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Neusachliche Zeitungsmacher, Frauen und alte Sentimentalitäten

Erich Kästners Roman »Fabian. Die Geschichte eines Moralisten«
  • Britta Jürgs
Chapter

Zusammenfassung

»Und wer die Dummheit beging, diesen Stil die ›Neue Sachlichkeit‹ zu nennen, den möge der Schlag treffen!«1 Trotz Kästners Drohung legen Motive und Sujets seines Romans Fabian. Die Geschichte eines Moralisten es nahe, diesen der neusachlichen Bewegung zuzuordnen. Obwohl Kästner nicht viel von der Bezeichnung ›Neue Sachlichkeit‹ zu halten schien, sprach er wertneutral von einer »sachlichen Generation«2. Er selbst zählte zu dieser »sachlichen Generation« Lyriker wie Joachim Ringelnatz, stellte aber ähnliche Bestrebungen auch in der Malerei fest, z.B. bei George Grosz und Otto Dix. Deren Kunst grenzt Kästner sowohl in dem 1927 erschienenen als auch in anderen, später verfaßten Artikeln3 von einer pathetischen und gefühlsüberladenen Kunst ab, die nach dem Kriegserlebnis nicht mehr angemessen sei. Man kann davon ausgehen, daß Kästner die Stilbezeichnung ›Neue Sachlichkeit nicht mit seiner eigenen Kunst in Verbindung bringen wollte. Gleichwohl soll im folgenden der Frage nachgegangen werden, was den 1931 erschienenen Roman mit dem ursprünglichen, vom Verlag abgelehnten Titel Der Gang vor die Hunde4 mit der Neuen Sachlichkeit verbindet.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Erich Kästner: Lyriker ohne Gefühl. In: Neue Leipziger Zeitung, 4. Dezember 1927;Google Scholar
  2. zit. nach: Johan Zonneveld: Erich Kästner als Rezensent 1923–1933. Frankfurt/Main, Bern, New York 1991, S. 221f., hier S. 222.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Erich Kästner: »Indirekte« Lyrik. In: Das Deutsche Buch 8/5–6 (1928);Google Scholar
  4. 4.
    Kästner arbeitete vom Herbst 1930 bis zum Sommer 1931 an seinem Roman. Am 11. November teilte er seiner Mutter mit, daß er den Romananfang diktiert habe und am fünften Kapitel arbeite, am 27. Juli 1931 schickte er das Manuskript an die Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart. Vgl. Erich Kästner: Mein liebes gutes Muttchen, Du! Briefe und Postkarten aus 30 Jahren. Ausgewählt u. eingeleitet v. Luiselotte Enderle. Hamburg 1981, S. 129 u. 149. Zum ursprünglichen Titel vgl. Erich Kästner: Gesammelte Schriften in sieben Bänden. Zürich, Berlin, Köln 1959, Bd. 2: Romane, S. 9. Romanzitate im Text im folgenden nach dieser Ausgabe.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Max Brods Einschätzung aus dem Jahre 1929: Die Frau und die neue Sachlichkeit;Google Scholar
  6. abgedruckt in: Friedrich Markus Huebner (Hrsg.): Die Frau von morgen wie wir sie wünschen. Mit einem Vorwort v. Silvia Bovenschen. Frankfurt/Main 1990, S. 47–54, hier S. 47.Google Scholar
  7. 6.
    Wieland Schmied: Neue Sachlichkeit und Magischer Realismus in Deutschland 1918–1933. Hannover 1969, S. 25.Google Scholar
  8. 7.
    Vgl. vor allem die schematische Auflistung der Gegensatzpaare bei Franz Roh: NachExpressionismus. Magischer Realismus. Probleme der neuesten europäischen Malerei. Leipzig 1925, S. 119f.Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. Volker Klotz: Lyrische Anti-Genrebilder. Notizen zu neusachlichen Gedichten Erich Kästners. In: Walter Müller-Seidel (Hrsg.): Historizität in Sprach- und Literaturwissenschaft. München 1971, S. 479–495.Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. Volker Klotz: Forcierte Prosa. Stilbeobachtungen an Bildern und Romanen der Neuen Sachlichkeit. In: Dialog. Literatur und Literaturwissenschaft im Zeichen deutschfranzösischer Begegnung. Festgabe für Josef Kunz. Hrsg. v. Rainer Schönhaar. Berlin 1973, S. 244–271.Google Scholar
  11. 11.
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  12. 12.
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  14. 13.
