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»Mit der Wirklichkeit auf du und du«?

Zu Irmgard Keuns Romanen »Gilgi, eine von uns« und »Das kunstseidene Mädchen«
  • Doris Rosenstein
Chapter

Zusammenfassung

Als Irmgard Keun mit den Romanen Gilgi, eine von uns (1931) und Das kunstseidene Mädchen (1932)1 ihr literarisches Debüt gab und innerhalb weniger Monate zu einer Bestseller-Autorin aufrückte2, befand sich die Weimarer Republik in ihrem krisenhaft zugespitzten Endstadium. Nicht nur im politisch-sozialen, sondern auch im kulturellen Bereich verschärften sich die Spannungen, die latenten antidemokratischen und reaktionären Tendenzen erhielten Auftrieb, konservative Positionen schoben sich in den Vordergrund und verdrängten die auf eine westlich-moderne Gesellschaft ausgerichteten Erwartungen.3 Diese Trendwende kommt exemplarisch in dem extrem divergierenden Meinungsspektrum zum Ausdruck, das die Rezensionen zu beiden Romanen transportieren. Diese werden einerseits als Dokumente »jener sachlich-verstörten […] Zeit, in der man lebt«4, gewertet und andererseits als »tolles widersinniges Geschreibsel«, als »Zerrbilder des Negativismus« abqualifiziert, denen »im deutschen Schrifttum« kein Platz zukomme.5 Nach Ansicht einer Kritikerin liefern sie eine »zutreffende psychophysische Beschreibung« eines modischen, vom Film beeinflußten Mädchentypus, lassen jedoch die »Wünschelrute der Dichtung« und eine »in die Zukunft weisende […] Haltung«6 vermissen. Der abwertenden Auffassung, ihnen sei ausschließlich die Rolle »billiger, aber sehr wirksamer Narkotica«7 zuzuschreiben, steht die anerkennende gegenüber, daß sie das »Zeithaft-Typische« zur Sprache bringen und den »realen Leser von heute zum Gegenstand« haben und auch erreichen.8

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. dazu Doris Rosenstein: Nebenbei bemerkt. Boheme-Gesten in Romanen Irmgard Keuns. In: Erkundungen. Beiträge zu einem erweiterten Literaturbegriff. Festschrift für Helmut Kreuzer. Hrsg. v. Jens Malte Fischer, Karl Prümm u. Helmut Scheuer. Göttingen 1987, S. 207–230;Google Scholar
  2. Doris Rosenstein: Irmgard Keun. Das Erzählwerk der dreißiger Jahre. Frankfurt/Main 1991.Google Scholar
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  4. 4.
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    Irmgard Keun hat zeitweise als Kontoristin in der Firma ihres Vaters gearbeitet. Vgl. Gabriele Kreis: Was man glaubt, das gibt es. Das Leben der Irmgard Keun. Zürich 1991.Google Scholar
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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1995

Authors and Affiliations

  • Doris Rosenstein

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