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Krisenbewußtsein in der veränderten Welt: Entfremdung, Orientierungsverlust und Ordnungssuche

  • Thomas Anz
  • Michael Stark
Chapter

Zusammenfassung

Wir sind alle hineingestellt in eine fürchterliche Unübersehbarkeit, der Reichtum der Einsichten und Organismen trug Verzweiflung und Wahnsinn in uns hinein, wir stehen machtlos der Einzelheit gegenüber, die keine Ordnung zur Einheit macht, es scheint, das Und zwischen den Dingen ist rebellisch geworden, alles liegt unverbindbar auf dem Haufen, und eine neue entsetzliche Einsamkeit macht das Leben stumm. [1]

Die 1914 von Franz Werfel so beschriebene Erfahrung einer in unzusammenhängende Einzelteilezerfallenen Welt und eines entsprechend dissoziierten Ichs ist symptomatisch für das Krisenbewußtsein der literarischen Intelligenz, das sich gemessen an den ähnlich schon von Hofmannsthal in dem Lord Chandos-Brief (1902) artikulierten Erkenntnis- und Sprachproblemen [2] nach 1910 erheblich verstärkte. In den expressionistischen Programmschriften allerdings sind die Erfahrungen der Entfremdung und Orientierungslosigkeit von dem lautstarken Pathos der Erneuerungsvisionen weithin verdeckt worden. Die zeitgenössischen wie die späteren Vorstellungen über den Expressionismus zeigen sich davon nachhaltig beeinflußt. Die jüngere Forschung hat indes die existentiellen Krisenerfahrungen als grundlegenden bewußtseinsund stilprägenden Bestandteil dieser Bewegung stark akzentuiert. [3]

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Referenzen

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    Vgl. dazu etwa Carl Einstein: Negerplastik. Leipzig 1915.CrossRefGoogle Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1982

Authors and Affiliations

  • Thomas Anz
  • Michael Stark

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