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Moralische Urteilskraft — eine aristotelische Erkenntnis

  • Charles E. Larmore
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Zusammenfassung

Im vorliegenden Kapitel möchte ich einer aristotelischen Erkenntnis zu neuer Geltung verhelfen, die in den modernen Moraltheorien systematisch vernachlässigt worden ist. Es geht um die Urteilskraft in moralischen Fragen, also um das, was Aristoteles als φρονησισ bezeichnet hat. Beginnen möchte ich jedoch mit der Erörterung der Rolle von Beispielen in moralischen Überlegungen. Diese Strategie ist nur scheinbar umständlich. Denn die den Beispielen zugewiesene Rolle ist symptomatisch für die Wertschätzung der moralischen Urteilskraft, weil die Hinzuziehung von Beispielen eine der Anwendungsweisen der Urteilskraft darstellt. Indirekt werde ich also die Bedeutung von moralischen Beispielen zu rehabilitieren suchen. Hauptsächlich aber wird es mir darum gehen, auf die zentrale Rolle der Urteilskraft in moralischen Überlegungen aufmerksam zu machen und eine Erklärung dafür anzubieten, warum sie so wenig Anerkennung findet und auf so großen Widerstand stößt.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in: Werke in sechs Bänden, hg. W. Weischedel, Bd. IV, Darmstadt 1963, S. 36.Google Scholar
  2. 2.
    Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, in: Werke in sechs Bänden, hg. W. Weischedel, Bd. II, Darmstadt 1963, A 134, B 173f. S. 185. Vgl. ferner die beiden ersten Abschnitte von Kants Aufsatz »Über den Gemeinspruch: das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis«, in: Werke, a.a.O., Bd. VI, Darmstadt 1964, S. 125–128.Google Scholar
  3. 3.
    Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft, in: Werke in sechs Bänden, hg. W. Weischedel, Bd. IV, Darmstadt 1963, S. 186–191.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Ernst Tugendhat »Antike und moderne Ethik« in: Probleme der Ethik, Stuttgart 1984, S. 35–56, vor allem S. 40ff.Google Scholar
  5. 5.
    Der Grund für diese Bemerkung wird am Ende des nächsten Abschnitts deutlich.Google Scholar
  6. 6.
    Das Ausmaß, in dem die moralische Urteilskraft über den Inhalt schematischer Regeln, die sie anwendet, hinausgeht, erinnert an die Unterscheidung von Ryle zwischen »knowing how« und »knowing that«. Ryle scheint allerdings nicht die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß das »knowing how« auf Gründe verweisen kann, ohne eine Regel anzuwenden, die sie zu Gründen macht. Vgl. Gilbert Ryle: The Concept of Mind, New York 1949, S. 25ff.Google Scholar
  7. 7.
    Moralische Konflikte sind begrifflich am besten nicht als abstrakte Unvereinbarkeit grundverschiedener moralischer Pflichten aufzufassen, sondern als Unvereinbarkeit von Handlungen, die diese Pflichten in einer gegebenen Situation erfordern würden. Vgl. zu diesem Problem Bernard Williams: Problems of the Self, Cambridge 1973, S. 166f.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Thomas Nagel »The Fragmentation of Value« in: Mortal Questions, Cambridge 1979, S. 128f.Google Scholar
  9. 9.
    H.A. Prichard »Does Moral Philosophy Rest on a Mistake?« in: Moral Obligation, Oxford 1968, S. 1–17, hier S. 11.Google Scholar
  10. 10.
    Aristoteles: Nikomachische Ethik, Stuttgart 1969, 1128b33f. und 1105a30ff. Durch die Entgegenstellung einer Pflichtethik und einer Tugendethik war Prichard vielleicht auf der Suche nach der Unterscheidung zwischen einer auf das Gerechte und einer auf das Gute gegründeten Ethik. Zu letzterer vergleiche in Kap. IV des vorliegenden Buches den Abschnitt über »Kantischen Liberalismus«.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Alasdair MacIntyre: After Virtue, London 1981, S. 141, 216 sowie N.J.H. Dent: The Moral Psychology of the Virtues, Cambridge 1984, S. 29ff.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten, in: Werke in sechs Bänden, hg. W. Weischedel, Bd. IV, Darmstadt 1963, S. 520f., A 20f.Google Scholar
  13. 13.
    Kant, a.a.O., S. 542f., A 55f.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. Kant, a.a.O., S. 544, A 56.Google Scholar
  15. 15.
    Die Kritik der Urteilskraft beschäftigt sich nicht mit der moralischen Urteilskraft. Die allgemeine Form des Urteilsvermögens, mit der sie sich hauptsächlich befaßt, ist die »reflektierende« eher als die »bestimmende« Urteilskraft, die als Anwendung allgemeiner Regeln auf besondere Umstände das zum Thema hat, was ich hier als moralische Urteilskraft erörtert habe.Google Scholar
