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Kunst und Öffentlichkeit

  • Thomas Anz
  • Michael Stark
Chapter

Zusammenfassung

Man sagt der expressionistischen Literaturbewegung als ganzer einen geradezu illusionären Wirkungsenthusiasmus nach. Das Laute, Öffentliche, Plakative, Predigthafte, die expressionistischen Schlagworte »Bekenntnis«, »Schrei« und »Verkündigung« legen dies zweifellos nahe. So betonte Helmut Gruber am Publikumsbezug der Expressionisten den Willen, »die Öffentlichkeit wachzurütteln und zu mobilisieren«. [1] Die Neigung zu Rhetorik, Demagogie und Agitation suchte R. Hinton Thomas aus dem Motiv expressionistischer Autoren abzuleiten, ))ihre Ideale bei einem größeren Publikum durchzusetzen« [2], Paul Raabe zog angesichts der Vielzahl öffentlicher Veranstaltungen, Lesungen, Ausstellungen und Aktionen das Fazit, «unters Volk zu gehen und die Wand zwischen Autor und Leser einzureißen« [3] sei wirkungsästhetisch der Tenor des Expressionismus gewesen (s. den Abschnitt «Formen der Literaturvermittlung«). Im Blick auf die diachrone Entwicklung des Expressionismus lassen sich dabei drei Trends hervorheben: die avantgardistische Esoterik und die Provokation des bürgerlichen Publikums, die Fiktion einer Kunst für alle und schließlich die Wendung in die proletarische Öffentlichkeit. Der Glaube an die gesellschaftsverändernde und gemeinschaftsbildende Kraft der Kunst verführte aber zunehmend dazu, die Wirkungsbedingungen idealistisch umzukehren: «statt neuer Kunst aus einer verwandelten Gesellschaft hatte sich eine neue Gesellschaft aus verwandelter, visionärer Kunst zu ergeben«. [4] Um so enttäuschter sprach man am Ende vom »Fiasko des Expressionismus«, trotz konstruktiver Mühen den Bannkreis »ohnmächtiger Bildungsangelegenheit« nicht gebrochen zu haben; Rudolf Kayser, der dies formulierte, glaubte auch die Ursache der Wirkungsmalaise zu erkennen: Expressionismus war eine Sache der Intellektuellen, und »dieses […]Intellektuellen-Publikum zeigt gegenüber dem Geist eine ähnliche Problematik wie der moderne schöpferische Mensch selbst.

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Notizen

  1. 1.
    Helmut Gruber: Die politisch-ethische Mission des deutschen Expressionismus (1967). Zit. nach: Hans Gerd Rötzer (Hrsg.): Begriffsbestimmung des literarischen Expressionismus, S. 405.Google Scholar
  2. 2.
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  4. 5.
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    Das im frühen Expressionismus vielzitierte Wort Nietzsches bildete auch das Motto der Lyrikanthologie Der Mistral: «Tanzen wir gleich Troubadouren zwischen Heiligen und Huren, zwischen Gott und Welt den Tanz!» (A[lfred] R[ichard] M[eyer]: An Stelleeines Vonortes. In: Der Mistrál. Eine lyrische Anthologie. — Berlin-Wilmersdorf: Paul Knorr 1913 (Die Bücherei Maiandros IV.–V. Buch, Beibl.).Google Scholar
  28. Welt den Tanz!» (A[lfred] R[ichard] M[eyer]: An Stelleeines Vonortes. In: Der Mistrál. Eine lyrische Anthologie. — Berlin-Wilmersdorf: Paul Knorr 1913 (Die Bücherei Maiandros IV.–V. Buch, Beibl.).Google Scholar
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    Erich Mühsam: Judas. Arbeiter-Drama in fünf Akten. — Berlin: Der Malik-Verlag 1921 (Sammlung revolutionärer Bühnenwerke, Bd. IV)2 1924. Dieses erfolgreichste Drama von Mühsam wurde vermutlich in der zweiten Märzwoche 1921 durch das Mannheimer Volkstheater im Nibelungensaal vor «fünftausend Arbeitern ohne Vorhang, ohne Pausen«, »teils von Schauspielern, teils von Arbeitern» uraufgeführtGoogle Scholar
  44. (Stefan J. Klein: ›Judas‹. Arbeiterdrama in fünf Akten von Brich Mühsam (Eröffnungsvorstellung des ‹Mannheimer Volkstheaters›). In: Die Rote Fahne 4. Jg. (1921), Nr. 125, 16. März, S. 6).Google Scholar

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  • Thomas Anz
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