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»Ich wollte den wahren Helden zeigen«

Ludwig Renns Antikriegsroman »Krieg«
  • Andrea Jäger
Chapter

Zusammenfassung

Ludwig Renn selbst ordnete sich — wie viele andere Autoren auch, deren Werke inzwischen der Neuen Sachlichkeit zugerechnet werden — nicht in die literarische Zeitströmung der Neuen Sachlichkeit ein. In seinen Selbstdarstellungen über den Entstehungsprozeß seines Kriegsromans Krieg erklärte Renn immer wieder, daß sein Stil keinerlei Kongruenzen zu Schreibarten anderer Schriftsteller aufweise und er auch keine literarischen Vorbilder habe. »Mein Stil kommt eben vom militärischen Bericht her. Ich habe diesen Stil allein für mich gefunden und keinen unter den Autoren der Belletristik nachgeahmt […].«1 Dieser Selbstdarstellung als Einzelphänomen schloß sich auch die DDR-Literaturwissenschaft an, wenn etwa Pawel Toper schrieb: »Die Bücher Renns sind in seinem unwiederholbaren Stil geschrieben, der sich schon im Roman ›Krieg‹ äußerte.«2 Tatsächlich reagierte Renn mit seinem Kriegsroman nicht auf eine bereits vorhandene neusachliche Literatur, in deren Geist er den Krieg aufgearbeitet hätte. Der Roman ist zwar 1928, also in der ›Blütezeit‹ der Neuen Sachlichkeit veröffentlicht worden, doch der Schreibprozeß begann wesentlich früher und seine Schreibweise entwickelte Renn schon 1916. Die Analyse des Entstehungsprozesses von Krieg verspricht damit Aufschluß über die spezifischen Motive, die einer Schreibhaltung zugrunde liegen, die sich unbeabsichtigt und ohne auf den Zeitgeschmack hin kalkuliert zu sein, mit dem ästhetischen Bedürfnis anderer zeitgenössischer Autoren trifft, was vor allem im Tatsachenstil, im Verzicht auf den auktorialen Erzähler und in der emotionslos-nüchternen Erzählweise zu wesentlichen literarischen Gemeinsamkeiten führt.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Ludwig Martienssen: Schriftsteller — Historiker — Kämpfer. Interview mit Ludwig Renn. In: Weimarer Beiträge 15/5 (1969), S. 987–1004;Google Scholar
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  4. 3.
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  8. 15.
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  11. 19.
    Gerade im Vergleich mit Scharrers Roman hat Renn selbst später den Wahrheitsgehalt seines Buches relativiert: »Man hat […] mein Buch ›Krieg‹ das Buch des einfachen Mannes im Schützengraben genannt. Das hat sich als ein Irrtum herausgestellt. […] Bei Scharrer ist die Auffassung des Arbeiters im Waffenrock in ihrer Konsequenz durchgeführt. Dieses Buch bedeutet einen Abschnitt und vielleicht einen letzten Schritt in der Literatur über den Weltkrieg 1914/18.« Ludwig Renn: Vaterlandslose Gesellen. In: Die Weltbühne 26/34 (1930), S. 287–288, hier S. 288.Google Scholar
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  15. 23.
    »Renn erkennt, daß das Kriegserlebnis nur von einem festen weltanschaulichen Standpunkt aus überwunden werden kann. Da ihm dieser fehlt, zieht er sich auf die Erfüllung seiner soldatischen Pflichten zurück.« Heidrun Ehrke-Rotermund: Der Anti-Kriegsroman am Ende der Weimarer Republik. In: Viktor Žmegač (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Band III/1: 1918–1945. Königstein/Ts. 1984, S. 156–165, hier S. 158.Google Scholar
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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1995

Authors and Affiliations

  • Andrea Jäger

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