  16. 16.
    Ich habe nicht zu zeigen versucht, daß Urteilskraft ein Kennzeichen unseres moralischen Lebens bleiben muß, sondern nur, daß sie in dem Maße die Moral bestimmt, wie wir sie auch weiterhin in Übereinstimmung mit der Tradition begreifen. Eine Philosophie, die dem zweifelhaften Zauber des a priori oder der »Begriffsanalyse« abgeschworen hat, kann mehr nicht versuchen. Zu beachten bleibt indes, daß die Urteilskraft in dem engen, in der ersten Kritik Kants dargestellten Sinn selbst dann nicht verschwinden wird, wenn alle moralischen Regeln aufhören, schematisch zu sein, und wenn Einmütigkeit darüber erreicht worden sein wird, worin die »moralische Perspektive« besteht.Google Scholar
  17. 17.
    Aristoteles: NikomachischeEthik, a.a.O., 1104a9; vgl. auch Eudemische Ethik, übers. F. Dirlmeier, Darmstadt 1962, 1217b33.Google Scholar
  18. 18.
    Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik, 1179b30f.Google Scholar
  19. 19.
    Vgl. Aristoteles, a.a.O., S. 1106b36.Google Scholar
  20. 20.
    Vgl. Aristoteles, a.a.O., Buch 2, Kapitel 9.Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. zu Aristoteles’ Theorie des praktischen Syllogismus Nikomachische Ethik, 1147a25f.Google Scholar
  22. 22.
    Aristoteles, a.a.O., 1109b23.Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. Francesco Guicciardinis (1483–1540) Kritik an Macchiavellis »Wissenschaft« der Politik in seinen »Ricordi«. Dort heißt es in Paragraph 6: »è grande errore parlare delle cose del mondo indistintamente e assolutamente e, per dire così, per regola; perché quasi tutte hanno distinzione e eccezione per la varietà delle circunstanze, le quali non si possono fermare con una medesima misura: e queste distinzione e eccezione non si truovano scritte in su’ libri, ma bisogna le insegni la discrezione.« Francesco Guicciardini: Ricordi, Milano 1975.Google Scholar
  24. 24.
    Adam Smith: The Theory of Moral Sentiments, Indianapolis 1969, Part 7, Section 4, S. 517; vgl. auch Part 3, Chapter 6, S. 287f.; dt: Theorie der ethischen Gefühle, hg. Walther Eckstein, Bd. II, Leipzig 1926, S. 545.Google Scholar
  25. 25.
    Das geht auch ziemlich eindeutig aus einer Passage in Part 3, Chapter 6, S. 284–93 hervor.Google Scholar
  26. 26.
    Indem er eine absolute Regelung von möglicherweise in Konflikte geratenden Verpflichtungen verneinte, brachte Smith am Ende von Part 6, Chapter 1, S. 370f. die Funktion der moralischen Urteilskraft bei der Entscheidung solcher Konflikte mit den Empfindungen eines angeblich unvoreingenommenen Beobachters in Verbindung; vgl. dt. Smith, a.a.O., Bd. II, S. 360–369.Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode, Tübingen 1960, S. 295ff.Google Scholar
  28. 28.
    Obwohl diese technische Vorstellung von den Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert bedeutenden Einfluß besitzt, ist sie im wesentlichen unzutreffend. Verwiesen sei beispielsweise auf Kuhns neueres Argument, demzufolge die Naturwissenschaften Beispiele aus eben den Gründen benötigen, die ich für die Rolle der Urteilskraft geltend gemacht habe — zur Anwendung allgemeiner Prinzipien auf konkrete Fälle. Vgl. Thomas S. Kuhn: The Essential Tension, Chicago 1977, S. 293f.Google Scholar
  29. 29.
    Vgl. Hans-Georg Gadamer »Über die Möglichkeit einer philosophischen Ethik« in: Kleine Schriften, Bd. I, Tübingen 1967, S., 179f.Google Scholar
  30. 30.
    Vgl. Gadamer: Wahrheit und Methode, a.a.O., S. 290ff., 448.Google Scholar
  31. 31.
    Vgl. Gadamer »Rhetorik, Hermeneutik und Ideologiekritik«, in: K.O. Apel u.a. (hg.): Hermeneutik und Ideologiekritik, Frankfurt 1971, S. 57ff.Google Scholar
  32. 32.
    Wie Plutarch bemerkte, »φϱόνησισ τύχης δειται«, bedarf die Urteilskraft des Zufalls, Plutarch »De Virtute Morali«, in: Moralia, Bd. VI, hg. W.C. Helmbold, Cambridge 1939, 443F.Google Scholar
  33. 33.
    Die Behauptung, daß sich das Wesen der moralischen Urteilskraft theoretischem Verstehen widersetzt, impliziert nicht, daß ihre Bedeutung für die Moral sich wesentlich von der für die Naturwissenschaften unterscheidet. Vgl. Anm. 28.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1994

Authors and Affiliations

  • Charles E. Larmore

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