Advertisement

Was war, was ist — und was sein soll. Erzählen im juristischen Diskurs

  • Andreas von Arnauld
Chapter

Zusammenfassung

Im Zentrum des juristischen Diskurses steht der Umgang mit Rechtsnormen, die menschliches Verhalten regulieren sollen. Typischerweise teilen solche Normen Verhaltensweisen in rechtmäßige und rechtswidrige ein. Gleichwohl griffe es zu kurz, das Recht auf die Leitdifferenz legal/illegal reduzieren zu wollen.1 Zum einen, weil nicht alle Rechtsnormen diesem binären Code folgen; eine Reihe von Vorschriften (z.B. Formvorschriften) teilt Handlungen in rechtsgültige und nicht rechtsgültige ein und betont so die Systemgrenzen zwischen Recht und Nichtrecht. Zum anderen, weil das Recht sich nicht nur mit dem Sollen beschäftigt, sondern auch das Sein am Sollen misst. Nur so kann es seinem Anspruch gerecht werden, Verhalten zu regulieren. Es gilt dabei, den (realen) Sachverhalt und den (normativen) Tatbestand abzugleichen.2 Dieser Vorgang wird im Gerichtsverfahren besonders deutlich: Hier tritt zu der Entscheidung über die Rechtmäßigkeit bzw. die Rechtsgültigkeit die Ermittlung des tatsächlichen Sachverhalts hinzu — und damit die Differenz wahr/unwahr.3

Kommentierte Auswahlbibliographie

  1. Amsterdam, Anthony G./ Hertz, Randy: »An Analysis of Closing Arguments to a Jury«, New York Law School Review 37 (1992), S. 55–122. — Analyse der Abschlussreden vor einer Geschworenenbank nach Kategorien von Propp und Greimas.Google Scholar
  2. Bennett, W. Lance/Feldman, Martha S.: Reconstructing Reality in the Courtroom. Justice and Judgment in American Culture, 2. Aufl., New Brunswick 1984. — Sozialwissenschaftliche Untersuchung auf empirischer Grundlage über die Relevanz des Erzählens bei der Wirklichkeitskonstruktion im Gerichtsverfahren. Ein »Courtroom-narrative«-Klassiker.Google Scholar
  3. Bourcier, Danièle: »Gendarmes et Œdipes. Le Procès des narrations: Notes sur le système narratif du Droit«, in: Collectif Change (Jean-Pierre Faye u.a.) (Hg.): La Narration nouvelle, Paris 1978, S. 135–149. — Studie, die an konkreten Beispielsfällen Akkumulation und Transformation von Fallgeschichten im Laufe von Strafverfahren analysiert.Google Scholar
  4. Brooks, Peter/Gewirtz, Paul (Hg.): Law’s Stories. Narrative and Rhetoric in Law, New Haven 1996. — Tagungsband mit Beiträgen aus verschiedenen Strömungen der »Legal Narratology«. Der Begriff des »Narrativs« wird vielfach sehr weit verstanden. Empfehlenswert u.a. Beiträge von Robert Weisberg (S. 61–83) und Alan M. Dershowitz (S. 99–105).Google Scholar
  5. Cover, Robert: »Nomos and Narrative«, in: Narration, Violence, and the Law. The Essays of Robert Cover, hg. von Martha Minow, Michael Ryan und Austin Sarat, Ann Arbor 1992, S. 95–172. — In den USA einflussreicher Text. Stellt die Einbettung des Rechts in fundierende Narrationen der Gemeinschaft in den Mittelpunkt.Google Scholar
  6. Danet, Brenda: »Language in the Legal Process«, Law & Society Review 14 (1980), H. 3, S. 445–564. — Umfangreiche und tief gehende Studie zur Rolle von Sprache im Recht und in Verfahren der Streitentscheidung bzw. -beilegung mit interessanten ethnographischen Bezügen. Der Ansatz ist linguistisch und kommunikationstheoretisch orientiert, nicht narratologisch im eigentlichen Sinne.CrossRefGoogle Scholar
  7. Freeman, Michael/Lewis, Andrew (Hg.): Law and Literature, Oxford 1999 (= Current Legal Issues 1999 Vol. 2). — Umfangreiche Sammlung von Beiträgen zu den verschiedenen Zweigen der Bewegung. Wenig zu Erzählungen. Empfehlenswert v.a. der Überblicksbeitrag von Guyora Binder (S. 63–89).Google Scholar
  8. Hannken-Illjes, Kati: »Mit Geschichten argumentieren — Argumentation und Narration im Strafverfahren«, Zeitschrift für Rechtssoziologie 27 (2006), S. 211–223. — Instruktive Fallstudie zur Konstruktion von Wahrheit im Gerichtsverfahren und zu den Punkten des Übergangs von der Narration zur Argumentation im Gerichtsverfahren. Eine der seltenen narratologischen Analysen des deutschen Gerichtsverfahrens unter Einbeziehung vorprozessualer Aussagen und Dokumente.CrossRefGoogle Scholar
  9. Herman, David/Jahn, Manfred/Ryan, Marie-Laure (Hg.): Routledge Encyclopedia of Narrative Theory, London/New York 2005. — Darin Einträge zu »Courtroom Narrative« (Elizabeth Mertz/Jonathan Yovel, S. 86–88) und »Law and Narrative« (Adam Greary, S. 271–275). Guter Überblick über den Stand der Diskussion in der angloamerikanischen Rechtswissenschaft.Google Scholar
  10. Jackson, Bernard S.: Law, Fact and Narrative Coherence, Roby/Merseyside 1988. — Tiefgründige und weit gespannte, am Strukturalismus Greimas’ orientierte Auseinandersetzung mit den narrativen Elementen des Rechts und der Konstruktion von Plausibilität im gerichtlichen Verfahren.Google Scholar
  11. Pennington, Nancy/Hastie, Reid: »A Cognitive Theory of Juror Decision Making: The Story Model«, Cardozo Law Review 13 (1991), S. 519–557. — Empiriegeleitete Studie über narrative Ordnungsmuster bei der Organisation des Verfahrensstoffs durch Geschworenengerichte.Google Scholar
  12. West, Robin: »Jurisprudence as Narrative: An Aesthetic Analysis of Modern Legal Theory«, in: Dies.: Narrative, Authority and the Law, Ann Arbor 1993, S. 345–418. — Anregende Übertragung der fiktional-narrativen Genres bei Northrop Frye auf rechtliche Institutionen.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2009

Authors and Affiliations

  • Andreas von Arnauld

There are no affiliations available

Personalised recommendations