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Soziologische Expeditionen

  • Michael Bienert
Chapter

Zusammenfassung

Als »kleine Expedition, die vielleicht abenteuerlicher als eine Filmreise nach Afrika ist«, kündigt Siegfried Kracauer sein 1930 erschienenes Buch Die Angestellten an, das die Leser »ins Innere der modernen Großstadt« führen soll[1]. Im Jahr zuvor war die Studie als Artikelserie in der Frankfurter Zeitung erschienen. Durch den Vergleich mit einem Expeditionsreisenden ordnet sich Kracauer einem Trend in der zeitgenössischen Literatur ein, und er knüpft an eine historisch weit zurückzuverfolgende Tradition der Stadtbeschreibungsliteratur an. Den Trend hat er, wie seine literaturkritischen Arbeiten zeigen, Anfang der dreißiger Jahre aufmerksam beobachtet und unter dem Titel Reisen, nüchtern im Literaturblatt der Frankfurter Zeitung Mitte 1932 bilanziert. Parallel zur ausufernden Reiseliteratur sei eine Literaturgattung entstanden, »deren einzelne Werke in einem übertragenen Sinn ebenfalls Reisebeschreibungen sind. Nur daß die Reisen, denen sie sich widmen, in umgekehrter Richtung vonstatten gehen. Diese Expeditionen ziehen nicht nach Afrika oder Asien aus, sondern erforschen das von uns bewohnte Terrain; sie wenden uns nicht den Rücken zu, sondern verfolgen die Aufklärung des gesellschaftlichen Seins, das unser Tun und Denken bedingt. Kurz, es handelt sich um jene soziologische Literatur, die immer mehr in Aufnahme zu kommen scheint […] Soziologische Expeditionen — sie sind wie die geographischen Entdeckungsfahrten in die neue Wirklichkeit. Aber darüber hinaus haben sie das Ziel, alle Expeditionsteilnehmer zur Veränderung dieser Wirklichkeit zu aktivieren.«[2]

