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Die lyrische Poesie: Medienaspekte eines Gattungsparadigmas

  • Klaus Schenk
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Zusammenfassung

In keinem Bereich der modernen Literatur wirkt das Erbe der idealistischen Ästhetik so nachhaltig fort wie im Verständnis von Lyrik. Prämissen, wie sie besonders Hegel in seinen Ausführungen zur lyrischen Poesie1 vorgab, prägen auch noch den interpretatorischen Umgang mit Texten, deren poe-tologischer Status sich im Spannungsfeld zwischen Gattungsparadigma und Mediengeschichte längst verändert hat. So glaubt z.B. Gadamer, “Hegels Ästhetik über sich selbst hinaus zu steigern und für die Moderne zu aktualisieren”, wenn er die “Beziehung von Poesie und Philosophie”2 betont. Noch immer gilt Lyrik als die partikulare Gattung einer subjektiven Innerlichkeit und zugleich als Residuum eines objektiven Wahrheitsgehaltes, wobei für die Vermittlung beider Pole ein Sprechen konstitutiv ist, das sich selbst vernimmt. Auf diesem Hintergrund erfordert Hegels Poesie-Konzeption eine kritische Lektüre, nicht nur weil sie zur Legitimation des Paradigmas einer Lyrik als gesprochenes Wort immer wieder angeführt wird, sondern weil Hegels Begriff von Poesie bereits eine Medienproblematik einschließt. In seinen Vorlesungen zur Ästhetik gibt Hegel selbst schon das Fazit einer Kunstepoche, deren Lyrikbegriff im Unterschied zur Schriftlichkeit des Barock am Modell einer Stimme orientiert war, das den Bedingungen der Rezeption und Produktion lyrischer Texte vorgeordnet wurde. Die Freisetzung von lyrischer Subjektivität und Sprachlichkeit aus dem Begründungszusammenhang der rhetorischen Tradition3 hinterließ ein theoretisches Vakuum, das Hegel in seiner Ästhetik durch eine anthropologische Fundierung der Gattung zu überbrücken suchte.

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Literatur

  1. 1.
    Das Begriffsfeld lyrische Poesie ist in Hegels Poesie-Konzeption wesentlich weiter gefaßt als es der Fokus dieser Arbeit berücksichtigen kann. Hegel sah sich vor die Schwierigkeit gestellt, daß “die heterogensten Werke für Gedichte gelten” (XV, 237). Dennoch werden unter dem Begriff lyrische Poesie Fragen erörtert, die fur das Verständnis von Lyrik im engeren Sinne grundlegend sind. Alle Seitenangaben im Text nach folgender Ausgabe: Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden, hrsg. v. Eva Moldenhauer/Karl Michel, Frankfurt/M. 1986.Google Scholar
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    Alle Seitenangaben im Text nach folgender Ausgabe: Wilhelm von Humboldts gesammelte Schriften, Werke V: 1823–1826, hrsg. v. Albert Leitzmann, Berlin 1906 (Repr. Berlin 1968).Google Scholar
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    Vgl. Greber, 1994, legt in ihrer Arbeit Textile Texte. »Wortflechten«, Kombinatorik und poetologische Reflexion (vornehmlich am Material der russischen Literatur) dar, daß sich “eine grundsätzliche Homologie von Wortflechten und Kombinatorik” konstatieren läßt” (S. 11). Auf die Problematik dieser Arbeit, soll an verschiedenen Stellen eingegangen werden. Soviel vorweg: Für eine “poetologische Refexion” auf Medienaspekte moderner Lyrik scheint es mir nicht hinreichend zu sein, die mediale Differenz zwischen Stimme und Schrift auf dem Hintergrund von kombinatorischen Verfahren in eine “Irritation der Binarismen” (S. 382) zu überfuhren, ohne den dieser Transposition zugrundeliegenden Stellenwert einer Artikulation von Ausdruckssubstanzen zu problematisieren.Google Scholar
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    In der antiken Rhetorik nahm das Schreiben für die Erstellung, Anordnung und Korrektur der Rede eine wesentliche Rolle ein. Vgl. Quintilian (institutio oratorio), 1985, X, 3, 1 und Cicero (de oratore), 1976, I. 150: “Stilus optimus et praestantissimus dicendi effector ac magister”. (“Der Griffel ist der beste und vorzüglichste Urheber und Lehrmeister für die Rede”.) Bei Quintilian wird ausdrücklich erwähnt, man solle möglichst sorgfältig und viel schreiben. Vgl. auch Opitz, Werke, 1978, II. 1, S. 359: Buch von der Deutschen Poeterey: V. Capitel: Von der zuegehör der Deutschen Poesie / und erstlich von der invention oder erfindung / und Disposition oder abtheilung der dinge von denen wir schreiben wollen. Google Scholar
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    Pöhlmann, Johann Paulus: Meine Schreiblectionen, oder die praktische Anweisung für Schullehrer, welche den ersten Unterricht im Schönschreiben zugleich als Verstandesübung benützen wollen, Fürth 1803, S. 38 (zit. nach Kittler, 1986, S. 112). Zur Schreiblinie als Metapher vgl. Curtius, 1961, S. 319.Google Scholar
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  • Klaus Schenk

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