Advertisement

Die Angestellten, die Großstadt und einige »Interna des Bewußtseins«

Martin Kessels Roman »Herrn Brechers Fiasko«
  • Bernhard Spies
Chapter

Zusammenfassung

Martin Kessels erster Roman, 1932 zuerst erschienen1, ist schwer einzuordnen, in das erzählerische Œuvre seines Autors2 nicht minder als in die zeitgenössische Literatur. Sein Sujet ist das des Angestelltenromans, eines zeittypischen Genres der erzählenden Literatur aus den letzten Jahren der Weimarer Republik, zu dem u.a. auch Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen, Falladas Kleiner Mann, was nun? oder Kästners Fabian zu zählen sind.3 Allerdings vermeidet Herrn Brechers Fiasko deren Gestus der moralischen Anklage. Seine Gesellschaftskritik ist diejenige des ›kalten‹ analytischen Blicks. Das führt dazu, daß er einen größeren Ausschnitt der sozialen Realität als die übrigen Angestelltenromane erfaßt und daß er ihn mit größerer Tiefenschärfe wiedergibt.4 Greift man die ›Kälte‹ der Sichtweise als Einordnungskriterium auf, dann ordnet sich Kessels Roman dem historischen Kontext der Neuen Sachlichkeit zu. Dann ist aber auch zu bemerken, daß er die meisten Texte, die zu deren Hochzeiten entstanden, gerade an distanzierter ›Sachlichkeit‹ übertrifft: Er verschmäht nämlich jenen »Habitus des Einverständnisses«5, der den rückhaltlosen Anschluß der Kultur an die gesellschaftliche Modernisierung in den 20er Jahren meist auszeichnet. Zugleich ist unverkennbar, daß das, was er leisten will, über den neusachlichen Zeitroman hinausreicht. Zumindest in seinem Anspruch vergleicht er sich mit dem »metaphysischen Realismus«, wie Rothe ihn am Beispiel von Döblin, Musil und Broch beschrieben hat: Kessel pflegt die »Enthüllung der Wirklichkeit mittels Groteske, Ironie, Satire«, und zwar deshalb, weil es ihm um die metaphysische »Wahrheit einer ganzen Welt«6 zu tun ist — mit dem Unterschied, daß Herrn Brechers Fiasko sich keine Verweise auf eine »beginnende Überwirklichkeit« (Musil) gestattet und seinem Protagonisten im Unterschied zu Franz Biberkopf keine Erfahrung vom Einbruch eines Transzendenten in die negative Wirklichkeit vergönnt ist.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1.
    Martin Kessel: Herrn Brechers Fiasko. Stuttgart, Berlin 1932. — Eine vom Verfasser leicht überarbeitete Fassung des Romans erschien 1956 (Berlin, Frankfurt/Main), die auch der Taschenbuchausgabe von 1978 (Frankfurt/Main) zugrundeliegt. Die Änderungen der Nachkriegsversion bestehen vornehmlich in Straffungen und Kürzungen aphoristischer Passagen. Zitatnachweise im Text beziehen sich auf die am leichtesten zugängliche Ausgabe von 1956.Google Scholar
  2. 3.
    In diesen Kontext ordnet Wolfgang Wendler den Roman ein. Wolfgang Wendler: Die Einschätzung der Gegenwart im deutschen Zeitroman. In: Wolfgang Rothe (Hrsg.): Die deutsche Literatur in der Weimarer Republik. Stuttgart 1974, S. 169–194, hier S. 181f.Google Scholar
  3. 4.
    Vgl. Christa Jordan: Zwischen Zerstreuung und Berauschung. Die Angestellten in der Erzählprosa am Ende der Weimarer Republik. Frankfurt/Main, Bern, New York, Paris 1988, S. 132f.Google Scholar
  4. 5.
    Helmut Lethen: Neue Sachlichkeit. In: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 9: Weimarer Republik — Drittes Reich: Avantgardismus, Parteilichkeit, Exil. Hrsg. v. Alexander von Bormann u. Horst Albert Glaser. Reinbek bei Hamburg 1983, S. 168–179, hier S. 168.Google Scholar
  5. 7.
    Theodor Geiger: Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage. Stuttgart 1932;Google Scholar
  6. 8.
