGoogle Scholar
  5. Samuels, Warren J. (Hg): Economics as Discourse: An Analysis of the Language of Economists, Boston u.a. 1990. — Die systematischen Studien dieses Sammelbands beschäftigen sich mit der Verschränkung rhetorischer und methodologischer Strukturen ökonomischer Theoriebildung, die Fallstudien behandeln u.a. die disziplinäre Selbstwahrnehmung der Ökonomietheorie, die Allgemeine Gleichgewichtstheorie, postmoderne Momente in der Geschichte des ökonomischen Mainstreams und Debatten um die Stellung empirischer Beobachtung in der Ökonomik.Google Scholar
  6. Vogl, Joseph: Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen, 3. Aufl., Zürich/Berlin 2008. — Vogls Studie über die Entwicklung des ökonomischen Menschen vom 17. bis ins 19. Jahrhundert verfährt im Sinne einer Poetologie des Wissens, die »das Auftauchen neuer Wissensobjekte und Erkenntnisbereiche mit den Formen ihrer Darstellung korreliert« und das »Wissenssubstrat poetischer Gattungen und die poetische Durchdringung von Wissensformen« (13f.) aufeinander bezieht. Im Hinblick auf Erzählen im ökonomischen Diskurs interessant ist besonders die Frage nach der Konvergenz literarischer und ökonomischer Handlungsmodelle.Google Scholar

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  • Bernhard Kleeberg

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