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Stadtbild und Städtebilder

  • Michael Bienert
Chapter

Zusammenfassung

Ein in Philosophie und Kunst bewanderter Berliner, Georg Simmel, besichtigt vor dem ersten Weltkrieg Rom. In einem Aufsatz unterzieht er seine Erfahrung einer ästhetischen Analyse. Dazu greift er auf zentrale Begriffe der idealistischen Ästhetik zurück [1]. Als Ganzes, schreibt Simmel, wirke Rom zweckmäßig geordnet, ohne daß die Stadt als Ganzes je zweckmäßig gestaltet worden sei. Die einzelnen Elemente der Stadtgestalt seien zwar, für sich betrachtet, Ausdruck unterschiedlicher Epochen, Interessen und Zwecke; doch ihr Nebeneinander und ihre Gegensätzlichkeit würden in einer vollkommenen organischen Einheit des Eindrucks aufgehoben. Was Element dieser organischen Einheit sei, verliere seinen zeitlichen und historischen Charakter und gewinne die Kraft, Ideen anschaulich zu repräsentieren. Die Stadt erlöse auch den Betrachter aus der Prosa seiner empirischen Existenz und versetze ihn in eine zeitenthobene Erfahrungssphäre. Rom sei schön wie ein Naturgebilde und zugleich ein »Kunstwerk höchster Ordnung« [2].

