Advertisement

Zur sozialpsychologischen Konstitution der deutschen Nachkriegsgesellschaft

  • Wolfgang Türkis
Chapter
  • 9 Downloads

Zusammenfassung

»Für politisches Verhalten, für Erziehen oder Erzogenwerden ist das, was sich praktisch mit Gehorsam verbindet, ja eine der großen Motivachsen, um die sich viele Erörterungen bewegen«, bemerkt der Sozialpsychologe Peter Brückner.2Und es bedarf offensichtlich nur sehr weniger Worte und Begriffe, um einen Problemkern der Gehorsamsmathematik auszudrücken : was soll eigentlich das Ziel aller pädagogischen und politischen Bemühungen in der Gesellschaft sein: Ruhe oder Freiheit?3Und wie mag eigentlich in der jeweils unterschiedlichen Bedeutung dieser Begriffe respektive ihrer Systeme und gesellschaftlichen Konstellation Gehorsam gehandhabt und geleistet werden, wenn das Verhältnis der »assozierten Produzenten« (Brückner) im Arbeitsprozeß der Erziehung rational und humaner zugleich gestaltet sein soll?

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Notizen

  1. 1.
    Bloch, Ernst: Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt/Main 1962, S. 25.Google Scholar
  2. 2.
    Brückner, Peter: Zerstörung des Gehorsams, Aufsätze zur politischen Psychologie, Berlin 1983, S. 19. Die nachfolgenden Überlegungen stütze ich im wesentlichen auf diesen Text. W. T.Google Scholar
  3. 4.
    Horkheimer, Max und Adorno, Theodor Wiesengrund: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/Main 1971. Ich beziehe mich im folgenden nicht nur, aber besonders auf die S. 7–108.W.T.Google Scholar
  4. 6.
    Mann, Heinrich : Der Untertan, München 1964.Google Scholar
  5. 7.
    Vgl. hierzu : Frank, Niklas : Mein Vater, der Nazimörder, München 1987.Google Scholar
  6. 9.
    Loschütz, Gert : Von deutscher Art, Was in den Köpfen derer steckte, die sich einen Führer wünschten, Darmstadt/Neuwied 1982.Google Scholar
  7. 11.
    v. Lang, Jochen : Das Eichmann-Protokoll, Tonbandaufzeichnungen der israelischen Verhöre, Berlin 1982, nachfolgend als »v.Lang, Eichmann — Protokoll zitiert«.Google Scholar
  8. 20.
    Boldt, Gerhard : Die letzten Tage der Reichskanzlei, Reinbek bei Hamburg 1964. Es handelt sich um einen Augenzeugenbericht, der drei Monate vor Kriegsende beginnend, die unmittelbare Umgebung Hitlers schildert, begleitet von Intrigen- und Vetternwirtschaft. Vor allem der mangelde Realismus der NS-Führer in der letzten Phase wird beklagt. Eine Kausalität der Ereignisse vermag der Autor allerdings an keiner Stelle herzustellen. So scheint dieser Krieg am Ende über die Deutschen wie ein plötzliches Gewitter »hereingebrochen« zu sein.Google Scholar
  9. 22.
    Mir ist selbst aus nächster Nähe der Fall eines 1918 geborenen Verwandten bekannt, der, von Fronterlebnissen und Greueltaten des letzten Krieges buchstäblich »verfolgt«, bis in die jüngste Zeit unter Schlafstörungen, Alpträumen und zuweilen sogar Depressionen leidet. So wacht der Betreffende beispielsweise nachts schweißgebadet auf und reproduziert auf unverkennbare Weise das Kriegsgeschehen. Die Ehefrau versucht ihn dann zu beruhigen, gibt ihm etwas zu trinken oder richtet das Bett. Gesprochen wird über dieses Problem kaum, und wenn dann unter dem Gesichtspunkt »wie das denn alles am besten zu vereessen sei«.Google Scholar
  10. 24.
    Flechtheim, Ossip K. : Westdeutschland am Wendepunkt, Berlin/West, 1967, S. 24.Google Scholar
