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»Hier ist nicht Amerika«

Marieluise Fleißers »Mehlreisende Frieda Geier. Roman vom Rauchen, Sportein, Lieben und Verkaufen«
  • Sabina Becker
Chapter

Zusammenfassung

In der Fleißer-Forschung wurde bislang entweder mehr Gewicht auf Fleißers Dramen gelegt oder ihr episches Werk einseitig unter dem Aspekt des weiblichen Schreibens‹ untersucht.1 Dieser feministische Ansatz hat jedoch eine zu enge Verknüpfung von Werk und Biographie und somit die Verkürzung ihres literarischen Oeuvres auf die autobiographische Dimension zur Folge. Die stilistische Eigenart von Fleißers 1931 erschienenem Roman Mehlreisende Frieda Geier. Roman vom Rauchen, Sportein, Lieben und Verkaufen2 kann jedoch nicht ausschließlich durch die Strategien des ›autobiographischen‹ und ›weiblichen Schreibens‹ transparent gemacht werden. Die für die weibliche Ästhetik stereotyp genannten Bedingungen können die Eigenart der Fleißerschen Sprache nicht hinreichend erklären und treffen auf die Verhältnisse, aus denen heraus Fleißer schrieb, auch nicht zu.3 Marieluise Fleißer lebte in den zwanziger Jahren (noch) nicht in einer bürgerlich-konventionellen Ehe. Auch fehlte es ihr kaum an Aufführungs- und Publikationsmöglichkeiten im damaligen Literaturbetrieb. Die Bemühungen Feuchtwangers und Brechts mögen ihr persönlich zugesetzt haben, literarisch jedoch hat sie von beiden profitiert. Demzufolge gewinnt sie »nicht aus Zerstörung einer angeblich männlichen Logik […] die verfremdenden Qualitäten ihrer Sprache, sondern aus einer minimalen, aber entscheidenden Distanz zu ihren Protagonisten«4.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. hierzu die Arbeiten von Susan L. Cocalis: »Weib ist Weib«. Mimetische Darstellung contra emanzipatorische Tendenz in den Dramen Marieluise Fleißers. In: Wolfgang Paulsen (Hrsg.): Die Frau als Heldin und Autorin. Neue kritische Ansätze zur deutschen Literatur. Bern, München 1979, S. 201–210;Google Scholar
  2. dies.: Weib ohne Weiblichkeit. Welt ohne Weiblichkeit. Zum Selbst-, Frauen- und Gesellschaftsbild im Frühwerk Marieluise Fleißers. In: Irmela von der Lühe (Hrsg.): Entwürfe von Frauen in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Berlin 1982, S. 64–85;Google Scholar
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  6. 2.
    Da es hier um die Analyse des Romans innerhalb des literarischen Kontexts der Weimarer Republik sowie um die Interpretation als paradigmatischer Text der Neuen Sachlichkeit geht, muß auf die Originalfassung zurückgegriffen werden. Der Roman erschien im Herbst 1931 im Gustav Kiepenheuer Verlag Berlin. Im folgenden wird nach dieser Ausgabe zitiert. — Die Erstfassung weicht sowohl inhaltlich als auch stilistisch stark von der Neubearbeitung des Romans ab, die Fleißer im Februar/März 1972 unter dem Titel Eine Zierde für den Verein. Roman vom Rauchen, Sportein, Lieben und Verkaufen für die Gesamtausgabe ihrer Werke vorlegte (vgl. hierzu: Marieluise Fleißer: Gesammelte Werke. Hrsg. v. Günther Rühle. Bd. 2: Roman. Erzählende Prosa. Aufsätze. Frankfurt/Main 1972, S. 339.)Google Scholar
  7. 3.
    Vgl. Claudia Albert: Lust an der Gewalt. Opfer und Täter in Marieluise Fleißers Roman »Eine Zierde für den Verein«. In: literatur für leser 11/1 (1991), S. 18–30, hier S. 23.Google Scholar
  8. 5.
    Vgl. Michael Töteberg: Abhängigkeit und Förderung. Marieluise Fleißers Beziehungen zu Bertolt Brecht. In: Text + Kritik. Marieluise Fleißer. 1979, H. 64, S. 74–87;Google Scholar
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  11. 6.
    Rüdiger Krohn: Marieluise Fleißer. In: General-Anzeiger (Bonn), 26. Januar 1973.Google Scholar
  12. 8.
