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Kleist und die Komödie seiner Zeit

  • Uwe Japp
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Part of the Kleist-Jahrbuch book series (KLJA)

Zusammenfassung

Kleists Zeitgenossenschaft auf dem Gebiet der Komödie ist, sofern wir unter Zeitgenossenschaft die Verbundenheit durch gleichzeitige und gleichgerichtete Interessen verstehen, nur schwach ausgeprägt. Er selbst hat auf Anknüpfungspunkte in weit entfernten Zeiten verwiesen; und in einem Fall ist dabei sogar ein Gattungswechsel in Kauf zu nehmen. Daß Kleists ›Amphitryon‹ auf die gleichnamige Komödie Molières zurückgeht, besagt der Untertitel (»Ein Lustspiel nach Molière«). Die Verbindung zwischen dem ›Zerbrochnen Krug‹ und dem ›König Ödipus‹ des Sophokles wird hingegen in jener kurzen Vorrede geknüpft, in der es heißt, der Gerichtsschreiber auf dem Kupferstich, der die Veranlassung zur Niederschrift des Lustspiels gegeben habe, sehe den Richter dermaßen mißtrauisch an, »wie Kreon, bei einer ähnlichen Gelegenheit, den Ödip«.1 Zwar erscheint Kreon in der sopho-kleischen Tragödie nicht in der von Kleist angegebenen Beleuchtung, jedenfalls nicht an den nach Kleists Angaben in Frage kommenden Stellen, aufs Ganze gesehen ist aber die Vergleichung des ›niederländischen‹ Lustspiels mit dem ›Oίδίπους ΤΥΡΑΝΝΟΣ‹ wohlbegründet.2 Es ist hierbei eben nicht an die Entsprechung im Detail, sondern an die Übereinstimmung in der Struktur — auch in spiegelbildlicher Verkehrung — zu denken. Geht man über Kleists explizite Hinweise hinaus, so ergeben sich noch weitere Verbindungen zum Drama der Antike, freilich diesseits des Gattungswechsels und also auf dem eigentlich hier interessierenden Gebiet der Komödie.