  11. 25.
    Vgl.hierzu : Sigmund Freud, Abriß der Psychoanalyse, Frankf./M. 1972. bes. S. 51 ff und S. 63ff.Google Scholar
  12. 28.
    Mitscherlich, Alexander: Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, München 1963. Zentrales Thema dieses Buches ist die Autorität,deren Formen und Ursachen der Autor in Familie, Schule, Staat und Organisationen aller Art aufzuspüren versucht.Die Thesen und Ergebnisse dieses Buches habe ich in meine folgenden Überlegungen mit einfließen lassen.Google Scholar
  13. 35.
    Vgl. die heftig geführte Kontroverse um die Aufführung des Faßbinder-Stücks: »Der Müll, die Stadt und der Tod«, in: Heiner Lichtenstein (Hg.),Die Faßbinder — Kontroverse oder das Ende der Schonzeit, Frankfurt/Main 1986.Google Scholar
  14. 36.
    Laplanche, J. u. Pontalis, J. B. : Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt/Main 1972, S. 513ff.Google Scholar
  15. 37.
    Freud, Sigmund: Trauer und Melancholie, (1917), in: Ders. Gesammelte Werke Studienausgabe 1969–1979, Band III, S. 197f.Google Scholar
  16. 43.
    Schneider, Michael : Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, Essays, Aphorismen und Polemiken, Köln 1984, S. 29. Ich beziehe mich auf den Aufsatz : Nicht alle sind tot, die begraben sind, Versuch über meine Nachkriegskindheit, S. 9–34. Dieser autobiographische Aufsatz ist im wesentlichen eine Erweiterung seiner Überlegungen aus: Schneider, Michael: Den Kopf verkehrt herum aufgesetzt, a. a. O.Google Scholar
  17. 45.
    Lucas, Erhard: Vom Scheitern der deutschen Arbeiterbewegung, Frankfurt/Main 1983, darin : Die Wiederkehr der Mörder I u. II, I S. 17–45 und II 177–191.Google Scholar
  18. 47.
    Freud betonte immer den »unzerstörbaren Charakter« der unbewußten Inhalte. Vgl. Freud, Sigmund: Die Traumdeutung (1900), in: ders.GW Bd. II, Frankfurt/M. 1975, S. 583.Google Scholar
  19. 62.
    Kipphardt, Heinar: Traumprotokolle, Reinbek bei Hamburg, 1984.Google Scholar
  20. 73.
    Schmitt, Carl : Der Begriff des Politischen, 1927. Ein sehr kenntnisreicher Beitrag, auf den ich diese Überlegungen über Carl Schmitt auch stütze, stammt von : Reifenrath, Roderich : Der Propagandist des Ausnahmezustandes, Ein Relikt aus den Weimarer Jahren ist gestorben : der Staatsrechtler Professor Carl Schmitt, in: Frankfurter Rundschau v. 11. 4. 1985, S. 18.Google Scholar
  21. 74.
    Sombart, Nicolaus: Jugend in Berlin, Berlin 1984.Google Scholar
  22. 75.
    Mitscherlich, Alexander und Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern, Grundlagen kollektiven Verhaltens. München 1967. Im folgenden mit »Mitscherlich. Die Unfähigkeit…« zitiert.Google Scholar
  23. 78.
    Mitscherlich, Margarete : Erinnerungsarbeit, Zur Psychoanalyse der Unfähigkeit zu trauern, Frankfurt/Main 1987, S. 81f.Google Scholar
  24. 79.
    Dieser Begriff des Provinzialismus steht in den 80er Jahren erneut oder immer noch (spätestens seit der Bonner Wende 1982) im Blickwinkel gesellschaftspolitischer Kritik — vor allem durch die Symbolfigur des Bundeskanzlers Kohl. Vgl. hierzu zwei neuere Arbeiten von Helmut Dubiel : 1. »Was ist Neokonservatismus?«, Frankf./Main 1985 und 2. »Populismus und Aufklärung«, Frankf./Main 1987.Google Scholar
  25. 82.