    Günther Rühle: Jene Zwanziger Jahre. Ein Gespräch mit Marieluise Reißer. Manuskript der Sendung im Deutschlandfunk vom 11.3.1973. Zit. nach Eva Pfister: »Unter dem fremden Gesetz«. Zu Produktionsbedingungen, Werk und Rezeption der Dramatikerin Marieluise Fleißer. Diss. masch. Wien 1981, S. 36.Google Scholar
  13. 9.
    Fleißer: Die ersten Schritte. In: Dies.: Gesammelte Werke, Bd. 4: Aus dem Nachlaß. Hrsg. v. Günther Rühle in Zusammenarbeit mit Eva Pfister. Frankfurt/Main 1989, S. 622–624, hier S. 624.Google Scholar
  14. Vgl. auch Reißer: Notizen. In: Günther Rühle (Hrsg.): Materialien zum Leben und Schreiben der Marieluise Fleißer. Frankfurt/Main 1973, S. 411–430, hier S. 413:Google Scholar
  15. 10.
    Günther Lutz: Marieluise Fleißer — Verdichtetes Leben. o.O. 1989, S. 50.Google Scholar
  16. 13.
    Alfred Kerr: Marieluise Fleißer: »Fegefeuer in Ingolstadt«. In: Berliner Tageblatt, 26. April 1926.Google Scholar
  17. 14.
    Herbert Ihering: »Fegefeuer in Ingolstadt«. In: Berliner Börsen-Courier, 26. April 1926.Google Scholar
  18. 15.
    Hü: Marieluise Fleißer: »Ein Pfund Orangen«. In: Münchner Neueste Nachrichten, 23. Juli 1929.Google Scholar
  19. 16.
    Reißer: Der Heinrich Kleist der Novellen. In: Der Scheinwerfer 1/2 (1927), S. 6–8;Google Scholar
  20. 18.
    Vgl. Erhard Schütz, Jochen Vogt (Hrsg.): Der Scheinwerfer. Ein Forum der Neuen Sachlichkeit 1927–1933. Essen 1986.Google Scholar
  21. 19.
    Vgl. Rühle (Hrsg.): Materialien, S. 152. — Züge von Küpper sind in der Figur des Wollank in Reißers 1929/30 entstandenem autobiographischen Drama Der Tiefseefisch verarbeitet.Google Scholar
  22. 20.
    Herbert Ihering: Aktuelle Dramaturgie. In: Der Scheinwerfer 1/2 (1927), S. 6ff.Google Scholar
  23. 26.
    Hermann Kesten (Hrsg.): 24 Neue deutsche Erzähler. Berlin 1929.Google Scholar
  24. Neuausgabe: Hermann Kesten (Hrsg.): 24 Neue deutsche Erzähler. Frühwerke der Neuen Sachlichkeit. München 1973.Google Scholar
  25. 27.
    Marieluise Fleißer: Andorranische Abenteuer. Berlin 1932.Google Scholar
  26. 28.
    Max Frisch: Marieluise Fleißer. Andorranische Abenteuer. In: Neue Zürcher Zeitung, 21. Dezember 1932. Wiederabgedruckt in: Ders.: Gesammelte Werke. Bd. 1: Kleine Prosaschriften. Hrsg. v. Hans Mayer unter Mitwirkung v. Walter Schmitz. Frankfurt/Main 1976, S. 32–33, hier S. 32.Google Scholar
  27. 29.
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  28. 30.
    Vgl. Joseph Roth: Lob der Dummheit. In: Die Literarische Welt, 27. September 1929. Wiederabgedruckt in: Ders.: Werke. Bd. 3: Das journalistische Werk 1929–1939. Hrsg. u. mit einem Nachwort v. Klaus Westermann. Köln 1991, S. 95–98;Google Scholar
  29. ders.: Schluß mit der ›Neuen Sachlichkeit‹! In: Die Literarische Welt, 17. u. 21. Januar 1930. Wiederabgedruckt in: Ders.: Werke. Bd. 3, S. 153–163;Google Scholar
  30. Bertolt Brecht: Neue Sachlichkeit. In: Ders.: Schriften. Bd. 21. Hrsg. v. Werner Hecht u.a. Frankfurt/Main, Berlin, Weimar 1992, S. 352–356.Google Scholar
  31. 31.
