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Erzählen im historiographischen Diskurs

  • Stephan Jaeger
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Zusammenfassung

Die narratologische Diskussion über historiographisches Erzählen orientiert sich in der Regel an dessen Gemeinsamkeiten mit und Differenzen zum fiktionalen Erzählen. Es scheint damit zuerst einmal so, als würde historiographisches Erzählen durch die Leitdifferenz Fakt/Fiktion bzw. wahr/unwahr bestimmt.2 Hierbei ist zu berücksichtigen, dass sich die Unterscheidung textstrukturell darauf richten kann, wie Fakten oder Fiktionen dargestellt werden, oder pragmatisch darauf, was als Fakt und was als Fiktion angesehen wird. Historiographisches Erzählen ist am pragmatischen Anspruch erkennbar, auf eine außertextuelle vergangene Welt zu referieren und nicht eine eigenständige fiktionale Welt zu erschaffen. Es besteht ein Wahrhaftigkeitspakt3 zwischen Autor und Leser: Der Leser geht davon aus, dass der Historiker nach bestem Wissen und Gewissen historische Wirklichkeit darzustellen versucht. Im Rahmen der pragmatischen Unterscheidung ist es zuerst einmal nicht grundlegend, ob erst im Akt des historiographischen Erzählens Geschichte entsteht — die Vergangenheit benötigt Erzählen, um zur Geschichte zu werden4 –, sondern ob eine ›Äquivalenzbeziehung‹ zwischen Text und einer außerhalb des Textes befindlichen Wirklichkeit angenommen werden kann.5 Im weitesten Sinne ist die historiographische Erzählung also nach der in der Einleitung dieses Bandes vorgenommenen Differenzierung zwischen deskriptiver, normativer oder voraussagender Erzählung eine deskriptive Erzählung.6

Kommentierte Auswahlbibliographie

  1. Carrard, Philippe: Poetics of the New History. French Historical Discourse from Braudel to Chartier, Baltimore/London 1992. — Untersucht Texte der französischen Annales und verwandter kulturgeschichtlicher Traditionen auf ihre Makro- und insbesondere Mikrostrukturen hinsichtlich von narrativen, tropologischen, poetischen und rhetorischen Darstellungsmitteln, u.a. zu emplotment, Stimme und Perspektive; Fokus auf einen großen Textkorpus, weniger close reading einzelner Texte.Google Scholar
  2. Doležel, Lubomír: »Fictional and Historical Narrative. Meeting the Postmodern Challenge«, in: David Herman (Hg.): Narratologies. New Perspectives on Narrative Analysis, Columbus 1999, S. 247–273. — Der Aufsatz entwickelt eine Terminologie möglicher Welten für fiktionale und historische Welten und Leerstellen und ihre jeweilige poetische Schöpfungskraft; vertritt eine pragmatische Unterscheidung zwischen historiographischem und fiktionalem Erzählen (historischer Wahrhaftigkeitsanspruch); diskutiert verschiedene hybride Welten wie gefälschte und kontrafaktische Geschichte.Google Scholar
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  4. Jaeger, Stephan: »Multiperspektivisches Erzählen in der Geschichtsschreibung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Wissenschaftliche Inszenierungen von Geschichte zwischen Roman und Wirklichkeit«, in: Vera Nünning/Ansgar Nünning (Hg.): Multiperspektivisches Erzählen. Zur Theorie und Geschichte der Perspektivenstruktur im englischen Roman des 18. bis 20. Jahrhunderts, Trier 2000, S. 323–346. — Der Aufsatz thematisiert Multiperspektivität in der neueren Geschichtsschreibung auf der Ebene der Geschichte (histoire) und des Diskurses und zeigt die Variationsbreite zwischen geschlossenen und offenen Perspektivenstrukturen. Multiperspektivität auf der Diskursebene öffnet die Bedeutung der Texte zum Leser und führt zu hybriden — zwischen Geschichtsschreibung und Roman angesiedelten — Texten.Google Scholar
  5. Munslow, Alun: Narrative and History, Basingstoke/New York 2007. — Erste systematische Einführung in die narratologische Analyse historischen Erzählens aus vornehmlich struktural-dekonstruktiver Perspektive mit vorwiegend angloamerikanischen Beispielen; baut auf Genettes Unterscheidung von Geschichte (content/story), Erzählung sowie dem Akt des Erzählens auf; entwickelt die Vorstellung eines Geschichtsraums (story space); starke Betonung der sprachlichen Gemachtheit von Geschichte zuungunsten des Referentialitätskriteriums; reflektiert neben dem historiographischen Text auch andere Formen historischen Erzählens; kommentierte Empfehlungen für weiteres Lesen; Glossar der wichtigsten theoretischen Begriffe.Google Scholar
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  9. White, Hayden: Metahistory. The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe, Baltimore/London 1973. — Einschlägige Monographie, in der in Anlehnung an die typologische Poetik des Literaturwissenschaftlers Northrop Frye am Beispiel der realistischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts eine schematische Typologie historiographischer Stile (mit besonderem Schwerpunkt auf dem emplotment) entwickelt wird. Metahistory wirkte als entscheidender Katalysator für den linguistic turn in der Geschichtswissenschaft und führte zu einer Grundsatzdebatte über das Verhältnis von Geschichte und Literatur.Google Scholar

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  • Stephan Jaeger

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