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Erzählen im medizinischen und psychotherapeutischen Diskurs

  • Brigitte Boothe
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Zusammenfassung

Ein Patient erzählt im Kontext der ärztlichen Konsultation, der Exploration und Anamnese, des ärztlichen Gesprächs und der psychotherapeutischen Kooperation. Erzählen im medizinischen und psychotherapeutischen Diskurs bezieht sich auf das Wirklichkeitsfeld physischer oder psychischer Krankheiten und Störungen sowie Beeinträchtigungen, die im Kontext körperlicher Krankheiten auftreten. Als Krankheiten bezeichnet man im Verständnis der Schulmedizin naturwissenschaftlicher Orientierung Störungen der körperlichen, mentalen oder sozialen Funktionen, die auf physische oder psychische Defizite, Verwundungen, Entzündungen oder Schädigungen zurückgehen.1 Die dem medizinischen und psychotherapeutischen Diskurs zugrunde liegende Leitdifferenz ist folglich gesund vs. krank. Krankheiten haben einen Beginn, einen akuten oder chronischen, einen benignen oder malignen Verlauf, klingen restlos oder mit Folgewirkungen ab, sind durch kurative Maßnahmen beeinflussbar oder behandlungsresistent. Krankheiten lassen sich nach Krankheitsbildern — nach Symptomen, Syndromen sowie charakteristischen Befunden und Verlaufsmustern — klassifizieren und auf Krankheitsursachen hin erforschen. Krankheiten werden mit kurativen Maßnahmen behandelt, deren Wirksamkeit wissenschaftlich geprüft wird. Krankheit wird im gesundheitspolitischen oder versicherungsrechtlichen Rahmen pragmatisch festgelegt. Hier geht es um Entscheidungsgrundlagen über finanzielle Mittel, Behandlungs- und Nachsorgeeinrichtungen. Für die deutsche Kranken- und Unfallversicherung ist Krankheit derzeit als körperliche oder mentale Verfassung mit ärztlich behandlungsbedürftigen Funktions-, Leistungs- und Befindlichkeitsdefiziten gefasst, die die Arbeitsfähigkeit einschränken.

Kommentierte Auswahlbibliographie

  1. Angus, Lynne/Mc Leod, John (Hg.): The Handbook of Narrative and Psychotherapy. Practice, Theory, and Research, London 2003, S. 283–296. — Das erste Buch, das bedeutende Theoretiker wie Jerome Bruner, Michael White und Donald E. Polkinghorne, Forscher wie Lynne Angus, John McLeod, Dan P. McAdams und zahlreiche Praktiker der klinischen Narrativik zusammenführt. Es wird eine breite, aktuelle und methodisch versierte Orientierung über narrative Praxis in Psychodiagnostik, unterschiedlichen Psychotherapieformen sowie in narrativer Therapie gegeben.Google Scholar
  2. Bergmann, Jörg R.: Klatsch. Zur Sozialform der diskreten Indiskretion, Berlin 1987. — Leider ist dieses Buch, das Standards konversationsanalytischer Narrationsanalyse im Alltagsbezug setzt, noch nicht in Neuauflage erschienen. Es geht um die kommunikative Gattung Klatsch, nicht um Erzählen in der Psychotherapie. Der genaue Prozess der Materialaufbereitung, der Dokumentation, der Analyse der Klatscherzählungen, deren Produktion und Rezeption in der Klatschbeziehung bietet ein qualitativ hochstehendes Modell erzählanalytischen Vorgehens für andere Sozialformen erzählenden Mitteilens. Die Befunde dürfen noch heute als wertvoll und stimulierend für psychoanalytische Überlegungen zum voyeuristischen Mitgenuss des Geheimen und Prekären gelten, Überlegungen, die durch die Gesprächs- und Narrationsanalyse Bereicherung auf empirischer Ebene erfahren.CrossRefGoogle Scholar
  3. Brünner, Gisela/Gülich, Elisabeth (Hg.): Krankheit verstehen. Interdisziplinäre Beiträge zur Sprache in Krankheitsdarstellungen, Bielefeld 2002. — Das Buch verbindet interdisziplinäre Perspektiven der Linguistik, Sozialwissenschaft, Literaturwissenschaft, Medizin und Psychosomatik und bezieht Gesprächsanalyse, Narrativik, Metaphernanalyse auf ärztliche, psychotherapeutische und psychosomatische Praxis und Fallanalyse.Google Scholar
  4. Helfferich, Cornelia: Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 2005. — Das Werk ist ein didaktisch vorzüglich aufbereitetes Lehrbuch für die Praxis des qualitativen — insbesondere des narrativen — Interviews von hohem kommunikativen Sachverstand. Auch für das psychotherapeutische und klinische Interview eine wertvolle Anleitung und ein ausgezeichneter Ratgeber für die Ermutigung zum Erzählen.Google Scholar
  5. Lucius-Hoene, Gabriele/Deppermann, Arnulf: Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 2004. — Ausgezeichnete Einführung in die narrative Analyse von Alltagserzählungen aus dem psychotherapeutischen, medizinischen und dem breiteren biographischen Bereich. Differenzierte Einführung von Konzepten und Modellen der Narrations- und Gesprächsanalyse, dargestellt und illustriert an überzeugenden Vignetten und kurzen Fallanalysen. Besonderes Augenmerk gilt der Positionierungsanalyse.Google Scholar
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  9. Zeitschrift für qualitative Forschung. Herausgegeben von Ralf Bohnsack, Jörg Frommer, Heinz-Hermann Krüger, Winfried Marotzki, Ursula Rabe-Kleberg & Fritz Schütze. Leverkusen: Budrich. — Das unter dem Titel Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung im Jahr 2000 erstmals erschienene interdisziplinäre Fachjournal hat ein breit gefächertes Interessenfeld von Bildung bis Professionalität im Gesundheitswesen und von Qualitätskriterien empirischer Forschung bis zu methodologischen Fragen. Biografieforschung und Narrativik sind in zahlreichen Themenheften prominent vertreten, z.B. in 8 (2007), H. 1: »Symbolische Gewalt — zur literarischen Ethnographie von Bildungsräumen«.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2009

Authors and Affiliations

  • Brigitte Boothe

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