    Arendt, Hannah: Besuch in Deutschland 1950, erstmals erschienen unter dem Titel »The Aftermath of Nazi-Rule. Report from Germany« in »Commentary« 10, Oktober 1950, S. 342–53. Hier zit. nach H. A., Zur Zeit, Politische Essays, Berlin 1986, S. 43ff.Google Scholar
  26. 84.
    Ausführlich hierzu: Meckel, Christoph: Suchbild, Über meinen Vater, Frankf./Main 1983, S. 66f.Google Scholar
  27. 89.
    Engelmann, Bernt: Wir sind wieder wer, Gütersloh 1981, S. 13f.Google Scholar
  28. 92.
    Giordano, Ralph: Die zweite Schuld oder von der Last ein Deutscher zu sein, Hamburg 1987, S. 102.Google Scholar
  29. 102.
    Horkheimer, Max: »Wir Nazis«, Frankfurt 1962, zit. n. Clausen, Detlev : »Blick zurück in Scham — aber ohne Schuld«, in: Frankf.Rundschau v. 27. 10. 1987, S. 12.Google Scholar
  30. 117.
    Leiser, Erwin : Hinter dem Schweigen kein Gefühl von Schuld, »Leben nach dem Überleben« : Begegnungen mit Menschen, die dem Holocaust entrannen, in: Frankfurter Rundschau vom 12. 6. 1982.Google Scholar
  31. 119.
    Helmut Kohl, zit. nach : Der Spiegel 5/1984, S. 28.Google Scholar
  32. 120.
    Vgl. Krippendorff, Ekkehart: »Die Deutschen sind nicht mehr, was sie waren«, ein Essay über Geschichtsbewußtsein und politische Kultur, in : Der Spiegel 23/1987, S. 36.Google Scholar
  33. 126.
    Mitscherlich, Margarete: Die Notwendigkeit zu trauern, in: Frankfurter Rundschau v. 25. 1. 1979, S. 14.Google Scholar
  34. 128.
    Freud, Sigmund: Trauer und Melancholie, Frankf./M. 1975, S. 206.Google Scholar
  35. 136.
    Lukács, Georg: Von Nietzsche bis Hitler, Frankf./M. 1966, S. 21.Google Scholar
  36. 139.
    Enzensberger, Hans Magnus: »Die Gesellschaft ist keine Hammelherde«, Spiegel-Gespräch, in : Der Spiegel 4/1987, S. 77.Google Scholar
  37. 140.
    Horkheimer, Max u. Adorno, Theodor W. : Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/M. 1969.Google Scholar
  38. 144.
    Freud, Sigmund: Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten, (1914), GW Studienausgabe — Ergänzungsband, Frankfurt/Main 1975, S. 208.Google Scholar
  39. 158.
    Horväth, Ödön v. : Der ewige Spießer, Berlin 1930.Google Scholar
  40. 159.
    Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung, Frankf./Main 1959, S. 1603.Google Scholar
  41. 160.
    Ich beziehe mich im folgenden auf: Kocka, Jürgen : Die Angestellten in der deutschen Geschichte 1850–1980, Göttingen 1980 und ders.: Angestellte zwischen Demokratie und Faschismus, Göttingen 1977, Kapitel A S. 17–52, daneben auch: Hamilton, R.: Die soziale Basis des Nationalsozialismus, in: Angestellte im europäischen Vergleich, Göttingen 1977, hg. v. J.Kocka.Google Scholar
  42. 161.
    Die nachfolgenden Uberlegungen gehen zurück aut: Franke, Berthold: Die Kleinbürger, Frankfurt/Main 1988.Google Scholar
  43. 163.
    Michel, Karl-Markus : Wir Überbauarbeiter, Ein Brief über mich und meinesgleichen, in: Kursbuch 45, Berlin, 1976, S. 23.Google Scholar
  44. 169.
    Parin, Paul : Die hoffnungsvolle Kindheit und das gefährliche Leben des Kleinbürgers : Eine ethnologisch-psychoanalytische Betrachtung,in: Kursbuch 45/1976, S. 122.Google Scholar
  45. 172.
    Vgl. : Jovic, Anja : Die »alte« Welt, die »neue« Welt, in: Kursbuch 45 Berlin/W 1976, S. 92.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 1990

Authors and Affiliations

  • Wolfgang Türkis

There are no affiliations available

Personalised recommendations