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Hypoliteralität

  • Cornelia Epping-Jäger
Chapter

Zusammenfassung

Wir haben bereits am Beginn unserer Arbeit Hypoliteralität als jene kulturelle Übergangsstufe gekennzeichnet, in die — unterhalb der Oberfläche der expliziten Schriftverwendung und der wenigen Prozente an wirklich lese- und schreibkundigen Menschen — “literale Kommunikations- und Verhaltensweisen einsickern, sich verbreiten” und alte orale Kommunikationsformen in neue literale Rahmenbedingungen integriert werden. 1 Während in einer Kultur begrenzter Literalität das Medium Schrift weiterhin durch die Determinanten einer mündlichen Kultur bestimmt blieb, kann die hypoliterale Kultur als ein kommunikatives Übergangssystem betrachtet werden, in dem die Schrift beginnt, ihre inhärenten Struktureigenschaften auf Kosten der Dominanz der Mündlichkeit zu emanzipieren. Das hypoliterale System läßt in vielfältiger Hinsicht die dogmatischen Instanzen der Sinnvermittlung erodieren und verlagert insofern bereits in Ansätzen literale Kompetenzen in die rezeptive Laienkultur. Das literale Wissen wird nicht mehr in kontrollierten Applikationsformen in eine gänzlich illiterale Mündlichkeit vermittelt, sondern im Horizont der mündlichen Kultur bauen sich erste Strukturen eigenständig literaler Rezeptionsformen auf.

