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Zum Schluß: Das Argument der Dialektik

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Zusammenfassung

Unser Gefahrenbericht über die Wirkungen der modernen Musen muß zum Schluß noch ein Problem behandeln, das die Konfliktsituation von Kulturtheorie und Empirie beleuchtet: das Problem der Rechtfertigung und Verharmlosung negativer Effekte unter der Ägide der Dialektik und Freiheit der Kunst. Denn nicht wenige in der Schar der Kulturtheoretiker und -kritiker, die empirische Ergebnisse zu ihrem Weltbild nicht zulassen, deren Aussagekraft prinzipiell anzweifeln oder sich über politische und moralische Implikationen hinwegsetzen, haben sich darauf verständigt, der Kunst einen Freibrief auszustellen, der auch dann Gültigkeit beansprucht, wenn die sogenannten schönen Künste ihre Schönheit — wie immer man sie definiert — längst eingebüßt haben und in den Medien zu Bedrohungen oder Ärgernissen oder Peinlichkeiten entartet sind. Wie sagte Rudolph Leonhard? »Mag sein, daß hin und wieder ein Bursche, der eine Mordszene [im Kino] sah, auf ›die abschüssige Bahn des Ver-brechens‹ geriet, das spricht so viel mehr gegen sein Gehirn als gegen den Film…«, und mit dem Hinweis auf das mutmaßlich defekte Gehirn des »Burschen« war für Leonhard das Wirkungsproblem erledigt. Wie, wenn die Zahl solcher Gehirne sich in alarmierender Weise vermehrte? Wie, wenn der ästhetische Grundsatz Immanuel Kants, wonach der Kunstgenuß des aufgeklärten Bewußtseins ein Wohlgefallen »ohne alles Interesse«, eine Erfahrung »von Reiz und Rührung unabhängig« zu sein hat, seine Grundsätzlichkeit in der Medienwelt entweder eingebüßt oder dort nie unangefochten besessen hätte?

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Anmerkungen Kap. 6

  1. 1.
    Zitiert nach Kurt Moreck, Sittengeschichte des Kinos (Dresden: P. Aretz, 1926), 256.Google Scholar
  2. 2.
    Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft. Kants gesammelte Schriften, Bd. 5 (Berlin: Reimer, 1913), 209, 223.Google Scholar
  3. 3.
    Siehe T. W. Adorno, Negative Dialektik. Gesammelte Schriften, Bd. 6 (Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1973).Google Scholar
  4. 4.
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  5. 5.
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  6. 6.
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  7. 8.
    Zitiert nach Ann Claire Richter, »Brot und Spiele — wie einst im alten Rom«, Braunschweiger Zeitung (29. Oktober 1994), Filmspiegel.Google Scholar
  8. 9.
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  10. 11.
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  11. 12.
    Vgl. z.B. Paul M. Sammon, ed., Splatterpunks: Extreme Horror (New York: St. Martin’s Press, 1990).Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1995

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