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Traditionen und Tendenzen

  • Hartmut Dedert
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Zusammenfassung

Durch die Entwicklung eines Menschenbildes, das mit der emphatisch betriebenen Aufwertung von bislang unterdrückten Triebschichten das aufklärerische Humanitätsideal zur Utopie vom ganzheitlichen Individuum radikalisiert, das Fühlen, Denken und Handeln gleichberechtigt miteinander verbindet, erschließt der Sturm und Drang [1] zumindest ansatzweise auch der Erzählung neue Gegenstands- und Erfahrungsbereiche sowie das formalästhetische Instrumentarium zu ihrer Darstellung. Aus der Perspektive einer an Rousseau geschulten Zivilisationskritik wenden einige Werke sich etwa längst vergangenen Epochen der menschheitsgeschichtlichen Entwicklung zu, um bei den mythologischen Tiermenschen, Schäfern und Halbgöttern einer arkadischen Antike oder auch bei den biblischen Erzvätern der hebräischen Frühzeit die Sehnsucht der Genies nach Lebenstotalität zu stillen. Andere wiederum, vorbereitet durch die schon in der Hochaufklärung einsetzende Verpflichtung von Literatur auf Empirie und Erfahrung [2], öffnen das Erzählen verstärkt auf den Horizont der zeitgenössischen Lebenswirklichkeit: Mit dem Anspruch auf historische Wahrheit zumeist, nicht selten auch unter Berufung auf angeblich authentische Quellen, berichten sie von der aktuellen Gegenwart eines fiktiven deutschen Alltagslebens. Im Streben nach Ursprünglichkeit und natürlicher Daseinsfülle suchen sie etwa den bäuerlichen Lebensraum auf, forschen nach Resten des ganzen Menschen in den unteren Klassen der Gesellschaft, bei den einfachen Leuten und den unverbildeten Kindern des Volkes. Immer wieder aber und mit besonderer Vorliebe erzählen sie auch von bürgerlichen Helden und ihren privaten Geschichten im Abseits der großen Haupt- und Staatsgeschichte.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Zum Sturm und Drang allgemein vgl. etwa Pascal, Roy: Der Sturm und Drang. Stuttgart 1963, sowie die bereits erwähnten epochengeschichtlichen Darstellungen von Schneider, Hinck und KaiserGoogle Scholar
  2. 2.
    Vgl. Grimminger, Rolf: Aufklärung, Absolutismus und bürgerliche Individuen. Über den notwendigen Zusammenhang von Literatur, Gesellschaft und Staat in der Geschichte des 18. Jahrhunderts. In: Grimminger (Hg.): Deutsche Aufklärung bis zur Französischen Revolution, S. 15–99; besonders S. 48–57Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. hierzu Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. 5. Aufl. Neuwied. Berlin 1971, S. 64f.Google Scholar

Notizen

  1. 1.
    Über Claudius informieren Berglar, Peter: Matthias Claudius in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek 1972; knapp auch Suhrkamp, Peter: Der Wandsbecker Bote von Matthias Claudius. In: Ders.: Der Leser. Reden und Aufsätze. Frankfurt 1960, S. 42–58; sowie Wilke, Jürgen: Literarische Zeitschriften des 18. Jahrhunderts (1688–1789). T. 2: Repertorium. Stuttgart 1978, S. 106–111 (vgl. auch Anm. 2)Google Scholar
  2. 2.
    Claudius, Matthias: Sämtliche Werke. Nach dem Text der Erstausgaben (…). Textredaktion: Jost Perfahl. Mit einem Nachwort und einer Zeittafel von Wolfgang Pfeiffer-Belli; sowie Anmerkungen und Bibliographie von Hansjörg Platschek. München 1976Google Scholar
  3. 3.
    Claudius, Matthias: Nachricht von meiner Audienz beim Kaiser von Japan. In: op. cit., S. 131–149Google Scholar
  4. 4.
    Claudius, Matthias: Paul Erdmanns Fest. In: op. cit., S. 188–212Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. auch die bereits erwähnten Ausführungen Rowlands, der eine eingehendere Auseinandersetzung mit dem utopischen Charakter des Werkes liefert.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. dagegen Rowlands Deutung des ›rituellen Charakters‹ der Feier (Rowland, S. 20; S. 26)Google Scholar

