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Zum Begriff des Mittelalters

  • Frank-Rutger Hausmann
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Zusammenfassung

Eine große Periode im Leben des menschlichen Geschlechts, vom Ausgang des 5. Jahrhunderts bis zu dem des 15. Jahrhunderts sind wir gewohnt, mit dem Namen Mittelalter zu bezeichnen. Die Vorstellung einer tausendjährigen Unterbrechung der allgemeinen Kultur, die man ehedem mit dieser Benennung verband, hat, aus humanistischen Anschauungen entsprungen, auf literarischem Gebiet einen Schein von Berechtigung: für die universalhistorische Betrachtung kommt ihr keinerlei Wahrheit zu.

Dieser Satz stammt von einem der bedeutendsten deutschen Historiker, Leopold von Ranke (1795–1886), den man auch den Begründer der modernen Geschichtswissenschaft genannt hat. Das Zitat findet sich zu Beginn des 8. Teils seiner Weltgeschichte (1887; zit. nach Voss, S. 9f.). Wir können dieser Definition mehrere für unseren Gegenstand wichtige Aspekte entnehmen: Der MA-Begriff ist bei Historikern, Literatur—und Kulturwissenschaftlern umstritten, denn die Historiker verstehen etwas anderes darunter als die Literaturwissenschaftler. Das MA soll im allgemeinen etwa 1000 Jahre gedauert haben; aber je nachdem, ob man den Blick auf Staatswesen, Wirtschaft, gesellschaftliche Verfassung, Philosophie, Theologie, Wissenschaft und Künste oder die Literatur richtet, schwanken die Begrenzungen. So läßt man, je nach Standpunkt, das MA häufig mit dem Untergang des Römischen Reichs 476 beginnen und mit dem Fall von Konstantinopel 1453 enden — andere Daten sind die römische Reichskrise im späten 3. Jh., das sog. Toleranzedikt von Mailand 313, Konstantins Sieg über Licinius 324, der Hunneneinbruch von 375 als angeblicher ›Beginn der Völkerwanderung‹, die Schlacht bei Adrianopel 378, das Gotenfoedus (Bündnisvertrag) des Theodosius 382, der Tod dieses Kaisers und die sog. Reichsteilung von 395, die Absetzung des Romulus Augustulus 476, der Regierungsantritt Chlodwigs 482, sein Sieg über Syagrius 486, die Herrschaft Kaiser Justinians 527–565, der Langobardeneinfall in Italien 568, der Pontifikatsbeginn Gregors des Großen 590, Mohammeds sog.

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Notizen

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  • Frank-Rutger Hausmann

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