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Probleme der modernen Lyrik

  • Thomas Anz
  • Michael Stark
Chapter

Zusammenfassung

Den Blick auf die deutsche Lyrik seit 1910 richten, heißt seinen Blick auf das Chaos richten […]. Die vier Epochen Vor-Krieg (1910–13) mit ihrem individualistischen Weltschmerz, Krieg (1914–15) mit ihrem fast naiven Erlebnis eines kollektiven Abenteuers, Vor-Revolution (1916–1918) mit der gläubigen Hymnik des pazifistischen Erwachens, Deutscher Bürgerkrieg (1919–1923) mit ihrer heiser monotonen Dynamik haben sich nicht etwa reinlich abgelöst, sondern mit ihren Empfindungsfeldern rettungslos ineinander verhaspelt […]. Hier ist Verwirrung und keine klare Gemeinsamkeit; man muß den Mut haben, sie zu sehen und auszusagen. [1]

Diesem skeptischen Urteil über die Einheit der Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts [2], das Heinrich Eduard Jacob am Ausgang der Epoche fällte, wird man nachträglich den Vorzug geben müssen vor der suggestiven Zusammenschau des Heterogenen, wie sie von Kurt Pinthus in seiner Symphonie jüngster Dichtung [3] vorgestellt wurde (vgl. Dok. 13 u. Dok. 27). Angesichts der Diskontinuität in der formalen Entwicklung, der stilistischen Unterschiede und der überwiegend auf Analogien der Bewußtseinslage oder auf Parallelen in Bildlichkeit und Thematik beruhenden gemeinsamen Merkmale, ist die Rede von einer typisch expressionistischen Gedichtstruktur höchst problematisch. [4] Der Forschung ist auch noch fraglich geworden, was Jacob als einziges sicheres Datum expressionistischer Lyrik gelten lassen wollte: »Ganz unhomogen im Innern, ist sie doch homogen im Äußern — in ihrem scharfen Gegensatz zu der Epoche, die 1910 abschloß.« [5] Wenn überhaupt, so ist dies nur für die herausragenden Lyriker und die avantgardistischen Gedichtformen richtig. [6] Im Ganzen wäre eher von einer Zwischenstellung der expressionistischen Lyrik zwischen Modernität und traditioneller Bindung zu sprechen. [7]

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Notizen

  1. 1.
    Heinrich Eduard Jacob: Zur Geschichte der deutschen Lyrik seit 1910. In: Verse der Lebenden. Deutsche Lyrikseit 1910. Hrsg. von H. E. J. Ana — Berlin: Propyläen-Verlag [1924], S. 5–29. Zit. nach dem Wiederabdr. in: Paul Raabe (Hrsg.): Expressionismus. Der Kampf um eine literarische Bewegung, S. 194–211, Zitat S. 194 f.Google Scholar
  2. 3.
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  3. 4.
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    Zur Frage nach der Modernität expressionistischer Lyrik vgl. bes. Wilhelm Emrich: Literaturrevolution 1910–1925. In: Protest und Verheißung. Studien zur klassischen und modernen Dichtung. — Frankfurt u. Bonn 1960, S. 148–154;Google Scholar
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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1982

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  • Thomas Anz
  • Michael Stark

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