Advertisement

Zensur und Künstlerprotest

  • Thomas Anz
  • Michael Stark
Chapter

Zusammenfassung

Das wirksamste Mittel der preußisch-wilhelminischen »Obrigkeit«, eine künstlerische und ideologische Gegenbewegung wie den Expressionismus in das Abseits subkultureHer Randerscheinungen zu drängen, war die Institution der Zensur. [1] Mit ihren Schikanen war nach wie vor zu rechnen, obwohl der erfolgreiche Künstlerprotest gegen die sogenannte »Lex Heinze« [2] — ein Gesetz gegen Pornographie, das auf bildende Kunst und Literatur übertragen werden sollte-schon um die Jahrhundertwende breite Zustimmung gefunden hatte. Der 1900 gegründete «Goethe-Bund« trat programmgemäß für die Freiheit des geistigen Schaffens ein und unterstützte die Künstler in ihrer Opposition gegen die Polizeizensur. Schärfstens attackierte man dieses anachronistische Skandalon und inszenierte Kampagnen in der Hoffnung, daß »die Zensur mit anderem Gerümpel dahin wandern wird, wohin sie gehört, auf den Kehricht«. [3] Angeblich gegen »Schund« gerichtet, nahmen sich die Zensurbehörden künstlerische Provokationen zum Ziel ihres Eingriffs, »um doch ihre einmal bezahlte Existenz zu motivieren«, wie eine Polemik im Losen Vogel besagte. [4] Auf obligate Anfrage hin konnte es geschehen — so am 11. 2. 1911 der Direktion des Deutschen Theaters-, daß der Berliner Polizeipräsident von Jagow »die Genehmigung zur öffentlichen Aufführung des Stückes Die Hose von Karl Sternheim in den Kammerspielen aus Gründen der Sittlichkeit auf Grund des § 10 II 17 A. L. R.« einfach verweigerte. [5]