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Anmerkungen

  1. 1.
    Peter Bürger, zur Kritik der idealistischen Ästhetik (1983).Google Scholar
  2. 2.
    Georg Simmel, Rom. Eine ästhetische Analyse (1922), S. 10.Google Scholar
  3. 3.
    Simmel, a.a.O., S. 25f.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Kevin Lynch, Das Bild der Stadt (1960), S. 16f.Google Scholar
  5. 5.
    Eine erkenntnistheoretische Kritik dieser Vorstellung findet sich im dritten Band von Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen (1929), S. 70.Google Scholar
  6. 6.
    Die Stadt »ist nicht einfach ein beliebiges Objekt der Wahrnehmung, sondern sie ist selber eine Wahrnehmungseinrichtung, also weniger die Welt, die gesehen wird, als die real existierende Formidee, durch die hindurch die Welt gesehen wird. Die Stadt übersetzt die zerbrechlichen zeitlichen Strukturen des mythischen Erzählens in gebaute Formen, die auf Materialwiderstand und Dauer angelegt sind, Stadtmauern, Prozessionsstraßen, Tempel, Paläste, Brunnen, Stadtgrundriß, Straßengitter, zentrale Achsen haben die schlagende Einfachheit von Stimuli aus einem neuzeitlichen tierpsychologischen Labor«. In der Stadt »wird die physiologische Wahrnehmungsfähigkeit allererst vergesellschaftet, auf menschlich gesellschaftlicher Ebene wiederholt, im Material der alltäglichen Praxis.« (Dieter Hoffmann-Axthelm,MythosStadt — Wahrnehmung (1987), S. 42 / S. 41.)Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. dazu das Kapitel Wunschbilder.Google Scholar
  8. 8.
    Diesen Aspekt der Architektur hat Walter Benjamin herausgestellt in Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1939), S. 504f.Google Scholar
  9. 9.
    Simmel, a.a.O., S. 19. — Damit dementiert Simmel selbst die im Haupttext vorgetragene These, Rom gebe »die beglückende Gewähr, daß alle [!] Sinnlosigkeit und Disharmonie der Weltelemente ihren Zusammenschluß zu der Form schöner Ganzheit nicht hindert.« (S. 18f.)Google Scholar
  10. 10.
    An Margarete Susman vom 17. Januar 1918, zitiert nach Strohmeyer, Berlin in Bewegung (1987), Bd. 2, S. 38.Google Scholar
  11. 11.
    Kevin Lynch, Das Bild der Stadt (1960); Thomas Sieverts, Stadt-Vorstellungen (1966); Susanna Duncan, Mental Maps of New York (1977); Roger M. Downs und David Stea, Kognitive Karten (1982).Google Scholar
  12. 12.
    Theodor W. Adorno, Valerys Abweichungen (1960), S. 159; vgl. auch die Ausfuhrungen Peter Szondis, der diese Äußerung Adornos am Ende seines Traktates Über philologische Erkenntnis (1962) zitiert.Google Scholar
  13. 13.
    Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen, Dritter Teil: Phänomenologie der Erkenntnis (1929), S. 124ff.Google Scholar
  14. 14.
    Ernst Cassirer hat das methodische Hauptproblem, das sich aus dem Erkenntnisinteresse einer solchen Untersuchung zwangsläufig ergibt, folgendermaßen benannt: »Gibt sich uns alles […] immer nur als geprägte Form zu eigen: wie können wir hoffen, den Akt der Prägung als solchen theoretisch verstehen […] zu können? Niemals kann es uns gelingen, die Funktion, die hier waltet, sozusagen unmittelbar zu betreffen: sie gibt sich uns nur in ihrem Ergebnis zu eigen und verschwindet immer wieder in diesem Ergebnis. Und doch zeigt sich ein Weg, sie wenigstens indirekt sichtbar zu machen: […] Immer sind in den Gebilden des Bewußtseins die Phänomene sozusagen geladen mit bestimmten rein darstellenden Charakteren; aber das dynamische Spannungsverhältnis, das hier obwaltet, ist nicht überall das gleiche. Und eben diese Ungleichheit, die Variabilität weist uns den Weg, die beiden Momente, die wir nicht anders als in ihrer Wechselbeziehung kennen, in eben dieser Wechselbeziehung voneinander zu unterscheiden.« (Ebd., S. 142.) In seiner Philosophie der symbolischen Formen vergleicht Cassirer Mythos, Kunst, Wissenschaft, Religion, um Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Art und Weise des Aufbaus von Vorstellungsbildern der Welt zu ermitteln. Von Cassirers Verfahren ist die Interpretation der Städtebilder in der vorliegenden Arbeit über weite Strecken inspiriert worden.Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. dazu die Interpretationen zu Kracauer in Kapitel 5 und 6; daneben Carlo Ginzburgs Aufsatz Spurensicherung (1980), der eine wissenschaftstheoretische Kontroverse um das »Indizienparadigma« ausgelöst hat.Google Scholar
  16. 16.
    Goethe, Maximen und Reflexionen, Nr. 509 (= S. 435 in der Hamburger Ausgabe, Bd. XII, 8. Auflage, 1978).Google Scholar
  17. 17.
    Volker Klotz, Die erzählte Stadt. Ein Sujet als Herausforderung des Romans von Lesage bis Döblin (1969).Google Scholar
  18. 18.
    Vgl. vor allem Heinz Knobloch, Vom Wesen des Feuilletons (1954); Erhard Schütz, Kritik der literarischen Reportage (1977); Ludwig Rohner, Der deutsche Essay (1965); Michael Geisler, Die literarische Reportage (1982).Google Scholar
  19. 19.