Notizen

  1. 1.
    (Jung, Johann Heinrich:) Ase-Neitha. Eine Orientalische Erzählung. In: Der Deutsche Merkur 1773 Bd. 3, S. 223–237; 1773 Bd. 4, S. 119–134Google Scholar
  2. 2.
    op. cit., S. 230Google Scholar
  3. 3.
    op. cit., S. 125Google Scholar
  4. 4.
    Jung-Stilling, Johann Heinrich: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe mit Anmerkungen hrsg. v. Gustav Adolf Benrath. Darmstadt 1976. Einen knappen Kommentar liefert etwa Jacobs, Jürgen: Prosa der Aufklärung. Moralische Wochenschriften. Autobiographie. Satire. Roman. Kommentar zu einer Epoche. München 1976, S. 84–90Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. hierzu die ausführlichen Studien von Stecher, G.: Jung Stilling als Schriftsteller. Berlin 1913; besonders S. 27Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. auch Fink, Gonthier-Louis: Naissance et apogée du conte merveilleux en Allemagne. 1740–1800. Paris 1966, S. 415–425Google Scholar
  7. 7.
    Jung-Stilling: Lebensgeschichte, S. 32–34Google Scholar
  8. 8.
    op. cit., S. 95Google Scholar
  9. 9.
    op. cit., S. 67–69Google Scholar
  10. 10.
    Fink: Naissance, S. 420ff.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. hierzu ausführlicher Stecher, S. 40ff.Google Scholar

Notizen

  1. 1.
    Deutsche Chronik. Hrsg. v. Christian Friedrich Daniel Schubart. Jahrgang 1774–Jahrgang 1777. Faksimiledruck. Mit einem Nachwort hrsg. v. Hans Krauss. Heidelberg 1975. Bei den allgemeinen Informationen zu Schubart beziehe ich mich auf Gaiser, Konrad: Christian Friedrich Daniel Schubart. Schicksal, Zeitbild, ausgewählte Schriften. Stuttgart 1929; Karthaus, Ulrich: Nachwort. In: Christian Friedrich Daniel Schubart: Gedichte. Aus der Deutschen Chronik. Hrsg. v. Ulrich Karthaus. Stuttgart 1978, S. 169–186; Schairer, Erich: Christian Friedrich Daniel Schubart (1739–1791). In: Heinz-Dietrich Fischer (Hg.): Deutsche Publizisten des 15. bis 20. Jahrhunderts. München. Berlin 1971, S. 118–128; sowie Wilke 2, S. 148–154Google Scholar
  2. 2.
    Wilke 2, S. 149 (und viele andere)Google Scholar
  3. 3.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Nachricht. In: Deutsche Chronik 1775, S. 629f.Google Scholar
  4. 4.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Aus einer Morgenländischen Zeitung. In: Deutsche Chronik 1775, S. 593–595Google Scholar
  5. 5.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Eine Anekdote aus Solanders Reisen. In: Deutsche Chronik 1774, S. 309f.Google Scholar
  6. 6.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Etwas aus dem Thierreich. In: Deutsche Chronik 1774, S. 512Google Scholar
  7. 7.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Eine Fabel. In: Deutsche Chronik 1774, S. 613f.Google Scholar
  8. 8.
    Über das Genre informiert Grothe, Heinz: Anekdote. 2. Aufl. Stuttgart 1984 (Dem Anekdotenschaffen Schubarts zollt der Verfasser jedoch keine weitere Aufmerksamkeit.)Google Scholar
  9. 9.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Der wahre Priester. In: Deutsche Chronik 1776, S. 38 f.Google Scholar
  10. 10.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Beyspiel deutscher Großmuth. In: Deutsche Chronik 1775, S. 796f.Google Scholar
  11. 11.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Der menschliche Richter. In: Deutsche Chronik 1777, S. 737–739Google Scholar
  12. 12.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Eine traurige Würkung des Aberglaubens. In: Deutsche Chronik 1774, S. 198f.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. etwa die Anthologie Simplicianische Kalendergeschichten. Ausgewählt und mit einem Nachwort hrsg. v. Hubert Gersch. Frankfurt 1966Google Scholar
  14. 14.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Fürs Herz. In: Deutsche Chronik 1776, S. 77f.Google Scholar
  15. 15.
    op. cit., S. 78Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. hierzu GrotheGoogle Scholar
  17. 17.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Eine Anekdote aus der Welt. In: Deutsche Chronik 1775, S. 248Google Scholar
  18. 18.
    op. cit., S. 248Google Scholar
  19. 19.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Eine Anekdote. In: Deutsche Chronik 1775, S. 14Google Scholar
  20. 20.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Anekdote vom Weissagen. In: Deutsche Chronik 1775, S. 810f.Google Scholar
  21. 21.
    Schubart, Christian Friedrich Daniel: Die durchs Schachspiel erlangte Pfarre. In: Deutsche Chronik 1777, S. 644f.Google Scholar