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Notizen

  1. 1.
    Vgl. grundsätzlich die juristisch-literarische Darstellung von Ludwig Leiss: Kunst im Konfikt. Kunst und Künstler im Widerstreit mit der »Obrigkeit». — Berlin, New York 1971, bes. Abschnitt 2, Kap. 1–3.Google Scholar
  2. 2.
    Unter Hermann 5udermanns Leitung veranstaltete der Goethe-Bund in Berlin am 22. Mai 1900 eine öffentliche Volksversammlung im Circus Renz gegen die «Lex Heinze». Vgl. Robin J. V. Lenman: Art, Society and the Law in Wilhelmine Germany: the Lex Heinze. In: Oxford German Studies 8 (1973), S. 86–113.CrossRefGoogle Scholar
  3. 3.
    Kurt Tucholsky: Kunst und Zensur. In: Vorwärts 25. 4. 1911.Google Scholar
  4. 7.
    Erich Mühsam: Protest. In: Kain 4. Jg. (1914), Nr. 3 (Juni), S. 48.Google Scholar
  5. 8.
    Vgl. die ausführliche Replik von Alfred Kerr: Den Richtern. In: Pan 3. Jg.(1913/14), Nr. 31, 23. 12. 1913, S. 715–725.Google Scholar
  6. 10.
    Georg Heym: Dichtungen und Schriften, Hg. von Karl Ludwig Schneider. Bd. 3. Harburg 1960, S. 151 (Tagebucheintrag vom 18. 11. 1910)Google Scholar
  7. 11.
    Kasimir Edschmid: Dichtung, Unzucht, Freiheit, Staatsanwalt. In: Die weißen Blätter 7. Jg. (1920), S. 10–19, Zitat S. 17.Google Scholar
  8. 12.
    Vgl. H[erwarth] W[alden]: Deutsche Dichter und deutsche Richter, 1/Hamburg. In: Der Sturm 3. Jg. (1912/13), Nr. 119/20, Juli 1912, S. 102–104 u. 2/Berlin. Ebd. Nr. 121/22, August 1912, S. 114–115.Google Scholar
  9. 13.
    Zum Verbot von René Schickeies Hans im Schnakenloch vgl. die ausführliche Darstellung von Heinrich Hubert Houben: Verbotene Literatur von der Klassischen Zeit bis zur Gegenwart. Ein kritisch-historisches Lexikon über verbotene Bücher, Zeitschriften und Theaterstücke, Schrifsteller und Verleger. 2 Bde. — Berlin: 1924–28. Nachdr. Hitdesheim 1965, Bd. 2, S. 508–518.Google Scholar
  10. 16.
    Heinz Herald: Zensur und Junges Deutschland. In: Das junge Deutschland 2. Jg. (1919), H. 1, S. 23–25, Zitat S. 24.Google Scholar
  11. 17.
    Ignaz Wrobel [d. i. K. Tucholsky]: Dada-Prozeß. In: Die Weltbühne 17. Jg. (1921), Nr. 17, 28. April, S. 454–457, Zitat S. 456.Google Scholar
  12. 18.
    Vgl. das Manifest von Raoul Hausmann: Pamphlet gegen die Weimarische Lebensauffassung. In: Der Einzige 1. Jg. (1919), Nr. 14, S. 163–164. Wiederabgedr. in: Karl Riha u. Hanne Bergius(Hrsg.): Dada Berlin, S. 49–52, hier heißt es auf S. 50: «Ich bin nicht nur gegen den Geist des Potsdam — ich bin vor allem gegen Weimar. Noch kläglichere Folgen als der alte Fritz zeitigten Goethe und Schiller — die Regierung Ebert-Scheidemann war eine Selbstverständlichkeit aus der dummen und habgierigen Haltlosigkeit des dichterischen Klassizismus.»Google Scholar
  13. 8.
    Frank Wedekind: Totentanz. Drei Szenen. — München: Albert Langen 1906.Google Scholar
  14. 9.
    Vgl. zur Rolle und Entwicklung dieser Organisation: Max Hochdorf: Die Deutsche Bühnengenossenschaf. Fünfzig Jahre Geschichte. Geschr. im Auftrage der Genossenschaft Dt. Bühnenangehöriger. — Potsdam: Gustav Kiepenheuer Verlag 1921.Google Scholar
  15. Zur Ergänzung dieser scheinbar unbeteiligt-distanzierten Prozeß-Reportage, die anonym erschien, ist der Bericht Kurt Tucholskys heranzuziehen. Er kommentierte das Verhalten der Dadaisten vor Gericht sehr kritisch: «Die Angeklagten haben mich enttäuscht. Fünf Lebewesen saßen auf der Anklagebank, darunter ein Mann: Wieland Herzfelde. Er war der Einzige, der hier und da das Nötige sagte und nicht zurückzuckte. Im übrigen glich das Unternehmen dem Kapp-Putsch: einen Führer hatte es nicht. Niemand von den Jugens war derjenige gewesen, der die Fensterscheibe eingeworfen hatte […] Was Grosz angeht, so weiß ich nicht, ob die Schlappheit seiner Verteidigung darauf zurückzuführen ist, daß er nicht sprechen kann. Er sagte kein Wort, das auch nur einem Strich seiner Blätter adäquat gewesen wäre. Die Verteidigung war im großen Ganzen darauf gerichtet, bei Grosz als Spaß hinzustellen, was bitterster und bester Ernst ist. Fritz Grünspach, der gleichermaßen Zeichner und Gezeichnete verteidigen kann, war geschickt genug, nicht den starken Angriff auf Kaisers Geist, sondern auf dessen Auswüchse in den Vordergrund zu schieben. Sein Plädoyer rettete Grosz den Kragen und war vernichtend für ihn und seine Freunde. So sieht eure Verteidigung aus? Ihr habt es nicht so gemeint?» (Ignaz Wrobel [d. i. K. Tucholsky]: Dada-Prozeß. In: Die Weltbühne 17. Jg. (1921), Nr. 17, 28. April, S. 454–457, Zitat S. 455).Google Scholar
  16. 273.
    Das verhältnismäßig «milde Urteil» war nicht zuletzt auf ein Gutachten des damaligen Reichskunstwarts Edwin Redslob (1884–1973) zurückzuführen, «der forsch und energisch für Grosz Partei ergriffen und dabei mit feinstem Takt vermieden hatte, auf das Politische der Sache einzugehen» (S. 455 f.); der Kunsthistoriker und spätere Mitbegründer der «Freien Universität Berlin» hatte darin Grosz’ Mappe für »einwandfrei künstlerisch» erklärt (vgl. Wieland Herzfelde: Die beleidigte Reichswehr. In: Der Gegner 2. Jg. (1920/21), H. 7, S. 271–).Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1982

Authors and Affiliations

  • Thomas Anz
  • Michael Stark

There are no affiliations available

Personalised recommendations