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Gruppenbildung in Kunst und Politik

  • Thomas Anz
  • Michael Stark
Chapter

Zusammenfassung

Wie in keiner Phase der Literaturgeschichte sonst wurden Künstlervereinigungen und Schriftstellerkreise, subpolitische Zirkel und programmatische Gruppierungen in der Zeit des Expressionismus zu kommunikativen Zentren des literarischen Lebens. Der »Neue Club« [1], die Künstler um Herwarth Waldens Sturm und Sturmbühne [2], Franz Pfemferts Aktions-Kreis, Alfred Richard Meyers Literaturzirkel, Paul Cassirers Paw-Mitarbeiter und die »Patheti-ker« um Ludwig Meidner, die Gruppe der Zeitschrift Neue Jugend, Wolf Przygode und die Dichtung, nicht zuletzt auch die Künstler des Blauen Reiters waren neben vielen anderen Gemeinschaften (vgl. Dok. 2,23,145) um Zeitschriften oder Verlage die organisatorische Basis der Bewegung und Movens ihrer Entwicklung. [3] Überzeugt von der »Macht der Minoritäten« in der Literaturgeschichte [4], sammelte man sich in künstlerischen Arbeitsgemeinschaften, die im Gegensatz zu den älteren Arkan-Kreisen wie der um Stefan George [5] oder Otto zur Lindes Charon an die Öffentlichkeit drängten.Rudolf Leonhards Kritik des zeittypischen Phänomens »Gruppenbildung« (Dok. 102) setzt sich mit der Eigenart literarischer Fraktionen im frühen Expressionismus auseinander. Den Sezessionen der Maler vergleichbar propagierte man die »Dichter-Sezession« [6], den »Abmarsch des Volkes auf den heiligen Berg«, von dem aus »die Welt des Ausruhens und Genießens, die Welt der Tradition, Dekoration und Imitation erschüttert« werden sollte. [7] Im Kampf um die Moderne bedingungslos auf Seiten der künstlerischen Innovation, trat mit dem »Sturmkreis« eine relativ homogene Gruppe auf, die ihren eigenen Expressionismus und die Theorie der »Wortkunst« (s. den Abschnitt »Spracherneuerung und Wortkunsttheorie«) kreierte.