Notizen

  1. 1.
    Vgl. die entsprechenden Anmerkungen in: Merck, Johann Heinrich: Werke. Ausgewählt und hrsg. v. Arthur Henkel. Mit einer Einleitung von Peter Berglar. Frankfurt 1968. (Ausführliche Interpretationen liegen zur Geschichte des Herrn Oheims vor. Vgl. etwa die bereits erwähnten Arbeiten von Lohmeier und Haas, denen ich mich bei der Oheim-Interpretation in manchem verpflichtet weiß.)Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Merck, Johann Heinrich: Über den Mangel des Epischen Geistes in unserm lieben Vaterland. In: Merck: Werke, S. 385–391Google Scholar
  3. 3.
    Merck, Johann Heinrich: Geschichte des Herrn Oheims. In: Merck: Werke, S. 173–229Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. hierzu ausführlicher etwa Lohmeier, S. 44ff. oder Dedner, Burghard: Topos, Ideal und Realitätspostulat. Studien zur Darstellung des Landlebens im Roman des 18. Jahrhunderts. Tübingen 1969, S. 88–108; besonders S. 105f.Google Scholar
  5. 5.
    Merck, Johann Heinrich: Eine Landhochzeit. In: Merck: Werke, S. 230–239Google Scholar
  6. 6.
    Da die Tischordnung sich offenkundig als Chiffre der Gesellschaftsordnung lesen läßt, könnte ein Vergleich zwischen der Plazierung der Gäste in Paul Erdmanns Fest und jener der Landhochzeit geradezu exemplarischen Aufschluß geben über die Unterschiede in der sozialpolitischen Perspektive der beiden Werke.Google Scholar
  7. 7.
    Merck, Johann Heinrich: Herr Oheim der Jüngere, eine wahre Geschichte. In: Merck: Werke, S. 250–286Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Haas, S. 131–135Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. Dedert, Hartmut: C’est tout comme chés nous — Johann Heinrich Mercks Charaktererzählung ›Lindor, eine bürgerlich-teutsche Geschichte‹. In: Dedert, Hartmut: Die Erzählung im Sturm und Drang. Studien zur Prosa des achtzehnten Jahrhunderts. Phil. Diss. Masch. Münster 1986, S. 256–268Google Scholar
  10. 10.
    Merck, Johann Heinrich: Akademischer Briefwechsel. In: Merck: Werke, S. 286–319Google Scholar

Notizen

  1. 1.
    Einen höchst informativen Gesamtüberblick über ›Leben und Werk‹ bietet Böschenstein, Renate: Maler Müller. In: Deutsche Dichter des 18. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk. Hrsg. v. Benno von Wiese. Berlin 1977, S. 641–657Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. hierzu ausführlicher Neuser, Peter-Erich: Nachwort. In: Müller, Friedrich: Idyllen. Hrsg. v. Peter-Erich Neuser. Stuttgart 1977, S. 353–365 (Im folgenden wird die Ausgabe zitiert als ›Müller: Idyllen‹)Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Böschenstein-Schäfer, Renate: Idylle. Stuttgart 1967, S. 1–13Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Dedert, Hartmut: Kindsmord in Arkadien — Friedrich (Maler) Müllers Idylle ›Das Nuß-Kernen‹. In: Dedert, S. 111–124Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Neuser, Peter-Erich: Editionsbericht. In: Müller: Idyllen, S. 257–266; hier S. 262Google Scholar
  6. 6.
    Müller, Friedrich: Der Faun eine Idylle. In: Müller: Idyllen, S. 7–13. Die 1775 selbständig erschienene Idylle konstituiert de facto — was dem zeitgenössischen Publikum unbekannt bleiben mußte — den Schlußteil eines großangelegten Idyllenzyklus, der Maler Müller bis in die achtziger Jahre hinein beschäftigte und der erst zu Beginn dieses Jahrhunderts an die Öffentlichkeit gelangte. (Vgl. hierzu Müller: Idyllen, S. 267f.Google Scholar
  7. 7.
    Müller, Friedrich: Der Satyr Mopsus eine Idylle in drey Gesängen. In: Müller: Idyllen, S. 15–41Google Scholar
  8. 8.
    Müller, Friedrich: Bacchidon und Milon, eine Idylle; nebst einem Gesang auf die Geburt des Bacchus. In: Müller: Idyllen, S. 43–63Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. hierzu allgemeiner Maler, Anselm: Versepos. In: Grimminger (Hg.): Deutsche Aufklärung bis zur Französischen Revolution, S. 365–422; besonders S. 390Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. op. cit., S. 388Google Scholar
  11. 11.
    Müller, Friedrich: Adams erstes Erwachen und erste seelige Nächte. In: Müller: Idyllen, S. 157–221. (Zur Interpretation vgl. Kaiser, Gerhard: Wandrer und Idylle. Goethe und die Phänomenologie der Natur in der deutschen Dichtung von Geßner bis Gottfried Keller. Göttingen 1977, S. 11–37; sowie Böschenstein, S. 651–654)Google Scholar
  12. 12.
    Kaiser: Wandrer, S. 34Google Scholar
  13. 13.
    Müller, Friedrich: Der erschlagene Abel. Eine Skizze: In: Maler Müller Idyllen. Vollständige Ausgabe in drei Bänden (…). Hrsg. und eingeleitet von O. Heuer. Bd. 1. Leipzig 1914, S. 119–134 (Zur Interpretation vgl. Schneider, S. 337)Google Scholar

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  • Hartmut Dedert

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