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Notizen

  1. 1.
    Heinrich von Kleist, Der zerbrochne Krug. In: ders., Sämtliche Werke und Briefe. Hg. von Helmut Sembdner, Bd. I, 6. Aufl. München 1976, S. 175–244, hier S. 176. Alle Kleist-Zitate richten sich im folgenden nach dieser Ausgabe.Google Scholar
  2. 2.
    Bekanntlich hat Kleist im Anschluß an die oben angeführten Worte nachträglich die Bemerkung eingefügt (und wieder gestrichen): »als die Frage war, wer den Lajus erschlagen?« Siehe den Kommentar der Sämtlichen Werke und Briefe, S. 926. Naturgemäß ist die Frage, »wer den Lajus erschlagen«, mehrfach anhängig, auch zwischen Ödipus und Kreon. Vgl. z.B. Sophokles, König Oidipus, Tragödien und Fragmente. Hg. von Wilhelm Willige, München 1966, Vs. 90 ff. u. Vs. 558 ff., S. 362 u. S. 390. Es kommt dabei aber in keinem Fall zu dem von Kleist beobachteten Blick Kreons auf Ödipus. — Zur allgemeinen Vergleichung nach wie vor einschlägig: Wolfgang Schadewaldt, Der ›Zerbrochene Krug‹ von Heinrich v. Kleist und Sophokles’ ›König Ödipus‹. In: ders., Hellas und Hesperien. Gesammelte Schriften zur Antike und zur neueren Literatur in zwei Bänden, Bd. II, Zürich u. Stuttgart 1960, S. 333–340.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Hansgerd Delbrück, Kleists Weg zur Komödie. Untersuchungen zur Stellung des ›Zerbrochnen Krugs‹ in einer Typologie des Lustspiels, Tübingen 1974, S. 170 ff. — In den ›Wes-pen‹ gibt es außerdem einen zerbrochenen Topf, der Gegenstand einer improvisierten Gerichtsverhandlung sein soll. Siehe Aristophanes, Die Wespen. In: Antike Komödien. Hg. von Hans-Joachim Newiger. Neubearbeitung der Übersetzung von Ludwig Seeger, München 1968, S. 171–234, hier S. 209, Vs. 826.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Peter Szondi, Fünfmal Amphitryon: Plautus, Molière, Kleist, Giraudoux, Kaiser. In: ders., Schriften. Hg. von Jean Bollack u.a., Bd. II, Frankfurt/M. 1977, S. 170–197.Google Scholar
  5. 5.
    Zum Begriff der Paratextualität vgl. Gérard Genette, Palimpsestes. La littérature au second degré, Paris 1982, S. 10 ff.Google Scholar
  6. 6.
    Siehe z. B. Eckehard Catholy, Das deutsche Lustspiel. Von der Aufklärung bis zur Romantik, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1982, S. 160–183.Google Scholar
  7. 7.
    So Helmut Prang, Geschichte des Lustspiels. Von der Antike bis zur Gegenwart, Stuttgart 1968, S. 217: »Weit und breit scheint es zu Beginn des 19. Jahrhunderts, also in einer literarisch durchaus bewegten Zeit, außer bei Kleist keine bemerkenswerten Lustspiele zu geben.« Das Urteil richtet sich vorwiegend gegen die Komödie der Romantik, die Prang weitgehend, aber zu Unrecht, verwirft. Kleists Komödien werden übrigens in dem Kapitel »Das Lustspiel zur Zeit der Klassik« abgehandelt, eingeleitet mit den charakteristischen Worten: »Zu den Zeitgenossen der Klassiker gehören außer den Romantikern […], u.a. auch zwei so Unzeitgemäße wie Jean Paul und Kleist.« Ebd., S. 196. Ähnlich bei Karl Holl, in dessen ›Geschichte des deutschen Lustspielss Leipzig 1923, S. 226, es heißt: »Um so überraschender ist es, wenn sich in der Darstellung romantischer Dramatik plötzlich ein Koloß auftürmt, der nicht nur die Grundfläche, sondern auch die Nebenerhebungen weit überragt: Heinrich von Kleist.« Eine opinio communis der Lustspielforschung offenbar.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Andreas Huyssen, Drama des Sturm und Drang. Kommentar zu einer Epoche, München 1980, S. 18.Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. Horst Steinmetz, Das deutsche Drama von Gottsched bis Lessing. Ein historischer Überblick, Stuttgart 1987, bes. S. 31 ff. u. S. 62 ff.;CrossRefGoogle Scholar
  10. ders., Die Komödie der Aufklärung, 3. Aufl. Stuttgart 1978.CrossRefGoogle Scholar
  11. 10.
    Johann Christoph Gottsched, Versuch einer Critischen Dichtkunst, Darmstadt 1982, S. 643 (unveränd. reprogr. Nachdruck der 4. Auflage, Leipzig 1751).Google Scholar
  12. 14.
    Siehe dazu genauer Karl S. Guthke, Geschichte und Poetik der deutschen Tragikomödie, Göttingen 1961, S. 106–125.Google Scholar
  13. Ferner Walter Müller-Seidel, Die Vermischung des Komischen mit dem Tragischen in Kleists Lustspiel ›Amphitryon‹. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 5, 1961, S. 118–135.Google Scholar
  14. 19.
    Siehe Kleist, Der zerbrochne Krug, Vs. 838. -Jakob Michael Reinhold Lenz, Der Hofmeister. In: ders., Werke und Briefe in drei Bänden. Hg. von Sigrid Damm, Leipzig 1987, S. 117 (V/10).Google Scholar
  15. 21.
    Wie Martin Stern diese Werkgruppe zusammenfassend benennt: M. Stern, Die Schwänke der Sturm-und-Drang-Periode: Satiren, Farcen und Selbstparodien in dramatischer Form. In: Goethes Dramen. Neue Interpretationen. Hg. von Walter Hinderer, Stuttgart 1980, S. 23–41.Google Scholar
  16. 22.
    Friedrich Schiller, Dramatische Preisaufgabe. In: Schillers Werke. Nationalausgabe. Hg. von Julius Petersen und Hermann Schneider. Bd. 22. Hg. von Herbert Meyer, Weimar 1958, S.326f., hier S. 326.Google Scholar
  17. 24.
    Friedrich Schiller, Tragödie und Comödie. In: Schillers Werke. Nationalausgabe. Hg. von Julius Petersen und Hermann Schneider. Bd. 21. Unter Mitwirkung von Helmut Koopmann hg. von Benno v. Wiese, Weimar 1963, S. 91–93, hier S. 92 f.Google Scholar
  18. 25.
    Friedrich Schlegel, Vom ästhetischen Werte der griechischen Komödie. In: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Hg. von Ernst Behler u.a. 1. Abteilung, 1. Bd. Hg. von Ernst Beh-ler, Paderborn/München/Wien 1979, S. 19–33, hier S. 19.Google Scholar
  19. 26.
    Siehe Friedrich Schiller, Ueber naive und sentimentalische Dichtung. In: Schillers Werke. Nationalausgabe. Hg. von Julius Petersen und Hermann Schneider. Bd. 20. Unter Mitwirkung von Helmut Koopmann hg. von Benno v. Wiese, Weimar 1962, S. 413–503, hier S. 479. Schiller moniert hier die »Plattheit«, die sich aus übertriebener Nachahmung der Wirklichkeit ergibt.Google Scholar
  20. 29.
    Tieck spricht vom ›Zerbrochnen Krug‹ als einem Werk, »das fast ohne Inhalt ist«. Siehe Ludwig Tieck, Kritische Schriften, Bd. II, Leipzig 1848, S. 37.Google Scholar
  21. 31.
    Es ist hier von der Form des Lustspiels die Rede. Die wiederholt vorgetragene These, Kleist habe im ›Amphitryon‹ den antiken Mythos ins Christliche übertragen und sei damit einer ›romantisierenden‹ Tendenz zu überantworten, hält sich ganz an inhaltliche Dinge, wobei sie diese wahrscheinlich überinterpretiert. (Vgl. hierzu etwa den ›Amphitryon‹-Kommentar in: Heinrich von Kleist, Sämtliche Werke und Briefe. Bd. I. Hg. von Ilse-Marie Barth u. Hinrich C. Seeba, Frankfurt a.M. 1991, S. 883 f.).Google Scholar
  22. 32.
    Siehe Christian Felix Weiße, Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er zerbricht; oder der Amtmann. Ein Schauspiel in einem Aufzuge. In: Briefwechsel der Familie des Kinderfreundes, Sechster Theil, Leipzig 1786, S. 185–318.Google Scholar
  23. Dazu Richard F. Wilkie, A new source for Kleist’s ›Der zerbrochne Krug‹. In: Germanic Review 23, 1948, S. 239–248.CrossRefGoogle Scholar
  24. — Johann Daniel Falk, Amphitruon. Lustspiel in fünf Aufzügen, Halle 1804.Google Scholar
  25. Dazu Helmut Sembdner, Kleist und Falk. Zur Entstehungsgeschichte von Kleists ›Amphitryon‹. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 13, 1969, S. 361–396.Google Scholar

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