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Verabschiedungen vom Expressionismus um 1920

  • Thomas Anz
  • Michael Stark
Chapter

Zusammenfassung

Die Suche nach einem geeigneten »Stich- oder Schlagwort«zurKennzeichnung der entscheidenden »künstlerischen Zeitfrage« um 1920 hielt Wilhelm Worringer damals in einem Vortrag für nicht weiter schwierig: »Es bietet sich von selbst an. Es heißt: Krise des Expressionismus. In diskreten Klammern dahinter: Ende des Expressionismus.« [1] Zu einem Zeitpunkt, als der Expressionismus seine größte öffentliche Resonanz hatte, als sich die Dramen der jüngsten Autorengeneration auch die etablierten Theaterbühnen eroberten, die modernen Kunstausstellungen einen vorher nicht gekannten Besucherzustrom verzeichnen konnten, und noch bevor das expressionistische Kino sich eigentlich entwickelt hatte, sprachen besonders die Programmatiker und Kritiker, die sich schon seit Jahren für die jüngste Kunst eingesetzt hatten, bereits von der »Krise«, vom »Tod«, vom »Ende« oder »Ausgang« des Expressionismus, zogen ihre Bilanzen oder gaben ihre rückschauenden Überblicke. [2] Schon 1918 konstatierte der renommierte Kunstkritiker Wilhelm Hausenstein: »Der Expressionismus ist bereits in dem Moment seiner historischen und sachlichen Vollendung angekommen; der Pendel hat durchgeschwungen; das Positive der Zukunft liegt offenbar in einer neuen und frommen Bescheidung auf die Natur […].« [3] Mit der Rede vom »Ende des Expressionismus« versuchte die ambitionierte Kunstkritik noch einmal ihre fortschrittliche Position zu behaupten. Ein »etablierter« Expressionismus vermochte nicht mehr dem avantgardistischen Rollenselbstverständnis der künstlerischen Intelligenz zu entsprechen. Wo mittlerweile so viele am Expressionismus Geschmack fanden, da war es nicht mehr originell, sich zu ihm zu bekennen, und nicht mehr nötig, für ihn publizistisch zu kämpfen. Und in der Tat setzte nach Kriegsende mit der Flut neuer expressionsismusfreundlicher Zeitschriften ein Prozeß der Konventionalisierung und Automatisierung ehemals innovativer und provokativer Denk- und Stilformen ein, der von denen, die die Richtung maßgeblich repräsentiert hatten, nicht zu Unrecht als »Mode«, »Geschäft« und »Verbürgerlichung« kritisiert wurde.

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Notizen

  1. 1.
    Wilhelm Worringer: Künstlerische Zeitfragen. Vortrag gehalten am 19. Oktober 1920 in der Ortsgruppe München der Deutschen Goethegesellschaft. München: Hugo Bruckmann Verlag 1921. S. 7.Google Scholar
  2. 3.
    Wilhelm Hausenstein: Vom Expressionismus in bildender Kunst. Vortrag, gehalten am 14. März 1918 vor dem Bund Deutscher Gelehrter und Künstler und der Deutschen Gesellschaft 1914. In: Die neue Rundschau 29 (1918), Bd. 2, S. 913–930; Zitat S. 927.Google Scholar
  3. 4.
    Vgl. etwa die betreffenden Kapitel in Jost Hermand/Frank Trommler: Die Kultur der Weimarer Republik. München 1978.Google Scholar
  4. 5.
    Walter Hasenclever: Kunst und Definition. In: Neue Blätter für Kunst und Dichtung 1 (1918), H. 2, S.40Google Scholar
  5. 2.
    Leonhard Frank: Die Räuberbande. Roman. München: Müller 1914. — Die Ursache. Eine Erzählung. München: Müller 1916.Google Scholar
  6. 3.
    Albert Ehrenstein: Der Mensch schreit. Gedichte. Leipzig: K. Wolff 1916.Google Scholar
  7. 4.
    Franz Werfel: Wir sind. Leipzig: K. Wolff 1913.Google Scholar
  8. 5.
    Franz Werki: Einander. Leipzig: K. Wolff 1915.Google Scholar
  9. 6.
    Vielleicht Anspielung auf das von Meidner gezeichnete Titelbild zu Walter Hasenclever: Der politische Dichter. Berlin: E. Rowohlt 1919.Google Scholar
  10. 8.
    Leonhard Frank: Der Mensch ist gut. Novellen. Zürich, Leipzig: Rascher & Co. 1917.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1982

Authors and Affiliations

  • Thomas Anz
  • Michael Stark

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