    Das Massenmedium Zeitung, in dem diese Texte erscheinen, läßt sich, in Anlehnung an Überlegungen Peter Bürgers, als Institution begreifen; das heißt als ein »System von Beziehungen, durch das die Produktion, Distribution und Rezeption literarischer Werke determiniert wird«, und von dem ausgehend die Formeigentümlichkeiten und die gesellschaftliche Funktion der Texte verstanden werden können (Peter Bürger, Institution Kunst als literatursoziologische Kategorie (1977). — Das Zitat stammt aus einem daran anknüpfenden Aufsatz P. U. Hohendahls: Von der politischen Kritik zur Legitimationswissenschaft (1983), S. 196.). Der institutionelle Rahmen der Stadtbeschreibungsliteratur ist in den folgenden Interpretionen stets mitbedacht worden, meist stillschweigend; einige Anmerkungen, die eine umrißhafte Vorstellung davon geben, müssen hier genügen.Google Scholar
  20. 20.
    Peter de Mendelssohn, Zeitungsstadt Berlin (1982), S. 369.Google Scholar
  21. 21.
    Sling,Uhlenhorst Kochstr. 22–26 oder Der Geist des Hauses ( 1927).Google Scholar
  22. 22.
    Wolfgang Schivelbusch, Die Frankfurter Zeitung (1982), S. 68. Das Zitat stammt aus der Korrespondenz, die der finanziellen Transaktion vorausging.Google Scholar
  23. 23.
    Larissa Reissner, Ullstein (1924), S. 217f.Google Scholar
  24. 24.
    Zitiert nach Helmut Lethen, Chicago und Moskau (1987), S. 211; in Lethens Aufsatz finden sich auch weitergehende Überlegungen zur Rezeption von Zeitungen im Berlin der zwanziger Jahre.Google Scholar
  25. 25.
    Hans Brennert, Gemeinde und Presse (1926), S. 540 und 543.Google Scholar
  26. 26.
    Reissner, a.a.O., S. 218f.Google Scholar
  27. 27.
    Walter Benjamin, Der Erzähler (1936), S. 439.Google Scholar
  28. 28.
    Edlef Köppen, Das Magazin als Zeichen der Zeit (1925); Siegfried Kracauer, Die Photographie (1927); Hermann von Wedderkop, Wandlungen des Geschmacks (1926).Google Scholar
  29. 29.
    Reissner, a.a.O., S. 224f.Google Scholar
  30. 30.
    Franz Hessel, Spazieren in Berlin (1929), S. 258f. Zitiert nach der Neuausgabe, die 1984 unter dem Titel Ein Flaneur in Berlin erschienen ist.Google Scholar
  31. 31.
    Walter Benjamin, Das Paris des Second Empire (1938), S. 528ff. Daran anknüpfend Eckhardt Köhn, Straßenrausch (1989).Google Scholar
  32. 32.
    Heinz Knobloch, Vom Wesen des Feuilletons (1954), S. 21.Google Scholar
  33. 33.
    Joseph Roth, Feuilleton (1921).Google Scholar
  34. 34.
  35. 35.
    Joseph Roth, Antwort auf eine Rundfrage der Literarischen Welt (Die Tagespresse als Erlebnis) ( 1929).Google Scholar
  36. 36.
    Joseph Roth, Brief an Benno Reifenberg vom 22. April 1926, zitiert nach Margret Boveri, Joseph Roth und die Frankfurter Zeitung (1971), S. 792f.Google Scholar
  37. 37.
    Siegfried Kracauer, Über den Schriftsteller (1931).Google Scholar
  38. 38.
    Anton Kaes, Weimarer Republik (1982), S. XXXf.Google Scholar
  39. 39.
    Etwa bei Benjamin, Kracauer, Kisch, Heinrich Mann, Tucholsky, Paquet, Joseph Roth, um nur einige Beispiele zu nennen. Emst Glaesers Anthologie Fazit (1929) ist der erste Versuch eines Überblicks über diese literarische Strömung.Google Scholar
  40. 40.
    Walter Benjamin, Einbahnstraße (1928), S. 85.Google Scholar
  41. 41.
    Margret Boveri, a.a.O.Google Scholar
  42. 42.
    In: Ernst Bloch, Briefe 1903–1975 (1985). — Eine weitere wichtige Quelle sind Romane der zwanziger und dreißiger Jahre, in die die Erfahrung der Arbeit der Literaten für die Zeitung eingegangen ist, zum Beispiel Siegfried Kracauers Georg (1934) und Gabriele Tergits Käsebier erobert den Kurfürstendamm (1931).Google Scholar
  43. 43.
    Franz Hessel, Vorschule des Journalismus (1929), S. 104 und 109.Google Scholar
  44. 44.
    Gabriele Tergit, Käsebier erobert den Kurfürstendamm (1931), S. 14.Google Scholar
  45. 45.
    Walter Benjamin, Das Paris des Second Empire (1938), S. 536.Google Scholar
  46. 46.
    Joseph Roth, Feuilleton (1921), S. 804.Google Scholar
  47. 47.
    Alfred Döblin, Kunst ist nicht frei, sondern wirksam: ars militans (1929).Google Scholar
  48. 48.
    Michael Geisler, Die literarische Reportage (1982), S. 62ff.Google Scholar
  49. 49.
    Einen Überblick geben folgende Arbeiten: Wilmont Haacke, Handbuch des Feuilletons (1951–53); Heinz Kobloch, a.a.O.; Michael Geisler, a.a.O.; zur Vergegenwärtigung der Tradition des Berliner Feuilletons empfehlen sich vor allem die Anthologien von Sichelschmidt (Berlin! Berlin! (1980)) und Heinz Knobloch (Der Berliner zweifelt immer (1977)).Google Scholar
  50. 50.
    Einen Überblick über die Mitte der zwanziger Jahre allgemein bekannten Vorbilder gibt Hanns Heinrich Bormann in der Einleitung zu dem Sammelbändchen Die Zeitung. Darstellung und Bericht (1926).Google Scholar
  51. 51.
    Italo Calvino, Das Ohr, der Jäger, das Klatschmaul (1980).Google Scholar
  52. 52.
    Franz Hessel, a.a.O., S. 12 und 273ff.Google Scholar
  53. 53.
    Zum Beispiel die Anthologie Berlin Ein Heimatbuch (1925) von Karl Meyer.Google Scholar
  54. 54.
    Vgl. den Aufsatz Die Weltstadt als Heimat in dem Sammelwerk Probleme der neuen Stadt Berlin (1926).Google Scholar
  55. 55.
    Hermann Ulimann, Los von Berlin? (1932), S. 10.Google Scholar

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1992

Authors and Affiliations

  • Michael Bienert

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