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Anmerkungen

  1. 1.
    Siegfried Kracauer, Die Angestellen (1930), S. 15.Google Scholar
  2. 2.
    Siegfried Kracauer, Reisen, nüchtern (1932). Ernst Glaesers Sammlung Fazit (1929) war der erste Versuch, die von Kracauer registrierte Tendenz an Beispielen aus der deutschen Publizistik auszuweisen. Sie macht sich nicht nur in der Beschreibungsliteratur bemerkbar, sondern auch in den Romanen der dreißiger Jahre und selbst in der Lyrik. »Die soziale Not [ist] das vorherrschende Thema, und den großen technischen Errungenschaften steht man oft mit Gleichmut oder mit einer überlegenen, wenn auch schwer erkämpften Ironie gegenüber«, heißt es im Vorwort der Herausgeber Robert Seitz und Hans Zucker zur 1931 erschienenen Lyrik-Anthologie Um uns die Stadt.Google Scholar
  3. 3.
    Karl Kraus, Heine und die Folgen (1911), S. 295.Google Scholar
  4. 4.
    Ebd., S. 294.Google Scholar
  5. 5.
    Siegfried Kracauer, Die Angestellten (1930), S. 15f.Google Scholar
  6. 6.
    Ebd., S. 7f.Google Scholar
  7. 7.
    Eckhardt Köhn, Straßenrausch (1989). — Ergänzungen zu dieser Arbeit, die den historischen Überblick komplettieren helfen, finden sich in Michael Geislers Buch über Die literarische Reportage in Deutschland (1982) und in Rüdiger Severins Spuren des Flaneurs in deutschsprchiger Prosa (1988).Google Scholar
  8. 8.
    Köhn, a.a.O., S. 17–26.Google Scholar
  9. 9.
    Zum Beispiel Friedrich Saß, Berlin in seiner neuesten Zeit und Entwicklung (1946) und Ernst Dronke, Berlin (1847).Google Scholar
  10. 10.
    Angestrebt wird also weder literaturhistorische Vollständigkeit, noch werden die unersetzlichen Berichte derjenigen berücksichtigt, die in den Elendsquartieren der zwanziger Jahre einheimisch waren.Google Scholar
  11. 11.
    Eike Geisel, Im Scheunenviertel (1981).Google Scholar
  12. 12.
    Hermann Ullmann, Los von Berlin? (1932), S. 13.Google Scholar
  13. 13.
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  16. 16.
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  17. 17.
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  18. 18.
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  20. 20.
    Ebd., S. 81.Google Scholar
  21. 21.
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  22. 22.
  23. 23.
    Franz Hessel, Spazieren in Berlin (1929), S. 220.Google Scholar
  24. 24.
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  25. 25.
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  30. 30.
    Siegfried Kracauer, Über Arbeitsnachweise (1930), S. 52.Google Scholar
  31. 31.
    Joseph Roth, Schluß mit der ›Neuen Sachlichkeit‹ (1930), S. 247. — Die auf die bürgerlichen Kollegen gemünzte Reportagekritik von Roth und Kracauer kann nicht ohne weiteres auf die Berichte von Einheimischen angewandt werden. Ein Beispiel dafür sind Hardy Worms Bilder aus dem »dunklen« Berlin. In ihnen werden die Eindrücke scheinbar beziehungslos aneinandergereiht. Auch Worm stilisiert sich zum »sensationshungrigen Reporter« (S. 12), der Berlin photographisch aufzeichnet. Doch gereicht seinen Texten gerade der Mangel an künstlerischer Gestaltung zum Vorteil: Sie zwängen das Beobachtete nicht in ein ästhetisches Arrangement, sondern reproduzieren die Wahrnehmung eines Einheimischen. Die Stadt und ihre Menschen sind für ihn kein willkürlich figurierbares, mit Bedeutungen belehnbares Material. Worm ist im Berliner Norden aufgewachsen. Straßennamen lösen Kindheitserinnerungen aus, Häuser, Elendsquartiere und Kaschemmen beschreibt er aus der Perspektive ihrer Bewohner. Die Eindrücke folgen, obwohl es zunächst so scheint, einander weder beliebig noch zufällig: Die Ortskenntnis und die innige Vertrautheit des Autors mit seinem Milieu schlagen sich in einer Darstellung nieder, die dem Beschriebenen nicht äußerlich bleibt, sondern immerhin Rückschlüsse zuläßt auf die Wahrnehmung der Einheimischen. (Hardy Worm, Mittenmang durch Berlin (1981)).Google Scholar
  32. 32.
    Joseph Roth, Schluß mit der ›Neuen Sachlichkeit‹ (1930), S. 248.Google Scholar
  33. 33.
    Ebd., S. 250.Google Scholar
  34. 34.
    Ebd., S. 250.Google Scholar
  35. 35.
