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Der Blick auf den Ettersberg

Der Holocaust und die Germanistik
  • Hans Eichner
Chapter

Zusammenfassung

Wenn ein Tourist nach Weimar kommt, so besucht er gewiß Goethes Haus am Frauenplan. Dort kann er im Treppenhaus den Gipsabdruck einer hellenistischen Kopie des Apollo vom Belvedere bestaunen und besieht das aus Höchster Porzellan angefertigte Tintenfaß des Fräulein von Klettenberg, die Majoliken in Christianes früherem Schlafzimmer, die Abgüsse der Juno Ludovisi und der Venus von Arles, die optischen Instrumente, mit denen sich Goethe so viel Mühe gab, und den Schreibtisch, auf dem er am Faust arbeitete. Kennt sich der Besichtiger aus, so denkt er vielleicht mit Wehmut an die Zeit zurück, wo Weimar, zusammen mit dem benachbarten Jena, der Mittelpunkt der geistigen Welt Europas war. Blickt er aus den Fenstern, so sieht er vor allem Häuser, die zu Goethes Zeiten noch nicht gebaut waren. Nicht sehen kann er von Goethes Haus den Ettersberg, aber er kann hinüberfahren, und er erreicht wohl die Anhöhe, auf der zwölf Jahre lang das KZ Buchenwald stand, auf dem Weg über die “Blutstraße”, auf der die erschöpften, ausgehungerten Häftlinge aus den evakuierten Lagern im Osten, aus Auschwitz, Hirschberg im Riesengebirge und so vielen anderen, in neues Elend und oft in den Tod gingen. Fred Wander hat das so beschrieben:

Auf der Straße marsehierten lange Kolonnen Haftlinge, Lastwagen bahnten sieh einen Weg an den Mensehenmassen vorbei, aueh Personenwagen mit Offizieren, die ausdruekslos dureh die besehlagenen Fenster stierten. SS-Posten briillten, manehmal knallte ein Schuß, [… ]Von den seehzig Häftlingen in unserem Waggon lebten vielleieht noeh zwölf. […] Als unser Wagen geöffnet wurde, sehauten zwei bleiehe Gesiehter herein. [… ] Was lebte, kroeh zu der ¶ffnung und ließ sieh fallen. Der Schnee war zu alt, urn den Fall zu dämpfen, maneher, der es so weit gebraeht hatte, blieb nun liegen, wo er war. Überall lag die Emte, in den Wagen, unter den Wagen, auf den Sehienen, auf dem Straßenrand davor. Nur wenige vermoehten sieh zu erheben. Dann standen sie und staunten: Frauen mit Einkaufstasehen und Kinderwagen! Ein verrüekt gewordener Film. Anstatt des großen Lagers, mit briillenden SS-Bullen, anstatt der unterwürfigen, prügelnden Kapos, […] — Stille. Ein unheimlieh anmutendes Kleinstadtidyll, Frauen quollen irgendwo aus einem Luftsehutzbunker, beeilten sieh zum Herd, zu den Töpfen, sehleppten Brot, Milehflasehen, Bier. Kinder mit weißen und blaugestreiften Zipfelmützen. […] Der Weg, auf dem die Frauen mit den Kindem eilten, führte direkt an dem abgestellten Zug vorbei. Aber die Frauen und Kinder sahen nieht den Zug, sahen nieht die merkwürdigen Figuren, die aus den Waggontüren kollerten […], am Boden kroehen, sieh lautlos wanden, sieh zu erheben versuehten. Gespenster. Dann fiel eine junge Frau in Ohnmaeht. Jemand hielt den Kinderwagen, damit er nieht den Abhang hinunterrollte. Niemand redete ein Wort. Die junge Frau lag auf dem Weg. Sie hatte gesehen. Nur eine hatte gesehen. Und nun sahen aueh wir: Am Rande der Straße, auf der die Frauen und Kinder der SS-Männer ihren Einkaufsbummel maehten, lagen Eisenbahnsehwellen aufgesehiehtet, eine lange Reihe von Stöllen, je eine Lage quer tiber der anderen, vier zu vier, zwei Meter hoeh. Aber es waren Leiehen.

Überall auf dem gefrorenen Boden lagen, hoekten, zuekten Körper, Ieh sah fremde Häftlinge mit dicken Fausthandsehuhen an den Händen, die anfingen, die Toten einzusammeln und sie unter dem Kommando eines Stiefelträgers aufzusehichten, wie Eisenbahnsehwellen, sorgfältig, immer eine Lage quer über der andern, vier zu vier.

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Notizen

  1. 1.
    Fred Wander: Der siebente Brunnen. Erzählung. Frankfurt a.M.: Röderberg 1972, S.51 f.Google Scholar
  2. 6.
    Vgl. dazu George Steiner: Writing and the Holocaust. Hg. v. Berel Lang. New York/ London: Holmes & Meier 1988, S.156: “On a collective, historical scale, Auschwitz would signify the death of man as a rational, ‘forward dreaming’ speech-organism […]. It may be that after the gassing, starvation, live burial, slow torture, burning of millions of men, women, and children in the heartlands of so-called civilization, we have no longer cause or need to speak to or about a God whose overwhelming attribute became that of absence, of nothingness.”Google Scholar
  3. 8.
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    Vgl. dazu Alvin H. Rosenfeld: A Double Dying. Reflections on Holocaust Literature. Bloomington/London: Indiana University Press 1980.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1994

Authors and Affiliations

  • Hans Eichner

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