    Vgl. das Kapitel »Selbstverständnis im Stadtverständnis: Zeitung im Roman«. In: Volker Klotz: Die erzählte Stadt. Ein Sujet als Herausforderung des Romans von Lesage bis Döblin. München 1969, S. 419–429.Google Scholar
  15. 14.
    Robert Neumann: Ein Sohn, etwas frühreif, schreibt an Frau Großhennig. Nach Erich Kästner. In: Ders.: Die Parodien. München, Wien, Basel 1962, S. 251f., hier S. 251.Google Scholar
  16. 15.
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  17. 16.
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  18. 17.
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  20. 19.
    Zu Amerikanismus und Technik vgl. Helmut Lethen: Neue Sachlichkeit 1924–1932. Studien zur Literatur des »Weißen Sozialismus«. Stuttgart 1970, S. 19–62,Google Scholar
  21. sowie Herbert Moiderings: Amerikanismus und Neue Sachlichkeit in der deutschen Fotografie der zwanziger Jahre. In: Germanica 9 (1991), S. 229–243.CrossRefGoogle Scholar
  22. 21.
    Wieland Schmied: Die Neue Sachlichkeit. Malerei der Weimarer Zeit. In: Germanica 9 (1991), S. 217–228, hier S. 224.CrossRefGoogle Scholar
  23. 22.
    Helga Bemmann: Humor auf Taille. Erich Kästner — Leben und Werk. Berlin (DDR) 1983, S. 237.Google Scholar
  24. 23.
    Werner Schneyder: Erich Kästner. Ein brauchbarer Autor. München 1982, S. 53.Google Scholar
  25. 24.
    Helmut Kiesel: Erich Kästner. München 1981, S. 88.Google Scholar
  26. 26.
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  27. 27.
    Vgl. Dirk Walter: Zeitkritik und Idyllensehnsucht. Erich Kästners Frühwerk als Beispiel linksbürgerlicher Literatur in der Weimarer Republik. Heidelberg 1977, S. 149.Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. Helmut Lethen: Neue Sachlichkeit. In: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 9: Weimarer Republik — Drittes Reich: Avantgardismus, Parteilichkeit, Exil. 1918–1945. Hrsg. v. Alexander von Bormann u. Horst Albert Glaser. Reinbek bei Hamburg 1983, S. 168–179, hier S. 175. Den Widerspruch zwischen dem neusachlichen Männlichkeitskult und der literarischen Verkörperung des sachlichen Prinzips durch Frauenfiguren untersucht Ulrike Baureithel: »Kollektivneurose moderner Männer«. Die Neue Sachlichkeit als Symptom des männlichen Identitätsverlusts — sozialpsychologische Aspekte einer literarischen Strömung. In: Germanica 9 (1991), S. 123–143.Google Scholar
  29. 29.
    Renny Harrigan: Die emanzipierte Frau im deutschen Roman der Weimarer Republik. In: James Elliott, Jürgen Pelzer, Carol Poore (Hrsg.): Stereotyp und Vorurteil in der Literatur. Untersuchungen zu Autoren des 20. Jahrhunderts. Göttingen 1978, S. 64–83, hier S. 71f.Google Scholar
  30. 30.
    Vgl. Marianne Bäumler: Die aufgeräumte Wirklichkeit des Erich Kästner. Köln 1984, S. 112.Google Scholar
  31. 31.
    Vgl. Livia Z. Wittmann: Der Stein des Anstoßes. Zu einem Problemkomplex in berühmten und gerühmten Romanen der Neuen Sachlichkeit. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik 14/2 (1982), S. 56–78, hier S. 75.Google Scholar
  32. 32.
    Thomas Koebner: Das Drama der Neuen Sachlichkeit und die Krise des Liberalismus. In: Wolfgang Rothe (Hrsg.): Die deutsche Literatur in der Weimarer Republik. Stuttgart 1974, S. 19–46, hier S. 25.Google Scholar
  33. 33.
    So auch Egon Schwarz trotz unterschiedlicher Schlußfolgerung in: Die strampelnde Seele. Erich Kästner in seiner Zeit. In: Reinhold Grimm, Jost Hermand (Hrsg.): Die sogenannten Zwanziger Jahre. Bad Homburg, Berlin, Zürich 1970, S. 109–141, hier S. 128.Google Scholar
  34. 34.
    Vgl. Fritz Schmalenbach: Die Malerei der Neuen Sachlichkeit. Berlin 1973, S. 79.Google Scholar
  35. 35.
    Carl Pietzcker: Sachliche Romantik. Verzaubernde Entzauberung in Erich Kästners früher Lyrik. In: Germanica 9 (1991), S. 169–189, hier S. 187.CrossRefGoogle Scholar

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Authors and Affiliations

  • Britta Jürgs

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