    Siegfried Kracauer: Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland. Frankfurt/Main 1930 (zuerst 1929 im Feuilleton der Frankfurter Zeitung veröffentlicht). Carl Dreyfuß: Beruf und Ideologie der Angestellten. München, Leipzig 1933. Dreyfuß kannte die Welt der Angestellten aus eigener Berufstätigkeit in den 20er Jahren;Google Scholar
  7. 9.
    Auf diesen Aspekt konzentriert sich Erhard Schütz: Romane der Weimarer Republik. München 1986, S. 71f.Google Scholar
  8. 12.
    Darauf bezieht sich eine zeitgenössische Rezension, die vergleichend feststellte: »das ganze abgezogene Büroleben ist noch nie so erschreckend klar geworden, noch nie so schmerzhaft deutlich das Gesicht des Büromenschen.« Herbert Günther: Herrn Brechers Fiasko. In: Die Literatur 35 (1932/33), S. 160.Google Scholar
  9. 15.
    Kracauer begründet die illusionäre Weltsicht und Wirklichkeitserfahrung der Angestellten, dem Basis-Überbau-Schema folgend, damit, daß »der Überbau [d.h. das Bewußtsein, B.S.] sich nur langsam der von den Produktivkräften heraufbeschworenen Entwicklung des Unterbaus anpasse« (Die Angestellten, S. 80). Benjamin referiert in seiner Rezension von Kracauers Buch diese Auffassung zustimmend mit der Bemerkung, »daß das Bewußtsein der verschiedenen Klassen ihm [d.h. dem gesellschaftlichen Sein, B.S.] nicht adäquat, sondern nur sehr vermittelt, uneigentlich und verschoben entsprechen kann«. Walter Benjamin: Ein Außenseiter macht sich bemerkbar. Zu S. Kracauer, Die Angestellten. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. III, Frankfurt/Main 1972, S. 219.Google Scholar
  10. 16.
    Darauf baut der geschichtsphilosophische Optimismus des historischen Materialismus jeglicher Provenienz, von der Parteidoktrin der KP bis zu Blochs Wertschätzung allen utopischen Denkens. Vorsichtiger schon, aber noch nach dem gleichen Gedankenmuster analysiert Kracauer den »Kult der Zerstreuung«. Er erblickt darin nur noch die Möglichkeit, nicht mehr die Notwendigkeit, daß die durch den Vergnügungsbetrieb vollendete Zerstreuung sich selbst aufbrechen könnte. Vgl. Siegfried Kracauer: Der Kult der Zerstreuung. In: Ders.: Das Ornament der Masse. Essays. Frankfurt/Main 1977, S. 311–317 (zuerst in: Frankfurter Zeitung, 4. März 1926).Google Scholar
  11. 18.
    Der Roman Der ewige Spießer erschien 1930. Er führt Horváths Kritik des Kleinbürgers in seinem ersten Roman Sechsunddreißig Stunden (1929) fort. Beide Texte sind abgedruckt in Ödön von Horváth: Der ewige Spießer. Gesammelte Werke. Hrsg. v. Traugott Krischke. Bd. 12, Frankfurt/Main 1987. — Brecher bezeichnet Geist und dessen Geistesverwandte ausdrücklich als Spießer (244).Google Scholar
  12. 19.
    Vgl. Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit. Frankfurt/Main 1981, S. 33. Blochs einschlägige Überlegungen stammen aus den späten 20er und frühen 30er Jahren. Zu den wichtigsten Arbeiten Kracauers in diesem Zusammenhang gehören die Filmrezensionen, die er 1927 unter dem Titel Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino veröffentlichte;Google Scholar
  13. 24.
    Vgl Dieter Mayer: Linksbürgerliches Denken. Untersuchungen zur Kunsttheorie, Gesellschaftsauffassung und Kulturpolitik in der Weimarer Republik (1919–1924). München 1981, S. 22.Google Scholar
  14. Martin Kessel: Vom Geist der Satire. In: Ders.: Ehrfurcht und Gelächter. Literarische Essays. Mainz 1974, S. 129–151.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1995

Authors and Affiliations

  • Bernhard Spies

There are no affiliations available

Personalised recommendations