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Die Passion pp 15-23 | Cite as

Der einstimmige Passionsgesang

  • Kurt von Fischer
Chapter

Zusammenfassung

Der Vortrag der Passion im Rahmen des römischen Messe-Gottesdienstes er folgte nach bestimmten traditionellen Lektionstönen, welche mittels differenzierter Tonhöhen die erzählenden von den in direkter Rede überlieferten Texten abhob. Diese Art des Vortrags geht letztlich auf Piatons Rhetorik und Affektenlehre zurück: Die narrativen Texte des Evangelisten erklangen als Ausdruck der Mäßigkeit in mittlerer, die Reden Jesu als Ausdruck der humilitas (Demut) in tiefer und die direkten Reden anderer singularer oder pluraler Personen und der als Turbae bezeichneten Volkschöre als Sinnbild der ira (Zorn) in hoher Lage. Dabei sprechen die bekannten römischen Liturgie-Vorschriften (ordines) des 9. bis 13./14. Jahrhunderts stets nur von einem einzigen Liturgen, vom Diakonus, der sowohl die indirekten wie auch die direkten Reden der Passionsevangelien, wohl ohne besondere Affektgebärden, jedoch unter Berücksichtigung der in den Handschriften angedeuteten Tonhöhen und Tempovarianten vortrug (s. Abb. V, S. 16). Diese schlichte, auf besonderen melodischen Formeln beruhende Art der Rezitation entspricht durchaus dem Passionsverständnis und der Passionsfrömmigkeit, wie sie in der Westkirche bis ins frühe und mittlere 12. Jahrhundert vorherrschend waren und dem Leitsatz des Kirchenvaters Aurelius Augustinus entsprachen: »Lignum pendentis cathedra factum est docentis« (»Das Holz des am Kreuz Hängenden ist zur Lehrkanzel geworden«). Es ist dies dieselbe Haltung, die auch auf den frühen Kreuzigungsbildern zum Ausdruck kommt: Nicht der leidende, sondern der lebende, meist ohne Zeichen der Qual dargestellte Jesus erscheint am Kreuz (s. Abb. VII, S. 18).

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1997

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  • Kurt von Fischer

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