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Zur Struktur des Jugendbriefs an die Schwester im 18. Jahrhundert: Goethe, Mozart, Brentano, Kleist

  • Joachim Knape
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Part of the Kleist-Jahrbuch book series (KLJA)

Zusammenfassung

Vier junge Männer, drei Sechzehnjährige und ein Achtzehnjähriger, schreiben im 18. Jahrhundert erste Briefe an ihre Schwester. Sie stehen in einer langen Reihe von Briefautoren der Zeit, für die Geschwister, vor allem Schwestern, eine wichtige Rolle am Anfang ihrer epistolographischen Entwicklung gespielt haben. Die vier haben im Lauf ihres Lebens bewiesen, daß sie Kenntnis der im 18. Jahrhundert eingeführten unterschiedlichen Briefformen hatten, die man gemäß der rhetorischen Decorum-Theorie auf den jeweiligen Kommunikationspartner einstellte. Beim bürgerlichen Geschwisterbrief sind zu dieser Zeit äußere Formregeln im Prinzip suspendiert, denn die kommunikative Grundsituation ist familiär intim bzw. von Nähe und relativ hoher Vertrautheit gekennzeichnet. Der Jüngling kann seit der Mitte des Jahrhunderts, wenn er will, die Feder spontan, frei von Konventionen führen.1 In diesem Sinne schreibt Lessing schon 1743 in seinem ersten erhaltenen Brief, der auch an die Schwester geht, er könne »nicht einsehn, wie dieses beisammen stehn kann: ein vernünftiger Mensch zu sein; vernünftig reden können; und gleichwohl nicht wissen, wie man einen Brief aufsetzen soll. Schreibe wie Du redest, so schreibst Du schön.«2

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Notizen

  1. 1.
    »Für den Privatbrief konkurrenzlos bestimmend in dieser Zeit wurde bekanntlich der ›Ty-pus‹ des ganz subjektiven, auf persönlichen und vertraulichen Gedankenaustausch und intime Herzensoffenbarungen gerichteten sogenannten natürlichen Briefs‹, dem als Ideal die stilisierende schriftliche Imitation eines vertrauten Gesprächs vorgegeben war.« Hans-Jürgen Schra-der, Unsägliche Liebesbriefe. Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge. In: Kleist-Jahrbuch 1981/82, S. 86–97, hier S. 90 f.Google Scholar
  2. 2.
    Gotthold Ephraim Lessing, Gesammelte Werke. Hg. v. Paul Rilla, Bd. 9, Berlin/Weimar 1968, S. 7; vgl. Goethe an seine Schwester Cornelia: »schreibe nur wie du reden würdest, und so wirst du einen guten Brief schreiben«. (Brief vom 21. Nov. 1765; Goethes Briefe, ed. K.R. Man-delkow, Hamburger Ausgabe Bd. 1, Hamburg 1962, S. 19)Google Scholar
  3. 4.
    Albrecht Schöne, Soziale Kontrolle als Regulativ der Textverfassung. Über Goethes Brief an Ysenburg von Buri. In: Wissen aus Erfahrung. Werkbegriff und Interpretation heute, Festschrift Herman Meyer. Hg. v. Alexander von Bormann, Tübingen 1976, S. 217–241.Google Scholar
  4. 5.
    Vgl. zu entsprechenden Vorstellungen bei Demetrius, Cicero, Julius Victor, Erasmus von Rotterdam und anderen: Wolfgang G. Müller, Art. Brief. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Hg. v. Gert Ueding, Bd. 2, Tübingen 1994, Sp. 60–76, hier Sp. 61;Google Scholar
  5. dazu Wilhelm Voß-kamp, Dialogische Vergegenwärtigung beim Schreiben und Lesen. Zur Poetik des Briefromans im 18. Jahrhundert. In: DVjs 45 (1971), S. 80–116, hier S. 82.CrossRefGoogle Scholar
  6. 6.
    Albrecht Schöne, Über Goethes Brief an Behrisch vom 10. November 1767. In: Festschrift Richard Alewyn. Hg. v. Herbert Singer und Benno von Wiese, Köln/Graz 1967, S. 193–229.Google Scholar
  7. 7.
    C[hristian] F[ürchtegott] Geliert, Briefe, nebst einer praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen, […] Leipzig 1751. In: Christian Fürchtegott Geliert, Die epistolo-graphischen Schriften. Faksimiledruck nach den Ausgaben von 1742 und 1751. Mit einem Nachwort von Reinhard M.G. Nickisch, Stuttgart 1971 (= Deutsche Neudrucke. Reihe Texte des 18. Jahrhunderts), S. 2 f. Vgl. Schöne (wie Anm. 6) und Voßkamp (wie Anm. 5), S. 83.Google Scholar
  8. 9.
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  9. 10.
    In der literaturwissenschaftlichen Forschung zu Mozarts Briefen ist dieses elementare ästhetische Bewußtsein Mozarts bisweilen eigenartig kommentiert worden. So behauptet etwa Irma Voser-Hoesli, die Wiederholungen in unserem Brief seien »aus keiner vernünftigen Absicht erklärbar«, Mozart gehe »in unvernünftiger Spiellust«, von der »Wendigkeit des Spielers« angetrieben »ganz unbekümmert um den Sinnzusammenhang« mit den Satzgliedern um usw. Irma Voser-Hoesli, W.A. Mozarts Briefe. Stilkritische Untersuchung, Diss. Zürich 1948, S. 13 f.Google Scholar
  10. 11.
    Das gilt auch für weitere Briefe aus seiner Feder. Vgl. Karl Heinz Bohrer, Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität, München/Wien 1987, S. 13;Google Scholar
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  13. Friedhelm Kemp, Nachwort. In: Clemens Brentano: Werke. Hg. v. Wolfgang Frühwald, Bernhard Gajek u. Friedhelm Kemp, München 1978, Bd. 1, S. 1303 ff.;Google Scholar
  14. Hans-Georg Dewitz, »… Traue den süßen Tönen des Sirenenliedes nicht.« Zur Rolle von Brentanos Briefen in der Forschung. In: Detlev Lüders (Hg.), Clemens Brentano. Beiträge des Kolloquiums im Freien Deutschen Hochstift 1978, Tübingen 1980, S. 10–24, hier S. 15 f.Google Scholar
  15. 13.
    Friedrich Hölderlin, Die Briefe. Briefe an Hölderlin. Dokumente. Hg. v. Jochen Schmidt in Zusammenarbeit mit Wolfgang Behschnitt, Frankfurt/M. 1992 (= Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke und Briefe. Hg. v. Jochen Schmidt. Bd. 3), S. 72.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1996

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