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Der »Weisse« Blick

Über Kleists ›Verlobung in St. Domingo‹
  • Rémy Charbon
Chapter
Part of the Kleist-Jahrbuch book series (KLJA)

Zusammenfassung

Seit den grundlegenden Arbeiten von Ruth Angress und Peter Horn1 zur Verlobung in St. Domingo‹ richtete sich das Interesse der Forschung immer wieder auf außertextuelle Bezüge der Erzählung: auf die Rassen- und Geschlechterthematik, die Funktion von Revolution und Kolonialismus etc. Der vorliegende Beitrag situ-iert sich in dieser Reihe und setzt sich zum Ziel, literarisch-formale und kulturgeschichtliche Aspekte als teils komplementäre, teils einander widersprechende Komponenten zu verstehen und darzulegen, daß deren Spannungsverhältnis für die Erzählung als Ganzes konstitutiv ist. Etwas mehr Aufmerksamkeit als bisher üblich wird dem realhistorischen Hintergrund geschenkt; zum Problemkreis »Rassismus in der Literatur« (bei Kleist und seinen Zeitgenossen) haben vor allem angelsächsische Forschungen Erhellendes beigetragen.

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Notizen

  1. 1.
    R[uth] K. Angress, Kleist’s Treatment of Imperialism. ›Die Hermannsschlach‹ and ›Die Verlobung in St. Domingo‹. In: Monatshefte 69, 1977, S. 17–33.Google Scholar
  2. Überarbeitete Fassung: Ruth Klüger, Freiheit, die ich meine. Fremdherrschaft in Kleists ›Hermannsschlacht‹ und ›Verlobung in St. Domingo‹. In: dies., Katastrophen. Über deutsche Literatur, Göttingen 1994, S. 133–162.Google Scholar
  3. — P[eter] Horn, Hatte Kleist Rassenvorurteile? Eine kritische Auseinandersetzung mit der Literatur zur ›Verlobung in St. Domingo‹. In: Monatshefte 67, 1975, S. 117–128.Google Scholar
  4. 2.
    Alle Kleist-Zitate nach folgender Ausgabe: Heinrich von Kleist, Sämtliche Werke und Briefe. Hg. von Helmut Sembdner, 2. Aufl. München 1961.Google Scholar
  5. — Eine Aufzählung der »Unstimmigkeiten« bei Roland Reuß, ›Die Verlobung in St. Domingo‹ — eine Einführung in Kleists Erzählen, Basel und Frankfurt/M. 1988 (= Berliner Kleist-Blätter 1), S. 4 f.Google Scholar
  6. 3.
    Sigrid Weigel, Der Körper am Kreuzpunkt von Liebesgeschichte und Rassendiskurs in Heinrich von Kleists Erzählung ›Die Verlobung in St. Domingo‹. In: Kleist-Jahrbuch 1991, S. 204 f., 210.Google Scholar
  7. 4.
    André Jolies, Einfache Formen, 5. Aufl. Tübingen 1974, S. 44.Google Scholar
  8. 6.
    Auf den ersten Blick scheint es wenig sinnvoll, von ›Legenden‹ zu sprechen, da diesen Erzählungen der für die Legende zentrale Bezug zur christlichen Lehre fehlt und das Mitgeteilte alles andere als Glaubensinhalt ist. Da aber, wie sich noch zeigen wird, nicht nur äußerliche Analogien bestehen, sondern die wesentlichen Struktureiemente der Legende und das, was Jolies »Geistesbeschäftigung« nennt, erhalten bleiben und somit lediglich »christliche Denkformen unter das Diktat eines eigenen Vorzeichens gestellt« werden (Wolfgang Binder, Grundformen der Säkularisation: Goethe, Schiller, Hölderlin. In: ders., Aufschlüsse. Studien zur deutschen Literatur, Zürich/München 1976, S. 53), halte ich am Legendenbegriff fest und verstehe die ›weltliche Legende‹ als eine der in der deutschen Literatur um 1800 häufigen Säkularisationsformen christlicher Muster. Die Verwendung religiös geprägter Denkmuster erleichtert die Strukturierung historischer Erfahrungen und deren Aufnahme ins »kollektive Gedächtnis« (Weigel, wie Anm. 3, S. 205). Die Anlehnung an die Legendenstruktur ist somit nichts anderes als ein Sonderfall dessen, was Sander L. Gilman als »reworking of social structures« bezeichnetGoogle Scholar
  9. (Sander L. Gilman, The Aesthetics of Blackness in Heinrich von Kleist’s ›Die Verlobung in St. Domingo‹. In: Modern Language Notes 90, 1975, S. 661).Google Scholar
  10. 7.
    C[yril] L[ionel] R[obert] James, The Black Jacobins. Toussaint L’Ouverture and The San Domingo Revolution, London 1980 [zuerst 1938], S. 89.Google Scholar
  11. 8.
    Beverly Harris-Schenz, Black Images in Eighteenth-Century German Literature, Stuttgart 1981 (= Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik 86), S. 62–64.Google Scholar
  12. — Zu Bearbeitungen aus Kleists Umkreis vgl. Herbert Uerlings, Preußen in Haiti? Zur interkulturellen Begegnung in Kleists ›Verlobung in St. Domingo‹. In: Kleist-Jahrbuch 1991, S. 185–201.Google Scholar