    Fleißer an Erich Kuby, 30. Januar 1943. In: Erich Kuby: Mein Krieg. Aufzeichnungen aus 2129 Tagen. München 1988, S. 310f. — Der Tiefseefisch wird gemeinhin als »persönlicher Abgesang auf die Neue Sachlichkeit« (Kässens, Töteberg: Marieluise Reißer, S. 65) gewertet. Jedoch verbindet sich hier die Kritik am neusachlichen Zeitgefühl zu stark mit der Aufarbeitung ihrer Trennung von Brecht. Das Stück entstand kurz nach dem Skandal um die Pioniere. Die Fleißersche Satire auf Brechts neusachliche Haltung ist zu undifferenziert und trifft kaum den Kern der Brechtschen Theorie. Reißer selbst bezeichnete im nachhinein diese Darstellung als »Verzerrung und Übertreibung« (Fleißer: Gesammelte Werke, Bd. 1, S. 459) und beurteilte ihre späteren Arbeiten über Brecht als weitaus authentischer.Google Scholar
  32. 33.
    Vgl. Töteberg: Spiegelung einer Bohemien-Existenz und Sportroman. Zeitliterarische Bezüge zum Prosawerk Marieluise Reißers. In: Text + Kritik. Marieluise Fleißer. 1979, H. 64, S. 54–60, hier S. 56.Google Scholar
  33. 37.
    Vgl. hierzu Sabina Becker: Urbanität und Moderne. Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur 1900–1933. St. Ingbert 1993.Google Scholar
  34. 40.
    Dieter Mayer: [Artikel] Neue Sachlichkeit. In: Dieter Borchmeyer, Viktor Žmegač (Hrsg.): Moderne Literatur in Grundbegriffen. Frankfurt/Main 1987, S. 275–282, hier S. 281.Google Scholar
  35. 42.
    Alexandra Kollontai: Die neue Moral und die Arbeiterklasse. Berlin 1920.Google Scholar
  36. Zit. nach Kristine von Soden, Maruta Schmidt (Hrsg.): Neue Frauen. Die zwanziger Jahre. Berlin 1988, S. 6–7, hier S. 6.Google Scholar
  37. 45.
    Kurt Pinthus versuchte 1929 die neusachliche Literatur als »eine männliche Literatur« zu umschreiben. Dabei bedeutete »männlich« jedoch nicht das Gegenteil von »feministischer Weiblichkeit«, sondern die Abgrenzung zu »jener expressionistischen Dichtung etwa der Jahre 1910–1925«, in welcher eine »übersteigerte Jünglingsgestalt […] in übersteigerter Sprache übersteigerte Proteste, Forderungen, Ideen herausrief«. Pinthus bezog Marieluise Fleißer in diese Literatur der »Illusionszerstörung«, geschrieben mit der »Unpathetik und Sachlichkeit des Chronisten«, ein (Männliche Literatur: In: Das Tagebuch 10/1 (1929), S. 903–911. Zit. nach Anton Kaes (Hrsg.): Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente der deutschen Literatur 1918–1933. Stuttgart 1983, S. 328–333, hier S. 328).Google Scholar
  38. 46.
    Vgl. Helmuth Lethen: Chicago und Moskau. In: Jochen Boberg, Tilman Fichter, Eckhart Gillen (Hrsg.): Die Metropole. Industriekultur in Berlin im 20. Jahrhundert. München 1986, S. 190–213.Google Scholar
  39. 48.
    Livia Z. Wittmann: Die fiktionale Neue Frau. In: Sylvia Wallinger, Monika Jonas (Hrsg.): Der Widerspenstigen Zähmung. Studien zur bezwungenen Weiblichkeit in der Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Innsbruck 1986, S. 259–280, hier S. 265.Google Scholar
  40. 49.
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  41. 50.
    Therese Fromm: Sportroman und Legende in Bayern. In: Frankfurter Zeitung, 3. Juli 1932, S. 3.Google Scholar
  42. 51.
    Fleißer: Sportgeist und Zeitkunst. Essay über den modernen Menschentyp. In: Germania, 12. September 1929. Im folgenden zitiert nach: Fleißer: Gesammelte Werke, Bd. 2, S. 317–320.Google Scholar
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  44. 62.
    Kurt Pinthus: Marieluise Fleißer. Vortrag im Berliner Rundfunk, 18. Dezember 1928. Zit. nach Rühle (Hrsg.): Materialien, S. 365–372, hier S. 371.Google Scholar
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    Günther Lutz: Die Stellung Marieluise Fleißers in der bayerischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Frankfurt/Main, Bern, Cirencester/U.K. 1979, S. 163.Google Scholar
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