Advertisement

Distanzierungen vom Expressionismus innerhalb der Avantgarde

  • Thomas Anz
  • Michael Stark
Chapter

Zusammenfassung

Gegsen den Begriff »Expressionismus« und die von ihm bezeichneten Tendenzen in der jüngsten Literatur opponierten unter den Zeitgenossen nicht nur die traditionsorientierten Kritiker, die älteren und schon »etablierten« Autoren und die politisch nationalkonservative Intelligenz (s. dazu S. 78 ff.); Skepsis und Widerstand äußerten vielfach auch einige, die ihrem eigenen Verständnis und dem der literaturkritischen Öffentlichkeit nach selbst zur jüngsten Literaturszene dazugehörten. Daß ausgerechnet Hermann Bahr, der sich jedem neuen Trend allzu rasch aufgeschlossen zeigte, zu den ersten gehörte, die den »Expressionismus« auch als literarisches Phänomen in einer Monographie zu beschreiben versuchten [1], hat sicher mit dazu beigetragen, den Begriff und die Sache der literarischen Avantgarde schon früh verdächtig zu machen. Friedrich Koffka, der ein Mitglied des »Neuen Club« (s. o. S. 29) war und dessen Drama Kain 1918 in einer Veranstaltung der den Dramen-Expressionismus fördernden Gesellschaft »Das junge Deutschland«(vgl. Dok. 23) uraufgeführt wurde, nahm Bahrs Schrift zum Anlaß eines heftigen Angriffs gegen den »Expressionismus« und seine Programmatiker:

Hermann Bahr veröffentlicht eine Schrift über den Expressionismus. (Die Schaubühne brachte eine Probe und eine Kritik.) Es macht diesem Schriftsteller anscheinend Freude, jeder neuen Parole seine Genehmigung zu erteilen und durch entsprechende Nachworte allemal sicherzustellen, daß er auf dem laufenden sei. Unter den Programmen der letzten Jahrfünfte ward kaum eines ohne die gütige Mitwirkung Hermann Bahrs vom Stapel gelassen. Immer wieder erstaunt man, was so ein Wiener Magen alles verdaut.

Es geht hier nicht um den geistreichen, sehr gebildeten Schriftsteller Bahr. Man hat sich vielmehr zu fragen, ob ein Anlaß besteht, auf jede Torheit hereinzufallen; ein bündiger Grund, jeden Mist, von heutigen Maler- und Dichterschulen bedeutungsvoll vor die Tür geschaufelt, mit dem geduldigen I-A des nik-kenden Esels zu grüßen. Haben wir, weil wir jung sind, kein Recht darauf, eine Banalität, die jung ist, beim Namen zu nennen? Müssen wir Kategorien für Brot nehmen? Einfältige Benennungen für Speise? Und soll das immer so weitergehen, daß man Prinzipien für Geschöpfe in die Welt setzt und Bewegungen für Bewegtes?

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Notizen

  1. 1.
    Hermann Bahr: Expressionismus. München: Delphin Verlag 1916. Teile daraus wurden schon 1914 publiziert: Expressionismus und Goethe. In: Die neue Rundschau 25 (1914), Bd. 2, S. 913–926. Das Buch stieß in den expressionistischen Zeitschriften vorwiegend auf Ablehnung. Vgl. z. B. die Rezension von Adolf Behne in: Die Aktion 6 (1916), Sp. 473–476.Google Scholar
  2. 4.
    August Stech: Aufruf zum Manifestantismus. In: Die Aktion 3 (1913), Sp. 957–960. Franz Pfemfert gab sich später als Verfasser dieser »vielbelachten Parodie auf den Schreier Hiller und seinesgleichen« zu erkennen: Die Einscharrung erfolgte: Ein manifestantistisches Manifest. In: Die Aktion 3 (1913), Sp. 1136–1138.Google Scholar
  3. 5.
    Alfred Döblin: Futuristische Worttechnik. Offener Brief an F.T. Marinetti. In: Der Sturm 3 (1912/13), Nr. 150/51, S.280–282; Zitat S. 282 (s.a.Dok. 159).Google Scholar
  4. 6.
    Den Begriff »Karriererevolteur« verwendet Franz Pfemfert im Titel jenes Pamphlets, das den endgültigen Bruch zwischen ihm und Hiller (bis dahin Mitarbeiter in Die Aktion) öffentlich markiert. F. Pfemfert: Der Karriere-Revolteur. In: Die Aktion 3 (1913), 6. Dezember, Sp. 1129–1136.Google Scholar
  5. 3.
    Ernst Kamnitzer (1885–1946): Die Nadel. Berlin: S. Fischer 1915. Das Lustspiel trug den Vermerk: »Nach Plänen von Carl Sternheim«.Google Scholar
  6. 1.
    Georg Brandes (1842–1927): Die Hauptströmungen der Literatur des 19. Jahrhunderts. Vorlesungen gehalten an der Kopenhagener Universität. 6 Bde. Berlin 1900–1909 (zuerst dänisch veröffentlicht ab 1872).Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1982

Authors and Affiliations

  • Thomas Anz
  • Michael Stark

There are no affiliations available

Personalised recommendations