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Notes

  1. 1.
    Zur literarhistorischen Bedeutung dieser Keimzelle des Expressionismus vgl. Gunter Martens: Georg Heym und der »Neue Club«. In: G. H.: Dichtungen und Schriften. Bd. 4: Dokumente zu seinem Leben und Werk. - Hamburg und München 1968, S. 390–401; Thomas B. Schumann: Geschichte des »Neuen Clubs« in Berlin als wichtigster Anreger des literarischen Expressionismus. Eine Dokumentation. In: Emuna 9. Jg. (1974), S. 55–70;Google Scholar
  2. Richard W. Sheppard (Hrsg.): Die Schriften des »Neuen Clubs« 1908–1914.2 Bde. Hildesheim 1980 und 1982.Google Scholar
  3. 2.
    Dokumentarisch vgl. Der Sturm. Ein Erinnerungsbuch an Herwarth Walden und die Künstler aus dem Sturmkreis. Hrsg. von Nell Walden und Lothar Schreyer. — Baden-Baden 1954; Lothar Schreyer: Erinnerungen an Sturm und Bauhaus. Was ist das Bild des Menschen. — München 1956.Google Scholar
  4. 3.
    Vgl. die autobiographischen Quellen: Imprimatur N.F. Bd. 3 (1960/61) und Paul Raabe (Hrsg.): Expressionismus. Aufzeichnungen und Erinnerungen der Zeitgenossen. Über die Berliner Künstlerkreise informiert Roy F. Allen: Literary life in German expressionism and the Berlin circles. — Göppingen 1974.Google Scholar
  5. 4.
    Vgl. Ralph Waldo Emerson: Die Macht der Minoritäten. In: Die Aktion 2. Jg. (1912), Nr. 5, 29. Janu-ar,Sp. 135–137.Google Scholar
  6. 5.
    Zu Verbindungen zwischen Expressionisten und dem Georgekreis vgl. bes. Manfred Durzak: Zwischen Symbolismus und Expressionismus: Stefan George. — Stuttgart 1974. S. 107–153Google Scholar
  7. sowie Lothar Helbing u. a. (Hrsg.): Stefan George. Dokumente seiner Wirkung. — Amsterdam 1974.Google Scholar
  8. 7.
    Ludwig Rubiner: Maler bauen Barrikaden. In: Die Aktion 4. Jg. (1914), Nr. 17, 25. April, Sp. 353–365, Zitat Sp. 356f.Google Scholar
  9. 8.
    Heinar Schilling: Bericht über die Verlagsjahre 1917/19. In: Menschen 2. Jg. (1919)(68/69)S. 5–10;Google Scholar
  10. Abgedr. in: Paul Pörtner (Hrsg.): Literatur-Revolution 1910–1925, Bd. 2, S. 281.Google Scholar
  11. 10.
    Hans Leybold: Ulrich Rauscher und die neue Lyrik. In: Revolution 1. Jg. (1913), Nr. 2, 1. November, S.[5].Google Scholar
  12. 11.
    Kurt Heynicke: Kreise. Brief an den Herausgeber. In: Das neue Rheinland 1. Jg. (1919/20), S. 220–221.Google Scholar
  13. 12.
    Otto Stoessl: Kameraderie. In: Der Sturm 1. Jg. (1910/11),Nr.5, S. 33.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. Siegfried Lederer: Die Organisierung der Intelligenz. In: Die Aktion l. Jg.(1911),Nr.3,6.März, Sp. 65–68.Google Scholar
  15. Das Programm dieser Initiative, der sich die »Aktion« als Mitteilungsblatt in den ersten Nummern zur Verfügung stellte, geht zurück auf das Buch von Viktor Hueber: Die Organisierung der Intelligenz (1910).Google Scholar
  16. — 3. Aufl. Leipzig: Verlag Johann Ambrosius Barth 1911.Google Scholar
  17. 16.
    Zur frz. Gruppe Clarté, der »Internationale des Gedankens« vgl. Nicole Racine: The Clarté Movement inFrance 1918–1921. In: Journal of Contemporary History 2. Jg. (1967), S. 195–208.Google Scholar
  18. Vgl. zur Auseinandersetzung mit der Clarté-Bewegung seitens der Aktivisten: Kurt Hiller: Clarté. Eine Auseinandersetzung. Offene Antwort an Victor Cyril, Generalsekretär der Clarté, Paris. In: Die Erde 1. Jg. (1919), H 22/23, S. 661–664. Das Clarté-Programm findet sich abgedruckt in: Die weißen Blätter 7. Jg. (1920), H. 3, S. 142 f. u. d. T.:» 15 Leitsätze derClarté«.Google Scholar
  19. 1.
    Vgl. Kurt Hiller: Literaturpolitik. In: Die Aktion 1 (1911), Nr. 5, 20. März, Sp. 138–139; wiederab-gedr. in Paul Raabe (Hrsg.): IchschneidedieZeit aus, S. 22–24.Google Scholar
  20. 2.
    Der französische Schriftsteller Henri Barbusse (1873 – 1935) sammelte in seiner Antikriegsfront »Clar-té« antifaschistische und pazifistische Intellektuelle. Zur »Clarté-Bewegung« vgl. Nicole Racine: The Garté Movement in France, 1918–1921. In: Journal of Contemporary History 2. Jg. (1967), S. 195–208. Der programmatische Aufruf der »Clarté« wurde von Wilhelm Herzog abgedruckt in: Das Forum 4. Jg. (1919/20), H. 3, (Dezember 1919), S. 180ff.Google Scholar
  21. 6.
    Max Schlichting (1866–1935), Maler und späterer Kunstprofessor.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1982

Authors and Affiliations

  • Thomas Anz
  • Michael Stark

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