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Spracherneuerung und Wortkunsttheorie

  • Thomas Anz
  • Michael Stark
Chapter

Zusammenfassung

Wenn vom Sprachzweifel und vom modernen Bewußtsein der Krise literarischer Sprache die Rede ist, wird zumeist Hugo von Hof mannsthals berühmter Brief des Lord Chandos [1] an erster Stelle genannt, obschon dieses Dokument der Jahrhundertwende — paradoxerweise — in kultiviert verfeinerter Sprache vom Ende der Metaphysik, von kognitiver Skepsis und dem daraus begründeten Wortzerfall handelt. In der Zeit des Expressionismus hielt man sich jedenfalls mit skrupulöser Sprachskepsis dieser Provenienz nicht lange auf. So ist es für die poetische Sprachverwendung der Zeit charakteristisch, »daß sie das ganze mögliche Sprachspektrum umfaßt« [2], und sich im Spannungsfeld zwischen der Konstruktion einer neuen Sprache und Sprachdestruktion bewegt. Dezidierte Sprachskepsis findet sich allenfalls im Werk des Einzelgängers Gustav Sack [3], der die Wendung zur Mystik als Quietismus und die rhetorische Ekstase als Illusion betrachtete. [4] Sprachkritisch beerbte der Expressionismus Karl Kraus’ Angriffe gegen die journalistische »Verschweinung« der Sprache, ohne jedoch dessen Fanatismus für die reine und richtige Sprache zu teilen. Analytische Bedeutung für die Sprachtheorie des Expressionismus gewann daneben Fritz Mauthners Sprachkritik. [5] Seine sprachphilosophische Konzeption, die Adjektiv, Verbum und Substantiv voneinander losgelöst sah als die »drei Sprachen, in denen wir je nach der Richtung unserer Aufmerksamkeit unsere Kenntnis von einer und derselben Welt ausdrücken« [6], findet Parallelen in der Verselbständigung grammatischer Elemente expressionistischer Literatur, z. B. im Substantiv-Stil (»Sein« bei Mauthnerjoder in der Poetik des Verbums (»Werden« bei Mauthner). [7] Nicht zuletzt sollte auch die aktivistische Mystik Gustav Landauers in diesem Zusammenhang erwähnt werden. [8]

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Notizen

  1. 1.
    Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief. In: Das erzählersche Werk. — Frankfurt a. M. 1969, S. 102–113.Google Scholar
  2. 2.
    Armin Arnold: Die Literatur des Expressionismus. Sprachliche und thematische Quellen. — Stuttgart u.a. 1966, 21971, S. 55.Google Scholar
  3. 3.
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  4. 4.
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  5. 5.
    Vgl. Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Bd. 1–3. — Stuttgart: Cotta 1901–02; ders.: Die Sprache. — Frankfurt a. M.: Rütten & Loening 1906 (Die Gesellschaft, 9).Google Scholar
  6. 6.
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  7. 8.
    Vgl. Gustav Landauer: Skepsis und Mystik. Versuch im Anschluß an Mauthners Sprachkritik. — Berlin: Egon Feischel & Co. 1903.Google Scholar
  8. 10.
    Vgl. etwa Raoul Hausmann: Manifest von der Gesetzmäßigkeit des Lautes. Flugblatt 1918. In: Der blutige Ernst 3 (1919), S. 6. Wiederabgedr. in: Dada Berlin, S. 33–35.Google Scholar
  9. 11.
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  10. 12.
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    Vgl. dazu Jürgen Ziegler: Form und Subjektivität. Zur Gedichtstruktur im frühen Expressionismus. — Bonn 1972, bes. 119–128;Google Scholar
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  17. 20.
    Herwarth Walden: Einblick in Kunst. Vortrag. In: Der Sturm 6. Jg. (1916/17), Nr.21/22, 1. u. 2. Februar–Heft, S. 122–124, Zitat S. 123.Google Scholar
  18. 21.
    Vgl. etwa Lothar Schreyer: Das Wort, 1. Die Entwicklung des Wortes. In: Der Sturm 13. Jg. (1922), H. 9, S. 125–128; 2. Der Kubismus des Wortes, 3. Der Futurismus des Wortes. Ebd. H. 10, S. 141–150; 4. Der Expressionismus des Wortes, 5. Die Gemeinschaft des Wortes. Ebd. H. 11, S. 168–172.Google Scholar
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    Vgl. Alfred Döblin: Die Bilder der Futuristen. In: Der Sturm. 2. Jg. (1911/12), Nr. 110, (Mai 1912), S. 42.Google Scholar
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    Lioubomir Mitzitch: No made in Serbia. Zenitosophie oder Energetik des schöpferischen Zenitismus. In: Der Sturm 15 (1924), 4. Vjsheft, S. 219–222 u. 224–226. S. 219Google Scholar
  24. 5.
    Gemeintist F. T. Marinetti: Parole in Libertá. Mailand 1914.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1982

Authors and Affiliations

  • Thomas Anz
  • Michael Stark

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