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Endnoten

  1. 14.
    Johannes Nider (1380–1438), De reformatione religiosorum libri tres, Antverpiae, 1611; hier zitiert nach Schreiner (1975), 217. Tatsächlich mußten diejenigen, die sich die Bewahrung der Bücher zum Ziel gesetzt hatten, oft niederschmetternde Erfahrungen machen, wie das folgende Beispiel zeigt. Als sich Johannes Trithemius zum Ende des 15. Jahrhunderts daran begibt, die Bibliotheksbestände des Benediktiner-Ordens zu sichten, muß er nicht nur feststellen, daß die Textbestände nicht über das 13. Jahrhundert zurückreichen, sondern auch, daß viele ihm namentlich bekannte Titel späterer Jahrhunderte nicht mehr vorhanden sind; vgl. Mertens (1983), 92.Google Scholar
  2. 35.
    F. Petrarca, Epistolae de rebus familiaribus III,1; zitiert nach Blumenberg (1973), 146, der die deutsche Übersetzung von Nachod und Stern zitiert. Dem hier angesprochenen Muster folgt Petrarca auch, wenn er in den »Briefe[n] an die Nachwelt« die naturwissenschaftlichen Kenntnisse seiner Zeit verspottet: “Da wissen sie nun viele Dinge über Tiere, Vögel und Fische: wieviel Haare der Löwe im Scheitel trägt und wieviel Federn der Falke im Schwanze und mit wieviel Windungen die Meerschlange den Schiffbrüchigen umschlingt. (…) Und wenn es auch schließlich wahr sein möge, so würde es doch nicht zu einem seligen Leben vermögen. Denn ich bitte dich, was nützt es, die Natur der Fische, Vögel und Schlangen zu erkennen und dafür die Natur des Menschen, seinen Zweck, seine Herkunft und sein Endziel nicht zu kennen oder gar zu mißachten”; Petrarca (1925), 134 f.Google Scholar
  3. 46.
    Vgl. Fuhrmann (1983), 54, der darauf hinweist, daß die Dichter in wohl allen Domund Klosterschulen erheblich stärker vertreten waren als die Prosaschriftsteller.Google Scholar
  4. 62.
    Sen. XV, 1, in: F. Petrarca, Operae, Basileae 1554, II, 1046 ff.; Die Briefe des F. Petrarca, Eine Auswahl übers.v. H. Nachod und P. Stern, Berlin 1931, 304 fGoogle Scholar
  5. 64.
    Zitiert nach Rüdiger (21988), 550, der sich auf Boccaccios Rechtfertigung der »Genealogiae deorum gentilium libri. bezieht.Google Scholar
  6. 65.
    Poggius Florentinus, in: Prosatori latini del Quattrocento, a cura di E. Garin, Milano/Napoli, 1955, 243 f. Die im folgenden zitierten Stellen zitieren wir nach Buck (1987), 140.Google Scholar
  7. 66.
    Petrarca, De remidiis utriusque fortunae libri II, Lugundi 1585, 177 – 184. Dieses Zitat haben wir Schreiner (1975), 207 f entnommen, der die folgende Übersetzung zitiert: Franciscus Petrarca, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen, Augsburg 1532, f. LVIr — LVIIv.Google Scholar
  8. 80.
    J.L. Vives, Ausgew. Schriften, Aus dem Latein. übers. v. J. Wychgram, Wien/Leipzig 1883, 332 f.Google Scholar
  9. 81.
    F. Petrarca, Le familiari, Ediz. crit. p. c. di V. Rossi e U. Bosco, Firenze 1933–1942, I, 139; zitiert nach Buck (1987), 141Google Scholar
  10. 88.
    F. Petrarca, De remidiis utriusque fortune I, praef., Lutetiae 1557, 5; zitiert nach Buck (1984), 12Google Scholar
  11. 98.
    L. Valla, In sex libros elegentarium praefatio, in: Prosatori latini del Quattrocento, a cura di E. Garin, Milano/Napoli, 1952, 598; zitiert nach Buck (1987), 165Google Scholar
  12. 101.
    A. Poliziano, Oratio super Quintiliano et Statii Sylvis, in: Prosatori latini del Quattrocento, a cura di E. Garin, Milano/Napoli, 882, zitiert nach Buck (1987), 165 fGoogle Scholar
  13. 113.
    De iciarchia l, in: L. B. Alberti, Opere volgari, a cura di C. Grayson, Bari 1966, II, 243; zitiert nach Buck (1987), 176Google Scholar
  14. 115.
    Hartmann Schedel, Buch der Chroniken, Nürnberg 1493, fol. CCLIIv, aus Jacobus Foresta de Bergamo, Supplementum chronicarum entlehnt; zitiert nach Mertens (1983), 90Google Scholar
  15. 223.
    Giesecke (1994), 145 geht davon aus, daß sich das Buchexemplar zur Druckform verhält wie das Ding zu seinem Begriff: “In Bezug auf den Begriff sind die Dinge identisch.”Google Scholar
  16. 224.
    Geldner (1961), 101 – 106; auch Giesecke (1994), 145 greift dieses Beispiel auf. Auf den Zusammenhang, daß der Buchdruck als »Geschenk Gottes« gepriesen wurde, werden wir dann zurückkommen, wenn wir uns mit dem Publikum der frühen Drucke beschäftigen. Hier bleibt noch anzumerken, daß die Beobachtung, daß der Umgang mit typographischen Produkten erst allmählich gelernt werden mußte, auch dann nicht entkräftet wird, wenn wir uns vor Augen führen, daß im 15. Jahrhundert tatsächlich nicht immer vollständig identisch gedruckt wurde. So konnte es vorkommen, daß in einigen Exemplaren die Druckermarke fehlte, in anderen hingegen das Kolophon; Widmungsbriefe konnten ebenso erneuert wie Bilder ausgetauscht werden.Google Scholar
  17. 299.
    Vgl. Widmann (1977), 69. Genauere Angaben über tatsächliche Bücherpreise finden sich bei Clemen (1925), 147 – 151 und Brecht (1972), 169 – 173. Den Versuch, die Bücherpreise in eine Beziehung zu Löhnen und Lebenshaltungskosten zu setzen, unternahm Sauer (1956), 21 ff.Google Scholar
  18. 305.
    Dafür sprechen viele Beispiele, von denen hier nur zwei zitiert werden sollen: Folgen wir der Einschätzung Theodor Biblianders aus dem Jahre 1558, dann ging Luther davon aus, daß “Gott durch Johannes Gutenberg Druckwerkstätten eröffnen ließ, damit darin fort und fort die Waffen himmlischer Weisheit zur Niederkämplung der ungeheuren Zurüstung des zweiten Babels, des Papsttums nämlich, geschmiedet würden.” Zitiert bei Widmann (1973a), 264 — 64. Und auch Johannes Kepler sieht das so, wenn er in seiner 1606 erschienen Schrift »De stella nova« “jenen gewaltigen und für alle Zeiten denkwürdigen Abfall der meisten europäischen Länder vom römischen Stuhl” als eine direkte Folge der Ausbreitung der Druckkunst beschreibt; vgl. Seck (1971), 235 – 241 und Giesecke (1989), 327.Google Scholar
  19. 306.
    V. Ickelsamer, »Ain Teutsche Grammatica”/Darauß ainer von jm selbs lesen lernen…«, ohne Ort und Jahr, abgedruckt bei Pohl (1971), hier zitiert nach Giesecke (1979), 49.Google Scholar
  20. 322.
    Vgl. von Polenz (1991), 92, als auch die folgende Formulierung bei Besch (1979), 330 f: “Die neue Schriftsprache erlangt den Status einer Fremdsprache und wird auch als eine solche empfunden.”Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1996

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  • Cornelia Epping-Jäger

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