    Roths Text beginnt mit dem langen Zitat eines amtlichen Schrifstücks, das den Insassen des Asyls Strafe für den Fall androht, daß sie sich innerhalb von fünf Tagen keine Wohnung verschaffen. Das Zitat dient dazu, den Unmut der Obdachlosen nachvollziehbar zu machen, und es gibt selbst den Stoff ab fur einen beißenden Kommentar: »Beweist nicht eher die Geschicklichkeit, sich nach fünf Tagen heutzutage in Berlin eine Wohnung zu beschaffen, Reife fürs Gefängnis?« (Bei den Heimatlosen (1920), S. 95.)Google Scholar
  36. 36.
  37. 37.
    Ebd., S. 97.Google Scholar
  38. 38.
    Ebd., S. 96.Google Scholar
  39. 39.
    »Er [Roth] bedient sich […] dem Film abgeschauter Techniken, bricht das Kontinuum der Realzeit auf und fugt das Räumlich Disparate zu einer neuen Simultaneität zusammen. Die Montage, die er simuliert, erzeugt eine neue, den Gegenstand eigentlich erst kontituierende räumlich-zeitliche Einheit, an der sich nun nicht mehr vorbeisehen läßt.« Karl Prümm, Die Stadt der Reporter und Kinogänger (1988), S. 92.Google Scholar
  40. 40.
    Joseph Roth, Der Zug der Fünftausend (1924), S. 21.Google Scholar
  41. 41.
    Ebd., S. 22.Google Scholar
  42. 42.
    Siegfried Kracauer, Der heutige Film und sein Publikum (1928), zit. n.: Das Ornament der Masse (1963), S. 304.Google Scholar
  43. 43.
    Siegfried Kracauer,(1930), S. 16.Google Scholar
  44. 44.
    Ebd., S. 56.Google Scholar
  45. 45.
    Ebd., S. 109. — Freilich blieb Kracauers Radikalität so wirkungslos wie jene. Wenigstens dem Wordaut seines Buches nach war er davon überzeugt, daß radikale Aufklärung über die gesellschaftliche Situation letztlich zwingend zu deren Veränderung fuhren müsse. Diese Überzeugung aber, wenn sie denn je wirklich bestand und nicht nur mit Rücksicht auf den öffentlichen Charakter seiner Äußerungen ausgesprochen war, stellten Kracauers Erkenntnisse selbst zunehmend in Frage. Kracauer kann es nicht entgangen sein, daß sich eine Kluft auftat zwischen seinen entmutigenden Erkenntnissen über die Bewußtseinslage der Massen und der Absicht, sie durch Erkenntnisse zu verändern. Nach dem Angestelltenbuch, bedingt auch durch die politische Entwicklung zwischen 1929 und 1933, muß sich seine Furcht verstärkt haben, mit seinem Konzept radikaler Aufklärung nicht nur eine bewußte Außenseiterstellung einzunehmen, sondern bereits auf verlorenem Posten zu stehen. Einige Belege dafür finden sich im nächsten Kapitel.Google Scholar
  46. 46.
    Theodor W. Adorno, Der wunderliche Realist (1964), S. 389f.Google Scholar
  47. 47.
    Kracauer, Die Angestellten, S. 68.Google Scholar
  48. 48.
    Siegfried Kracauer, Aus dem Fenster gesehen (1931), S. 41.Google Scholar
  49. 49.
    Siegfried Kracauer, Über Arbeitsnachweise (1930), S. 52.Google Scholar
  50. 50.
    Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt (1981). 50a Walter Benjamin: Das Passagen-Werk (1982), S. 46, S. 570–611.Google Scholar
  51. 51.
    Inka Mülder, Siegfried Kracauer (1985), S. 87f.Google Scholar
  52. 52.
    Georg Simmel, Soziologie (1908), S. 467. — Über das Verfahren, Gesetzlichkeiten durch Analogien aufzuweisen, schreibt Kracauer in seinem Aufsatz über Georg Simmel, es stelle das einzelne Faktum als Verkörperung einer Gesetzlichkeit dar, die nicht an jenem selbst angeschaut werde. Analogiebildung sei ein reflexiver Akt, ein Herstellen von Beziehungen zwischen Phänomenen auf der Grundlage theoretischer Einsicht. (Siehe: Das Ornament der Masse (1963), S.221ff.) Mit Analogien beginnt und endet auch der erste, auf das methodische Exposé des Textes Über Arbeitsnachweise folgende Abschnitt: »Wie die Arbeitslosenunterstützung zum Arbeitslohn, so verhält sich der Arbeitsnachweis zum regelrechten Büro. Er liegt gewöhnlich ungünstiger als der normale Arbeitsplatz, man merkt dem Raum an, daß er von der Gesellschaft notgedrungen den Freigesetzten eingeräumt worden ist.« (S. 52)Google Scholar
  53. 53.
    Kracauer, Über Arbeitsnachweise (1930), S. 52.Google Scholar
  54. 54.
  55. 55.
    Ebd., S. 52.Google Scholar
  56. 56.
    Ebd., S. 53.Google Scholar
  57. 57.
    Ebd., S. 53Google Scholar
  58. 58.
    Ebd., S. 53.Google Scholar
  59. 59.
    Ebd., S. 59.Google Scholar
  60. 60.
    Vgl. Patrick H. Hutton: Die Geschichte der Mentalitäten. Eine andere Landkarte der Kulturgeschichte (1981).Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1992

Authors and Affiliations

  • Michael Bienert

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