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Vormoderne und Moderne

  • Hans Ulrich Seeber
Chapter

Zusammenfassung

Die Historiker sind sich darin einig, daß um 1880 ein deutlicher Einschnitt in der englischen Sozial- und Bewußtseinsgeschichte festzustellen ist. Der bislang vorherrschende Optimismus weicht bei vielen Angehörigen der tonangebenden Schichten Verunsicherung, Zweifeln und pessimistischen Ahnungen. Das Gefühl, daß die bisherigen Lösungen unzulänglich sind, schlägt sich auch in einer Literatur nieder, die sich etwa voll schlechten Gewissens der sozialen Misere annimmt und die Brauchbarkeit viktorianischer Kompromisse und Wertungen in Frage stellt. Obwohl die viktorianische Zeit offiziell erst mit dem Tode der Königin Viktoria 1901 ihren Abschluß findet, bietet es sich deshalb an, die neue Phase um 1880 beginnen zu lassen. Wir nennen sie Vormoderne, weil die Literatur der Übergangszeit 1880–1910 in ästhetischer Hinsicht noch nicht den radikalen, experimentellen Charakter der um 1910 einsetzenden historischen Avantgarde aufweist. Gemeinsamer Ausgangspunkt und Ferment der kulturellen Bemühungen zwischen 1880 und 1940 ist zu einem beträchtlichen Teil die Krise des Liberalismus, wobei unter Liberalismus nicht nur ein bestimmtes politisches Credo verstanden wird, sondern auch eine aus der Aufklärung stammende Weise der Weltbetrachtung. Rationalität, autonomes Individuum, innerweltliches Glücksstreben, Fortschritt, parlamentarische Ordnung und freies wirtschaftliches Handeln sind die Grundüberzeugungen und Zielvorstellungen dieses den Modernisierungsprozeß antreibenden liberalen Anschauungssystems, dessen Tauglichkeit seit etwa 1880 von verschiedenen Seiten verstärkt in Zweifel gezogen wird.

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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1999

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  • Hans Ulrich Seeber

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