  13. 10.
    Marion E. Musgrave, Literary Justification of Slavery. In: Blacks and German Culture. Hg. von Reinhold Grimm und Jost Hermand, Madison 1986, S. 12.Google Scholar
  14. 11.
    Karin Schüller, Die Haitianer deutscher Herkunft. In: Jahrbuch für Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas 28, 1991, S. 281 f.Google Scholar
  15. 14.
    Horn (wie Anm. 1), S. 121; ebenso Michael Perraudin, Babekan’s »Brille« and the Rejuvenation of Congo Hoango. A Reinterpretation of Kleist’s Story of the Haitian Revolution. In: Oxford German Studies 20/21, 1991/92, S. 85–103, hier S. 100 ff. Eine andere Auffassung vertrittGoogle Scholar
  16. Gonthier-Louis Fink, Das Motiv der Rebellion in Kleists Werk im Spannungsfeld der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege. In: Kleist-Jahrbuch 1988/89, S. 64–88.Google Scholar
  17. 16.
    Fernando Bernoulli, Die helvetischen Halbbrigaden im Dienste Frankreichs 1798–1805, Diss. Bern 1934, S. 98.Google Scholar
  18. 17.
    Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz, Bd. 3, Neuenburg 1926, S. 407. — Hermann F. Weiss, Funde und Studien zu Heinrich von Kleist, Tübingen 1984, S. 44. — In der bei Bernoulli (wie Anm. 16) S. 96 abgedruckten Offiziersliste der Haiti-Expedition ist Gatschet als »Max Gachet« verzeichnet. Es besteht jedoch kein Zweifel an der Identität; aus der Freiburger Familie Gachet, aus der die Berner Familie Gatschet hervorging, war niemand beteiligt. — Kleists Gustav von der Ried ist ungefähr zehn Jahre älter als Maximilian Gatschet, da er bereits die Schreckenszeit in Straßburg erlebte.Google Scholar
  19. 21.
    Vgl. die Nachweise bei: Bernd Fischer, Zur politischen Dimension der Ethik in Kleists ›Die Verlobung in St. Domingo‹. In: Heinrich von Kleist. Studien zu Werk und Wirkung. Hg. von Dirk Grathoff, Opladen 1990, S. 249 f.Google Scholar
  20. 22.
    Der in der Forschung mehrfach erhobene Vorwurf, Gustav habe das Kolonialsystem nicht durchschaut, wird damit gegenstandslos. Vgl. Hans H. Hiebel, Reflexe der Französischen Revolution in Heinrich von Kleists Erzählungen. In: Wirkendes Wort 39, 1989, S. 172; Fischer (wie Anm. 21), S. 254;Google Scholar
  21. Ray Fleming, Race and the Difference It Makes in Kleist’s ›Die Verlobung in St. Domingo‹. In: German Quarterly 65, 1992, S. 312.CrossRefGoogle Scholar
  22. 28.
    Wie bei der Schilderung der Revolution auf Haïti spitzt Kleist auch bei der Darstellung der Straßburger Schreckensherrschaft die terroristischen Züge zu. Die ausführlichste Abhandlung zum Thema weiß zwar von (relativ wenigen) willkürlich gefällten Urteilen, nicht aber von spontaner Lynchjustiz zu berichten: Adam Walther Strobel, Vaterländische Geschichte des Elsasses von der frühesten Zeit bis zur Revolution 1789. Fortgesetzt, von der Revolution 1789 bis 1815, von Heinrich Engelhardt, Sechster Theil, o.O. [Straßburg] 1849, S. 207 ff. Werlens These vom Zusammenhang zwischen patriarchalem System und Verfolgung auf Grund von Rasse und Geschlecht (Hans Jakob Werlen, Seduction and Betrayal: Race and Gender in Kleist’s ›Die Verlobung in St. Domingo‹. In: Monatshefte 84, 1992, S. 459–471) muß zwar in bezug auf Gustav modifiziert werden, gewinnt dadurch aber insgesamt an Plausibilität.Google Scholar
  23. 30.
    Victor Schoelcher, De l’esclavage des noirs et de la législation coloniale, Paris 1833.Google Scholar
  24. 31.
    Paul Hoffmann, Kleist in Paris, Berlin 1924, S. 47.Google Scholar
  25. 33.
    Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Hg. von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert in Verbindung mit Herbert Stubenrauch, Bd. 1, 3. Aufl. München 1962, S. 215.Google Scholar
  26. 41.
    Rudolf Loch und Herbert Pruns, Zu Kleists Ansiedlungsvorhaben in der Schweiz. In: Beiträge zur Kleist-Forschung 1993, S. 58–79.Google Scholar
  27. 42.
    Vgl. dazu Klaus Müller-Salget, Das Prinzip der Doppeldeutigkeit in Kleists Erzählungen. In: Kleists Aktualität. Hg. von Walter Müller-Seidel, Darmstadt 1981 (=Wege der Forschung 586), S. 190.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1996

Authors and Affiliations

  • Rémy Charbon

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